Deep Dive

300% Wachstum? Wirklich? Fintech-Jubel am Beispiel Debitos

7. April 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Ist das hier der wahre Profiteur der Corona-Krise? Das Frankfurter Fintech Debitos? Man könnte es meinen. Denn 1.) betreibt Debitos eine Plattform für den Handel mit notleidenden Krediten. Und 2.) war Debitos – glaubt man den großen Wirtschaftszeitungen – auch schon vor Corona eine einzige Erfolgsgeschichte:

  • „[Debitos ist] ein Schrottplatz für notleidende Kredite – mit rasantem Wachstum“ (FAZ, 22.04.2016)
  • „Bis 2018 soll [der Nominalwert der abgewickelten Transaktionen] auf mindestens zehn Milliarden Euro steigen“ (HB, 10.11.2017)
  • „Ein Umsatzwachstum von knapp 300 % auch 2019 wäre toll, meint [Debitos-Geschäftsführer Timur] Peters.“ (Börsen-Zeitung, 23.01.2019)
  • „Das Beispiel Debitos zeigt, dass die Revolution des Geldgeschäfts längst begonnen hat“ (Handelsblatt, 31.07.2019)
  • „Debitos profitiert von Krisen“ (FAZ, 26.02.20)

Rasantes Wachstum in 2016! 10 Mrd. Euro Volumen in 2018!! Knapp 300% Wachstum „auch“ in 2019!!! Und jetzt mit der Corona-Krise der womöglich ultimative Geschäfts-Beschleuniger … Wird Debitos zum neuen deutschen Super-Fintech? Wie gesagt, man könnte es fast meinen. Doch stimmen die Jubelberichte überhaupt?

Dieser Frage ist Finanz-Szene.de nachgegangen. Bevor wir aber in die Zahlen einsteigen – sollten wir erst einmal die Basics klären:

Was macht Debitos genau und welche Begrifflichkeiten gilt es zu kennen?

Debitos ist eine auf notleidende Kredite spezialisierte Forderungsbörse, auf der Käufer und Verkäufer von Krediten zusammenfinden und Debitos die Transaktion und den Vertragsabschluss digital abwickelt. Mit diesem an sich überschaubaren Vorgang kommen diverse Kennziffern ins Spiel, in denen man sich schon mal – wie unsere folgenden  Beispiele zeigen – verheddern kann. Es gibt:
  • Das Volumen der angebotenen Forderungen (also Forderungen, die einen Käufer suchen)
  • das Nominalvolumen der gehandelten Forderungen (also der ursprüngliche Wert der Forderungen)
  • das tatsächliche Transaktionsvolumen der Forderungen (also der Wert der Forderungen zum aktuellen Preis)
  • die Anzahl der Transaktionen
  • der Umsatz, der aus den Transaktionen bei Debitos hängen bleibt
  • der Gewinn, der hieraus geschöpft wird

So weit, so klar? Dann hinein in unsere Tiefenrecherche:

1.) Ist Debitos in 2019 gewachsen oder geschrumpft?

Die FAZ schrieb am 26. Februar 2020:

„Das Geschäft der Kredithandelsplattform Debitos wächst. Im vergangenen Jahr [Anm.: also 2019] verkauften Gläubiger über das im Jahr 2010 gegründete Unternehmen notleidende Forderungen im Nennwert von 632 Millionen Euro an Investoren.“

Unsere Einordnung:

  • Die 632 Millionen Euro klingeln fulminant. Allerdings ist die Einordnung „Wachstum“ für uns nicht nachvollziehbar. Denn 2018 waren über Debitos nach eigenen Angaben Kredite mit einem Nennwert von 2,47 Mrd. Euro verkauft worden. Gemessen daran bedeuteten die 632 Mio. Euro in 2019 kein Wachstum, sondern eine Schrumpfung des Geschäftsvolumens um rund 75%.

Stellungnahme Debitos:

  • Debitos-Chef Timur Peters argumentiert, dass sein Unternehmen 2019 sehr wohl weiter gewachsen sei, schließlich sei das kumulierte Nominalvolumen, das Ende 2018 bei knapp 4,3 Mrd. Euro gelegen habe, durch durch die 632 Mio. Euro auf nahezu 4,9 Mrd. Euro gestiegen. Zudem sei die Anzahl der Transaktionen auch aufs Jahr bezogen leicht gestiegen, nämlich von 24 (2018) auf 26 (2019). Auch die Zahl der bei Debitos registrierten Investoren sei gewachsen (von 631 auf 769). Hinzu komme: 2018 sei ein spezielles Jahr gewesen, dass aus der Statistik heraussteche (mehr dazu weiter unten).

2.) Hat Debitos sein kumuliertes Transaktionsvolumen zwischen November 2017 und Ende 2018 mindestens verfünffacht?

Am 10. November 2017 schrieb das „Handelsblatt“

„Die Digitalisierung des Verkaufsprozesses soll helfen, Kreditportfolios innerhalb von Wochen handelbar zu machen. Bei traditionellen Verkaufswegen dauert das oft Monate. Seit der Gründung 2010 hat Debitos mehr als 220 Transaktionen mit einem Nominalwert von knapp zwei Milliarden Euro abgewickelt. Bis 2018 soll diese Zahl auf mindestens zehn Milliarden Euro steigen – und dazu soll vor allem die Internationalisierung des Geschäfts beitragen.“

Unsere Einordnung:

  • Statt der anvisierten mindestens 10 Mrd. Euro abgewickelten Kredite per Ende 2018 kam Debitos selbst per Ende 2019 (siehe oben) erst auf 4,9 Mrd. Euro. Das Frankfurter Fintech hat also sein auf ein Jahr ausgegebenes kumuliertes Volumen-Ziel selbst auf zwei Jahre um mehr als 50% verfehlt.

Stellungnahme Debitos

  • „Wir haben 2017 im europäischen Ausland die Promotion bei klassischen Transaktionsberatern gestartet, um ein Partnergeschäft zu entwickeln. Ernst & Young war der erste dieser Partner, weitere folgten. Diese Partner haben uns ziemlich optimistische Business-Pläne vorgelegt, die unsere Erwartungen hochschlagen ließen. Am Ende dauerte es dann doch alles ziemlich lange, bis die ersten Erfolge eintraten, und die überbordende Bürokratie bei großen Unternehmen haben wir tatsächlich unterschätzt.“

3.) Wann fand der ganz große Deal statt, im Januar 2019 oder schon im Jahr zuvor?

Die Börsen-Zeitung schrieb am 23. Januar 2019

„[…] das Volumen legt gleichwohl rasant zu. So machte [Debitos] vor wenigen Tagen mit der Auktion eines Portfolios notleidender unbesicherter Kredite aus Italien im Nominalwert von rund 2,1 Mrd. Euro von sich reden […] Das vergangene Jahr dürfte das Unternehmen [seinem Gründer und Chef Timur] Peters zufolge mit einem Umsatz von 1,8 bis 1,9 Mill. Euro abgeschlossen haben, knapp das Dreifache des Vorjahres. […]

Unsere Einordnung:

  • Aus unserer Sicht suggeriert die Formulierung „vor wenigen Tagen“, die Transaktion habe im Januar 2019 stattgefunden. Tatsächlich fiel sie aber noch ins Geschäftsjahr 2018
  • Die 2,1-Mrd.-Euro-Super-Transaktion (sie wurde vom Partner E&Y über die Debitos-Plattform abgewickelt) dürfte also signifikant zur angeführten Verdreifachung des Debitos-Umsatzes in 2018 beigetragen haben – auch wenn es sich so liest, als hätte Debitos den starken 2018er-Zahlen gleich noch die Super-Transaktion Anfang 2019 folgen lassen

Stellungnahme Debitos:

  • Siehe weiter unten …

4.) Hat Debitos 2019 tatsächlich ein Umsatzwachstum von knapp 300%* erzielt?

Die Börsen-Zeitung schrieb am 23. Januar 2019 weiter:

„In Anbetracht der auf der Plattform momentan offerierten Kredite von 800 Mill. bis 900 Mill. Euro sowie einer Platzierungsquote von erfahrungsgemäß 60 bis 70 % erwartet Debitos im ersten Halbjahr weitere Umsätze von rund 3 Mill. Euro. Ein Umsatzwachstum von knapp 300 % auch 2019 wäre toll, meint Peters, der auf Skaleneffekte verweist und prognostiziert, dass es auf längere Sicht „auch im Zuge des Zinszyklus wieder mehr Nachfrage“ nach NPL-Verkäufen geben wird.

Unsere Einordnung:

  • Es gibt aus unserer Sicht starke Indizien, dass die „knapp 300% Umsatzwachstum“ nicht erreicht wurden. Wir erinnern uns: Debitos sprach ein Jahr später davon, man habe im gesamten Jahr 2019 Kredite im Volumen von 632 Mio. Euro vermittelt. Das oben ausgegebene Ziel von 3 Mio. Umsatz mit 60 bis 70 Prozent Platzierungsquote aus offerierten Krediten von 800 bis 900 Mio. Euro (mithin also 480 bis 630 Mio. Euro Zielwert) bezog sich indes auf das erste halbe Jahr. Wenn nun aber im Gesamtjahr 2019 besagte 632 Mio. Euro Platzierungsvolumen abgewickelt wurden, dann hätte Debitos im Gesamtjahr 2019 lediglich das obere Ende dessen vermittelt, was man sich schon für das erste Halbjahr vorgenommen hatte. Die knapp 300% Umsatzwachstum wären nur mit einer Explosion der Margen überhaupt realistisch. Denn ins Vorjahr war ja besagte Groß-Transaktion gefallen.
Stellungnahme Debitos (zu 3. und 4.):
  • „Wir sind kein börsengelistetes Unternehmen und müssen Ziele und tatsächlich eingetretene Zahlen nicht öffentlich kommentieren. In der Tat konnten wir die Umsatzziele 2019 nicht erreichen, haben aber sehr große Fortschritte beim Onboarding großer Finanzkonzerne gemacht.“

5.) Sehen wir richtig, dass das Transaktionsvolumen 2019 geringer ausfiel als 2014?

Bereits am 1. Juli 2015 schrieb die FAZ:

„2014 wurden schon knapp 80 Transaktionen mit einem Volumen von 860 Millionen Euro über das junge Frankfurter Unternehmen mit Sitz an der Friedrich-Ebert-Anlage abgewickelt.“

Praktisch analog berichtete am 6. Juli 2015 die Welt:

„2014 wurden Forderungen mit etwas mehr als 1,2 Milliarden Euro Nominalwert auf Debitos angeboten, 860 Millionen davon in 77 Transaktionen auch tatsächlich verkauft – natürlich immer zu einem Bruchteil des Preises.“

Unsere Einordnung:

  • Die 860 Mio. Euro in 2014 klingen beachtlich. Allerdings bedeutet der Wert ja auch, dass 2019 über Debitos weniger Volumen (nämlich 632 Mio. Euro) abgewickelt wurde als fünf Jahre zuvor. Und das, obwohl 2019 doch das Jahr war, in dem das Frankfurter Fintech unter anderem unter Verweis auf „Skaleneffekte“ eine Vervierfachung seines Umsatzes (nicht: seines Volumens) angestrebt hatte, und zwar bezogen auf 2018 (also das Jahr der „Super-Transaktion“ mit E&Y)

Stellungnahme Debitos:

  • „Kurz nach der Gründung von Debitos liefen zwar viele Transaktionen, die teilweise ein hohes Nominalvolumen hatten, aber weniger werthaltige Assets enthielten (unbesicherte Portfolios oder Einzelkredite) und deshalb auch zu relativ geringen Preisen verkauft wurden. Das waren besonders bei den deutschen Banken oftmals Testballons, um die Funktionalität der Debitos-Plattform zu testen. In den vergangenen Jahren hat sich die Wertigkeit der Transaktionen deutlich verbessert. Die Transaktionen und das Volumen mögen im Vergleich zu 2014 zwar abgenommen haben, die enthaltenen Assets sind aber deutlich werthaltiger und werden zu deutlich höheren Preisen verkauft – und dadurch steigt auch der Umsatz von Debitos, da wir prozentual am Verkaufspreis beteiligt werden. […]  Weiterhin möchten wir darauf hinweisen, dass von den 860 Mio. Euro in 2014 über 600 Mio. Euro aus einer einzelnen Transaktion in Griechenland stammten, die zu einem wirklich sehr geringen Anteil des Nominalvolumens verkauft wurde.“

6.) Hat Debitos tatsächlich schon 2015 schwarze Zahlen geschrieben?

In dem „FAZ“-Artikel vom 1. Juli 2015 hieß es weiter:

„Dieses Jahr will die Forderungsbörse mit zwölf Mitarbeitern zum ersten Mal schwarze Zahlen schreiben.“

Unsere Einordnung:

  • Im Bundesanzeiger finden sich für Debitos Geschäftszahlen für 2009 bis 2017. Schwarze Zahlen hat das Startup in keinem dieser Jahre geschrieben. Allerdings fehlte 2015 tatsächlich nicht viel – der Jahresfehlbetrag lag bei rund 85.000 Euro. Im Jahr davor waren es 469.000 Euro gewesen, im Jahr davor 721.000 Euro. Und 2016? Waren es 206.000 Euro. Und 2017? Waren es 703.000 Euro

Stellungnahme Debitos:

  • „Wir haben in den vergangenen Jahren verschiedene Strategien ausprobiert, von Partnerschaften bis hin zu White-Label-Lösungen – und immer darauf geachtet, nicht viel Geld von Investoren dafür aufzunehmen. Wir sind keine Freunde davon, große Millionenbeträge einzusammeln und Traumschlösser zu bauen. Ein paar Dinge haben funktioniert, andere wiederum nicht, aber wir sind nicht in der Phase, wo wir den größten Wert auf schwarze Zahlen legen. Dafür ergeben sich zu viele Opportunitäten, die man erproben sollte.“

7.) Was wurde aus der 2016 angestrebten Auslandsexpansion und konkret aus dem 2017

In einem FAZ-Artikel vom 22. April 2016 hieß es:

„Ja, wir denken über eine Expansion ins Ausland nach“, sagt Peters und nennt Spanien und Großbritannien als interessante Märkte.

In besagtem „HB-„Artikel vom 10. November 2017 hieß es zudem:

„Von einem geplanten Wiener Büro aus wollen die Frankfurter den Markt in Mittel- und Osteuropa erschließen, und Griechenland hat Debitos-Chef Peters ebenfalls im Blick.“

Unsere Einordnung:

  • Wenn man unter „Expansions ins Ausland“ die Eröffnung ausländischer Standorte versteht, dann ist diese Expansion nicht erfolgt. Ein Wiener Büro ist bis heute nicht eröffnet.

Stellungnahme Debitos

  • „Wir standen Ende 2017 am Scheideweg: Entweder wir nehmen nochmal Geld von Investoren auf und bauen in allen Ländern eigene kostenintensive Beratungsteams auf oder wir bieten unsere Plattform klassischen Transaktionsberatern und großen Instituten an und konzentrieren uns mehr auf die technische Weiterentwicklung. Wir haben uns Anfang 2018 für den zweiten Weg entschieden, ohne neue Investoren aufzunehmen. Dieses Modell ist skalierbarer und Debitos hat es geschafft, in mittlerweile 16 europäischen Ländern Transaktionen durchzuführen. Wir stemmen die Geschäftsentwicklung und dadurch auch die Expansion ins Ausland größtenteils aus eigenen Mitteln und sind bei dem Großteil der europäischen Institute onboarded. Dies haben wir alles in einer Phase prosperierender Ökonomie geschafft, obwohl für einen Zweitmarkt weniger Volumen im Spiel ist. […] „Debitos ist seit 2017 verstärkt auf den internationalen Markt fokussiert, besonders die NPL-Hotspots. In Italien ist mittlerweile ein mehrköpfiges Team aktiv, das zwischen Mailand und Frankfurt hin und herpendelt. In Österreich (viele Banken vor Ort sind am CEE-Markt aktiv) und Spanien arbeiten wir mit Kooperationspartnern, deren Expertise wir nutzen, um uns am Markt weiter durchzusetzen.“

In Frage 4 hatten wir ursprünglich formuliert: „4.) Hat Debitos 2019 tatsächlich ein Umsatzwachstum von knapp 300 Mio. Euro erzielt?“. Es muss natürlich heißen: „300%“, nicht „300 Mio. Euro“. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing