Analyse

Alles, was Sie zum Mega-Funding von Scalable wissen müssen

9. Juni 2021

Von Heinz-Roger Dohms, Caspar Schlenk und Christian Kirchner

Nun ist es also offiziell: Scalable Capital steigt zum Unicorn auf – mit einer Bewertung von 1,4 Mrd. Dollar. Noch vor wenigen Wochen hätte man von einer Hammer-Meldung gesprochen. Die jüngsten Fundings von Trade Republic (zu einer Bewertung von 5,3 Mrd. Dollar) und Wefox (zu einer Bewertung von 3 Mrd. Dollar) allerdings haben die Perspektiven ein wenig verschoben. 1,4 Mrd. Dollar? Muten urplötzlich, auch wenn das natürlich Quatsch ist, fast ein wenig bescheiden an.

Dröseln wir die Sache also mal gründlich auf: Wie ist der neue deutsche Fintech-Boom generell zu erklären? Warum sind es ausgerechnet Trade Republic, Wefox und Scalable, die unvermittelt in eine neue Dimension vorstoßen? Und, ja, auch diese Frage muss gestellt werden: Warum schätzen die Investoren Scalable so viel niedriger ein als Trade Republic?

Unsere Analyse:

1.) Wie sieht der Deal konkret aus?

Scalable Capital erhält umgerechnet 180 Mio. Dollar (wir übernehmen die Dollar-Rechnung aus der offiziellen Kommunikation …), wird auf dieser Basis jetzt mit 1,4 Mrd. Dollar bewertet. Rund die Hälfte des frischen Fundings kommt vom chinesischen Riesenkonzern Tencent, daneben haben auch Bestandsinvestoren mitgezogen. Rund ein Drittel der Scalable-Anteile liegt nun bei Blackrock, ein weiteres Drittel bei Gründern und Mitarbeitern, das letztes Drittel entfällt auf die sonstigen Investoren, von denen Tencent mit 6,5% nun einer der größeren ist.

2.) Was hat Scalable mit dem Geld vor?

Expandieren. Und zwar schnell. Um nicht zu sagen: um jeden Preis.

Dazu muss man in Erinnerung rufen: Von Haus ist Scalable Capital ja eigentlich ein Robo Advisor, mit gut 3 Mrd. Euro verwalteten Kundengeldern sogar der klar größte hierzulande. Trotz dieser starken relativen Marktposition ist das Asset-Wachstum zuletzt aber hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Das lag zum einen an der dürftigen Performance (siehe weiter unten), zum anderen aber auch an der schleppenden Entwicklung des Robo-Markts insgesamt.

Die Musik spielt anderswo. Im ETF-Geschäft. Im Brokerage. Im Kryptohandel. Gerade noch rechtzeitig hat Scalable Capital vor ziemlich genau einem Jahr den Teil-Pivot gewagt und dem Robo-Geschäft (das die Münchner übrigens auch B2B betreiben) einen hauseigenen Neobroker an die Seite gestellt. Stand heute darf die Operation als geglückt eingestuft werden. Denn obwohl der „Scalable Broker“ erst seit zwölf Monaten am Markt ist, sind unter den knapp 300.000 Scalable-Kunden schon jetzt mehr Broker- als Robo-Kunden. Bei den Assets under Management liegt das Verhältnis zwar noch bei 2:1 zugunsten des Robos, aber auch diese Relation könnte sich bald verkehren.

Die Krux allerdings ist: Der „Scalable Broker“ wächst zwar schneller als der eigene Robo, aber langsamer als der Neobroker-Marktführer Trade Republic (siehe weiter unten). Die Investoren fordern daher nun: Scalable muss, erstens, das Marketing hochfahren. Und, zweitens: Scalable muss tun, was auch Trade Republic vorhat, nämlich die internationale Expansion wagen. Noch in diesem Jahr wollen die Münchner per „Passporting“ in Italien, Spanien und Frankreich an den Start gehen, bezeichnenderweise zunächst nur mit dem Broker-Produkt, der Robo kann warten (hierzu eine interessante Einordnung, die wir dieser Tage von einem Marktkenner bekamen: Aufgrund des Trading-Hypes erreicht man mit demselben Budget im Broker-Umfeld momentan angeblich eine bis zu zehnmal größere Werbereichweite als im Robo-Umfeld …). Drittens schließlich: Scalable will die Produktpalette ausweiten, ein echtes Krypto-Angebot an den Markt bringen, den Kunden zudem Derivatehandel anbieten.

Die neue Vision lautet: „die führende Retail-Investmentplattform in Europa zu werden“.

3.) Wo steht Scalable Capital gemessen an den vier anderen deutschen Fintech-Unicorns?

Da:

4.) Wie sind die jüngsten Mega-Fundings von Trade Republic, Wefox und Scalable Capital generell zu erklären?

Natürlich mit der allgemeinen Fintech-Euphorie. Wobei das als Erklärung nicht ausreicht. Denn genügend Finanz-Startups hierzulande wagen von einer Bewertung im zehnstelligen Bereich ja nicht einmal zu träumen. Was also haben Trade Republic, Wefox und Scalable Capital (bei allen Unterschieden) gemeinsam?

  • Einen starken oder gar ausschließlichen B2C-Fokus. Sprich: Die internationalen Geldgeber investieren dezidiert in Endkundenwachstum
  • Ein Geschäftsmodell, das es so ähnlich oder genauso auch in den USA gibt (Robinhood als Vorbild für Trade Republic und den „Scalable Broker“, Lemonade als Vorbild für Wefox). Sprich: Die internationalen Geldgeber investieren in Modelle, die sie aus anderen Märkten kennen und die sich dort im besten Falle bereits durchgesetzt haben (Hinweis für die Connaisseure: In Asien gibt es überdies ein hochgewettetes Investment-Fintech namens Futu, an dem sowohl der neue Scalable-Investor Tencent als auch der neue Trade-Republic-Investor Sequoia beteiligt sind …)
  • Eine starke Stellung auch im europäischen Vergleich. Sprich: Die internationalen Geldgeber investieren in Fintechs, die im besten Fall das Zeug haben, nicht nur hierzulande, sondern europaweit zu einem führenden Player zu werden

5.) Warum wird Scalable Capital deutlicher niedriger bewertet als Trade Republic (I)?

Simpel gesagt (denn Venture-Capital-Logik ist ja in der Tat oft simpel): Trade Republic hat nach eigenen Angaben mehr als eine Million Kunden, Scalable Capital knapp 300.000. Wenn die Berliner also 3- bis 4-mal so viele Kunden haben wie die Münchner, warum sollen sie dann nicht auch 3- bis 4-mal so viel wert sein? Eben. Zumal Trade Republic (obwohl viel später gestartet) mit zuletzt 6 Mrd. Euro Broker-Assets auch schon mehr Kundengelder aufweist als Scalable (grob 3 Mrd. Euro Robo-Assets plus 1,5 Mrd. Euro Broker-Assets).

Ist das Rennen nicht also längst zugunsten von Trade Republic entschieden?

Gemach. Wenn die zurückliegenden anderthalb Jahre eines gezeigt haben, dann, dass das Momentum in der Fintech-Branche rasch wechseln kann. Hinzu kommt: Scalable Capital hat zwar im Vergleich zu Trade Republic auf das (Stand heute) weniger attraktive Thema gesetzt. Zugleich hat das Management aber Flexibilität bewiesen, erst mit der Ergänzung des B2C-Robos um ein B2B-Modell, dann mit dem Schwenk ins Brokergeschäft. „Execution“ scheinen die Münchner also zu beherrschen. Nicht die schlechteste Voraussetzung, wenn jetzt der thematische wie regionale Expansions-Wettlauf beginnt.

6.) Warum wird Scalable Capital deutlicher niedriger bewertet als Trade Republic (II)?

Eigentlich müsste man die 1,4 Mrd. Dollar ja aufsplitten. Wie viel entfällt auf den Broker? Wie viel auf den B2B-Robo? Und wie viel auf den B2C-Robo, also aufs ursprüngliche Kerngeschäft? Dann würde es richtig interessant!

Nun ist der B2C-Robo natürlich weiterhin ein gewichtiges Asset, zumal ein Kalkül von Scalable auch darin liegen dürfte, günstig akquirierte Broker-Kunden irgendwann in Richtung höhermargiges Robo-Geschäft zu drehen. Indes, wie bereits angedeutet: Das Asset-Wachstum war zuletzt unbefriedigend. Was Gründe hat.

So ist die Performance des Scalable-Robos seit langem unterdurchschnittlich. Zwar werden die Depots individuell angepasst und auch laufend gesteuert. Bei sogenannten „Echtgeldtests“ – etwa bei brokervergleich.de – liegt Scalable Capital im Vergleich zu anderen Robo-Advisern aber regelmäßig auf den hinteren Plätzen. So ermittelte das Portal für eine moderate Anlagestrategie (näherungsweise je hälftig Aktien/Anleihen) für eine Anlage bei Scalable über zwei Jahre eine tatsächliche Rendite von -1,8%, über drei Jahre von plus 0,8% und über vier Jahre von plus 0,1% – effektiv also Nullrenditen über längerfristige Haltedauern trotz ständiger Rekordhochs an den Börsen.

Zum Verhängnis wurde dem internen Algorithmus bei Scalable – übrigens aufgrund des gleichen Mechanismus wie beim Riester-Desaster von Fairr (siehe hier) -, dass die Aktienkurse im Frühjahr 2020 wegen der Corona-Pandemie binnen kürzester Zeit 40% einkrachten und sich ebenso rasch wieder erholten. Scalable rotierte die Kunden in dieser Phase raus aus Aktien, verpasste aber Teile des Aufschwungs, weil es nur gemächlich wieder zurück in die Aktien-Engagements ging.

Übrigens cool, dass wir die Worte „Gemach“ und „gemächlich“ in einem Artikel zum Fintech-Boom untergebracht haben.

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing