Interview

„Als Fintech suchen wir nicht den einfachen Bankkaufmann“

18. März 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Ein Interview mit Raisin-Mitgründer Frank Freund über Job-Profile von Fintechs, die Schwächen des deutschen Arbeitsmarkts – und warum IT-Entwickler nicht gleich IT-Entwickler ist.

Herr Freund, Ihr Unternehmen Raisin („Weltspa­ren“) gehört laut der „Fintech-Job-Studie“ von Finanz-Szene.de zu den Fin­techs mit den meisten ausgeschriebenen Stellen – wobei es vor allem um „IT & Engineering“ sowie „Product & Design“ geht. Was sind das für Leute, die Sie suchen?

Frank Freund: Auch wenn wir als Vermittler von Einlagen-, Investment- und Altersvorsorge-Pro­dukten ein bankenähnliches Geschäft betreiben, suchen wir tatsächlich in erster Linie Tech-Profile. Allerdings ist IT-Entwickler natürlich nicht gleich IT-Entwickler. Die von Ihnen vorgenommene Kate­gorisierung trifft‘s eigentlich ganz gut: Es braucht zum einen IT-Spezialisten, die für die Stabilität des Backends und dessen Skalierbarkeit sorgen. Und zum anderen diejenigen, die darauf aufbauend neue Produkte bauen und die bestehenden verbessern.

Also einmal hartes Coding und einmal smarte Kreativität?

Freund: Das würde ich so nicht sagen. Natürlich braucht es für die Arbeit an den Systemen tenden­ziell andere Fähigkeiten als, sagen wir, für die Ver­besserung der User Experience. Letzten Endes sind aber beides sozusagen harte Tech-Jobs, die von Spezialisten erledigt werden.

Raisin hat seit 2017 eine britische Tochter, ist zu­dem in Ländern wie Frankreich oder Österreich aktiv und bereitet darüber hinaus aktuell den Markteintritt in den USA vor. Trotzdem suchen Sie ganz überwiegend für den Standort Berlin. Ist das kein Widerspruch?

Freund: Nein. Ich würde zwar vermuten, dass sich branchenweit betrachtet von den Standorten der ausgeschriebenen Jobs ein Stück weit auf den Internationalisierungsgrad schließen lässt. Für das einzelne Fintech trifft diese Gleichung aber nicht unbedingt zu! Wir zum Beispiel betreiben unsere Technologieplattform und deren Entwicklung für alle kontinentaleuropäischen Märkte aus Effizienz­gründen aus Berlin. Wenn wir also Entwickler in Berlin einstellen, heißt das nicht, dass die automa­tisch am Produkt für den deutschen Heimatmarkt tüfteln sollen.

In Ihren Büros wird ebenso wie bei vielen anderen hiesigen Fintechs in erster Linie Englisch gesprochen. Mal angenommen, es würde Deutsch gesprochen – wie viele Kollegen würden das dann nicht verstehen?

Freund: Ich würde schätzen, ein Drittel der Belegschaft. Unsere zurzeit rund 350 Mitarbeiter kommen inzwischen aus mehr als 40 Ländern, rund ein Drittel sogar von außerhalb Europas. …

… weil eine internationale Belegschaft ein Wert an sich ist? Oder weil die Leute, die Sie suchen, hierzulande schwer zu finden sind?

Freund: Wir empfinden die Internationalität in jedem Fall als Bereicherung. Zugleich spiegelt sie aber auch die Komplexität des Recruitings. Denn ehrlicherweise muss man sagen: Für den Aufbau eines ambitionierten Technologieunternehmens gibt der deutsche Arbeitsmarkt nicht genug her. Da müssen Sie zum Beispiel nach Indien, nach Brasilien, nach Osteuropa schauen. Und genau das tun wir.

Und Banker brauchen Sie gar keine mehr?

Freund: Den einfachen Bankkaufmann eher nicht. Aber: In unserem Kerngeschäft, also der Einlagen­vermittlung, haben wir tagtäglich mit Banken zu tun. Natürlich brauchen wir daher auch Mitarbeiter mit Bankerfahrung, die beispielsweise wissen, wie Funding, Treasury, Compliance oder Regulatorik funktionieren. Und nicht zu vergessen: Wir haben seit letztem Jahr ja auch eine Tochter mit Bank-lizenz. Die führt nicht der UX-Designer.


Das Interview entstammt der Anfang März veröffentlichten „Fintech-Job-Studie“ von Finanz-Szene.de. Die Studie können Sie hier als PDF runterladen.

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing