von Christian Kirchner und Hermann Kohlhaus, 9. März 2026
Die Deutsche Bank ist nicht der typische Konsumfinanzierer da draußen. Als wir neulich allerdings über die Pläne der Commerzbank berichteten, einen eigenen Rückversicherer zu gründen, und im Zuge der Recherche lernten, dass die Deutsche Bank schon seit Jahrzehnten einen solchen Rückversicherer unterhält – da staunten wir nicht schlecht.
Denn: Die DB Re SA (so heißt die entsprechende Deutsche-Bank-Tochter) generierte zuletzt fast die Hälfte ihrer Bruttobeiträge aus einer einzigen Policen-Kategorie, und zwar aus „Zahlungsschutz-Versicherungen“. Sprich: Es geht ganz offenbar um Restschuld-Versicherungen. Also um Policen, die den Kreditnehmer gegen Tod, Arbeitslosigkeit oder Krankheit absichern sollen. Und die gerade bei Ratenkrediten umstritten sind, da sie als überteuert und intransparent gelten.
Was uns nun allerdings noch mehr erstaunte als die Erkenntnis, dass die Restschuld-Versicherung im Geschäftsjahr 2024 satte 48% des Beitragsvolumens des Deutsche-Bank-Rückversicherers ausmachten – das war die Tatsache, dass die DB Re SA das entsprechende Geschäft erst 2023 aufgenommen hatte (und damit rund ein Jahr, nachdem die Bundesregierung beschlossen hatte, die Vermittlungsprovision bei Restschuld-Versicherungen auf 2,5% des abgesicherten Darlehensvertrags zu deckeln). Das bedeutet: 1.) Angesichts des zeitlichen Zusammenhangs drängt sich der Verdacht auf, dass das eine eine Reaktion auf das andere war; und 2.) In dem Geschäft steckt offenbar so viel Wumms, dass es in weniger als 24 Monaten zum weitaus größten Geschäftsfeld aufstieg.
Jedenfalls, damit nun zu Auxmoney. Denn: Anders als die Deutsche Bank ist das Düsseldorfer Fintech ein geradezu reinrassiger (und brutal wachsender) Konsumfinanzierer. Und wie neue Recherchen von Finanz-Szene zeigen, hat auch Auxmoney still und leise einen eigenen Rückversicherer gegründet. Und zwar 2023, also in jenem Jahr, in dem auch die DB Re SA ganz offenbar begann, Ratenkredite rückzuversichern.
Der Rückversicherer von Auxmoney nennt sich „Atlas Insurance PCC Ltd.“. Und so wie das „SA“ im Namen des Rückversicherers der Deutschen Bank darauf verweist, dass die Tochter in Luxemburg sitzt, so wurde auch „Atlas Insurance“ erkennbar nicht hierzulande aufgesetzt – sondern in Malta (das „PCC Ltd.“ steht für Protected Cell Companies Limited“). Für unsere Zwecke würde es nun zu weit führen, aufzudröseln, warum man als deutsches Unternehmen einen Rückversicherer ausgerechnet auf einer Mittelmeerinsel ansiedelt. Nur so viel: Es handelt sich um keine ungewöhnliche Destination. Auch andere Unternehmen (aus steuerlichen Gründen bzw. aus Kostengründen ganz allgemein, würden wir annehmen) unterhalten dort Rückversicherungs-Vehikel, so sitzt auf Malta zum Beispiel auch eine Munich Re PCC Ltd.
Interessanter als die Wahl des Unternehmenssitzes ist, welche Bedeutung die „Atlas Insurance“ binnen kürzester Zeit für den Auxmoney-Konzern gewonnen hat. So weist der Konzernabschluss von Auxmoney für das Geschäftsjahr 2024 (also nur ein Jahr, nachdem die „Atlas Insurance“ gegründet wurde) bereits Bruttoerträge aus Rückversicherungsgeschäften in Höhe von 15 Mio. Euro aus – gemessen am konzernweiten Bruttoumsatz waren das knapp 6%. Noch imposanter als der Umsatz- ist allerdings der Ergebnisbeitrag. So gingen von den Erträgen in Höhe von 15 Mio. Euro gerade mal 6 Mio. Aufwendungen ab. Also 9 Mio. Euro Marge. Womit der im Jahr zuvor gegründete Rückversicherer im Geschäftsjahr 2024 für ein Drittel des Auxmoney-Ergebnisses stand.
Zwar wird in den von Finanz-Szene ausgewerteten Geschäftsberichten nicht explizit gesagt, dass es sich um Rückversicherungen für Restschuld-Policen handelt (auch im Geschäftsbericht der DB Re SA fehlt dieser ausdrückliche Hinweis). Aber logischerweise geht es genau darum.
So gesehen, ist das attraktive Verhältnis von Aufwand zu Marge dann auch gar nicht mehr so verwunderlich. Schließlich gehören Restschuld-Policen insbesondere in der Konsumentenfinanzierung seit jeher zu den lukrativsten Versicherungen überhaupt. Aus Sicht des Versicherers. Aber natürlich auch aus Sicht der vermittelnden Banken. Schließlich werden diese von den Versicherern erheblich provisioniert. Oder genauer: wurden sie von den Versicherern erheblich provisioniert. Doch dann setzte die Politik der Branche, wie schon erwähnt, im Jahr 2023 den Provisionsdeckel auf (dem bald darauf noch ein weiterer regulatorischer Dämpfer folgen sollte, nämlich die verpflichtende einwöchige „Cooling Off“-Periode zwischen Kreditvergabe und Versicherungsabschluss – doch dazu kommen wir erst weiter unten). Und plötzlich war das lukrative Geschäft ernsthaft in Gefahr.
Schon im Oktober 2022 (zu dem Zeitpunkt war bereits absehbar, dass der Deckel kommen würde) fragten wir darum in einem Deep Dive: Was wird aus dem lukrativen Geschäft mit den Restschuld-Versicherungen? Und schon damals flüsterten uns Industrie-Insider, dass Banken möglicherweise beginnen werden, eigene Rückversicherer zu gründen oder mit ihnen vertraglich zu paktieren, um die wegfallenden Provisionen anderweitig – nämlich in Form vereinnahmter Versicherungsgewinne – aufzufangen und auszuzahlen. Das klang damals, ehrlich gesagt, etwas wild. Doch, siehe da. Ein Jahr später tauchten in den Bilanzen der DB Re SA erstmals Beiträge aus „Zahlungsschutz-Versicherungen“ („Personal Protection Insurance“=“Zahlungsschutz“ ist der offizielle Terminus in den auf Englisch verfassten Geschäftsberichten). Und im selben Jahr – startete auf Malta die „Atlas Insurance“.
Dieser Pivot im Geschäftsmodell funktioniert nach unserem Verständnis wie folgt:
Während es früher wie gesagt üblich war, dass die Banken von den Versicherern provisioniert werden (in Hoch-Zeiten beliefen sich die Vorabprovisionen auf bis zu 50% des Versicherungssumme bzw. des Darlehensvertrags), sichert sich Auxmoney mittels der „Atlas Insurance“ stattdessen nun eine quotale Beteiligung am versicherungstechnischen Gewinn. Oder ausführlicher:
Und die Erfahrung lehrt: Das, was in der Restschuld-Versicherung übrig bleibt, ist stets sehr auskömmlich. Ein Blick in die jüngsten Abschlüsse der Lifestyle Protection AG offenbart, dass die Schadenquote beispielsweise im Geschäftsjahr 2024 bei gerade einmal 21% lag. Für 100 Euro Prämieneinnahmen mussten also lediglich 21 Euro für tatsächliche Leistungsfälle aufgewendet werden (sprich: wenn die Kreditnehmer ihre Raten nicht mehr bedienen konnten).
Die sogenannte „Combined Ratio“, die die Prämieneinnahmen in Relation zu allen Kosten einer Versicherung setzt (hier werden also Schäden wie Verwaltungskosten einkalkuliert), der Lifestyle Protection AG betrug 77%. Unterm Strich blieben also 23% der Prämien als operativer Gewinn hängen. Zum Vergleich: Die durchschnittliche „Combined Ratio“ aller Schadens- und Unfallversicherungen lag im gleichen Jahr laut Angaben des Versicherungsverbands GDV ungleich höher – nämlich bei 99%. Das Geschäft mit der Restschuld-Versicherung ist also weiterhin extrem margenstark.
Auxmoney wiederum generierte aus den Risiken, die das Fintech selbst bei Lifestyle Protection abgeliefert hatte, die besagten rund 15 Mio. Euro. Wenn das einer quotalen Beteiligung von 55% entsprach, dann lag der gesamte versicherungstechnische Gewinn aus den von Auxmoney vermittelten Restschuld-Policen also bei gut 27 Mio. Euro – wovon gut 12 Mio. Euro bei Lifestyle Protection verblieben. Wobei: Die Talanx-Tochter kooperiert natürlich nicht nur mit dem Düsseldorfer Fintech. Sondern: Zu den auf der Website aufgelisteten Playern gehören beispielsweise die Deutsche Bank und die Postbank. Insgesamt führte die Lifestyle Protection Lebensversicherungs AG im Geschäftsjahr 2024 rund 2 Mio. Euro als Gewinn an die HDI Deutschland aus dem Talanx-Konzern ab.
War die Gründung von Atlas Insurance eine Reaktion auf die Einführung des Provisionsdeckels? Dieser Zusammenhang liegt nahe, wird im Umfeld von Auxmoney allerdings relativiert. In erster Linie sei es darum gegangen, die Wertschöpfung zu vertiefen. Mit dem Provisionsdeckel habe der Vorgang nur bedingt zu tun. So oder so: Ob sich der Betrieb des Rückversicherers auch auf lange Sicht auszahlt, steht ohnehin abzuwarten. Denn der Einführung des Provisionsdeckels folgte bald darauf ja noch eine zweite regulatorische Keule – nämlich die seit Anfang 2025 geltende, einwöchige „Cooling Off“-Periode. Diese besagt, dass zwischen dem Abschluss des eigentlichen Kredits und dem Abschluss der Restschuld-Versicherung mindestens sieben Tage liegen müssen.
Beispiele aus anderen Ländern (vor allem: Großbritannien) zeigen, dass die Abschlussquoten mit Einführung einer „Cooling Off“-Periode deutlich sinken. Auch unter deutschen Konsumentenfinanzierern wurde diese Sorge vielfach geäußert. Der Auxmoney-Partner Lifestyle Protection äußert sich in seinem 2024er-Geschäftsbericht allerdings erstaunlich cool: Man habe „innerhalb eines konzerninternen Projekts Prozesslösungen erarbeitet, um die Restkreditversicherung gesetzeskonform ab dem 1.1.2025 weiter verkaufen zu können“. Für das Geschäftsjahr 2025 rechnete der Spezialversicherer mit einem „deutlich steigenden Ergebnis“.
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Wie unsere Banken die Erträge aus der Restschuld-Versicherung retten wollen
Über 250 Mio. Euro Erträge!!! Der erste Blick in die Auxmoney-GuV überhaupt
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