Wussten Sie schon?

Bei N26 sind die Versandkosten höher als der Zinsüberschuss

26. August 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Wussten Sie schon, was der (gemessen an der prozentualen Veränderung im Vergleich zum Vorjahr) zuletzt mit Abstand größte Kostentreiber bei N26 war?

Nein? Dann denken Sie mal scharf nach … Das Personal? Die Technologie? Das Marketing? Die Regulatorik? Nein, alles falsch. Es waren die Versandkosten!!! Auf 6,5 Mio. Euro summierten sich diese laut dem 2018er-Geschäftsbericht der N26 GmbH. Das stellt nicht nur relativ betrachtet (die Steigerung zum Vorjahr betrug schlanke 1600%), sondern auch in absoluten Zahlen ein ziemliches Phänomen dar. Denn die Versandkosten waren damit höher als der Zinsüberschuss (5,1 Mio. Euro).

Was hat das zu bedeuten? Sind wir womöglich auf die geheime Erfolgsformel von N26 gestoßen? It’s the Porto, stupid? Naja, so ungefähr jedenfalls!

Zwar dröseln weder der Geschäftsbericht noch auf Nachfrage die Sprecherin en detail auf, wie die horrenden Versandkosten zustandekommen. Allerdings dürfte ein beträchtlicher Teil des finanziellen Aufwands auf den Firlefanz zurückzuführen sein, den N26 rund um seine Karten veranstaltet.

Dazu muss man wissen: Während normale Banken ihre Giro- oder Kreditkarten in aller Regel auch ganz normal verschicken, begann N26 irgendwann, den Versand bzw. (aus Sicht der Kunden:) den Erhalt der Karte zu einem feierlichen Akt umzuinterpretieren. Wenn die „Metal Card“ aus Berlin kommt, dann soll sich das anfühlen, als hätte die Erbtante aus Amerika zum ersten mal seit Jahren wieder ein Weihnachtspäckchen über den Atlantik geschickt. „Unboxing“ nennen Menschen, die sich in der heutigen Welt besser auskennen als wir Griesgrame von Finanz-Szene.de, dieses Phänomen.

Wie ernst es N26 mit der Karte und dem „Unboxing“ ist, zeigt sich an der ausführlichen Antwort, die uns die Sprecherin auf unsere Anfrage hin schickt (wir haben lediglich an einer Stelle das Konkurrenz-Bashing eliminiert):

„Viele unserer Kunden möchten ihre Bankkarten dem persönlichen Geschmack anpassen. Deshalb sind sowohl die Karten für das kostenlose Girokonto, als auch die N26 You-Karten, sowie die N26 Metal-Karten sehr gefragt. […] Unsere Kunden können zwischen einer transparenten Karte, einer Vielzahl von Farben sowie Metall-Karten entscheiden. Wir legen dabei sehr viel Wert auf die entsprechend hochwertige Verpackung unserer Karten, um dem Wunsch unserer Kunden nach Individualität, auch bei der Verpackung, gerecht zu werden. Mit der Einführung von N26 Metal im Jahr 2018 (in drei verschiedenen Farben erhältlich) und N26 You (in fünf verschiedenen Farben erhältlich) im Jahr 2019 haben sich auch Versand und Verpackung geändert. N26 lässt diese Karten mittlerweile an drei verschiedenen Standorten in Europa produzieren. Die Versandkosten variieren je nach Material und Versandart (auf Wunsch des Kunden auch Express). Wir schlüsseln die Kosten vor Bestellung und Versand für unsere Kunden auf, damit diese größtmögliche Transparenz haben.“

Nun entstehen N26 durch das Versand-Spektakel nicht nur Kosten, sondern es fallen (jedenfalls mutmaßlich) auch Erträge an. Denn insbesondere der angedeutete Express-Versand kommt die Kunden durchaus teuer. Wir haben uns das mal aus den AGBs bzw. aus den Angaben auf der Website zusammengeklaubt:

  • Erstkarte, normaler versand: Immer kostenlos
  • Erstkarte Express, alle Karten: 25€
  • Ersatzkarte: 10€ (normale Debit oder Maestro)
  • Expressversand Ersatzkarte: 30€ (normale Debit oder Maestro)
  • Ersatz N26 Metal: 45€
  • Ersatz N26 Metal Express: 65€

Und nur zur Erinnerung: Dass N26 an genau diesen Preisen zuletzt gedreht hat, hatten wir im Frühjahr ja exklusiv aufgedeckt.

Indes: Um die Erträge dürfte es bei der ganzen Versandkiste trotzdem nicht gehen. Sondern, siehe oben, um die emotionale Aufladung des Kunden. Sollte dieser Trick langfristig aufgehen, dann könnte es eines Tages tatsächlich heißen: „It’s the unboxing, stupid“. Und was, wenn nicht? Was, wenn N26 trotz seiner „hochwertigen Verpackungen“ und trotz seiner „in fünf Farben erhältlichen Karten“ scheitert?

Dann werden die Taunusbanker, die bekanntlich noch viel griesgrämiger sind als wir hier, dermaleinst sagen: „N26? Waren das nicht die, wo die Versandkosten höher waren als das Zinsergebnis?“

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