Interview

Corona-Krise: Finleap-CEO befürchtet Fintech-Sterben

10. März 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Man muss sich immer vor Augen führen: Er ist erst 32 Jahre alt, dieser Ramin Niroumand, der mutmaßlich einflussreichste Fintech-Manager der Republik. Frage: Wie geht so jemand mit der jetzigen Situation um? Zumal das Berliner Fintech-Imperium Finleap, dem Niroumand vorsteht, die Corona-Krise früher als beinahe jedes andere Unternehmen hierzulande zu spüren bekam. Was daran liegt, dass der größte Anteilseigner aus China stammt und der wichtigste Auslandsmarkt Italien ist.

Jedenfalls: 1.) Niroumand hat in diesen aufreibenden Tagen verständlicherweise keine Zeit. Und 2.) Trotzdem hat er sich gestern Nachmittag eine halbe Stunde genommen, um uns zum einen ein paar spannende Dinge zu erzählen (etwa, wie er im Februar regelrecht aus Mailand nach Berlin flüchtete) und zum anderen ein paar prägnante Statements in den Block zu diktieren (siehe die Headline mit den Fintechs, die es treffen könnte).

Lesen Sie also hier: Ein Interview mit einem deutschen Finanz-CEO, der sich mitsamt seinem Unternehmen seit Wochen im Krisenmodus befindet – und der trotzdem versucht, kühlen Kopf zu bewahren:

Herr Niroumand, wo erwische Sie gerade, im Büro oder im Home-Office?

Ramin Niroumand: Tatsächlich im Home-Office. Das ist aber eher Zufall, weil ich vorhin erst von einer Geschäftsreise zurückgekehrt bin. Normalerweise säße ich jetzt im Büro.

Die großen Banken bereiten sich seit Tagen auf mögliche Notfall-Szenarien vor, bei der EZB hat am Montag ein großer Teil der Belegschaft testweise von zu Hause gearbeitet. Nimmt man das Ganze bei den Fintechs etwas lockerer?

Niroumand: Nein, überhaupt nicht. Auch bei uns herrscht Ausnahmezustand, und zwar nicht erst seit gestern. Wir haben schon vor 15 Tagen einen „Travel ban“ für internationale Geschäftsreisen verhängt. Zudem bedarf jede Reise innerhalb Deutschlands der Zustimmung durch den CEO.  Seit vergangener Woche dürfen unsere Mitarbeiter, wenn sie das möchten, von zu Hause aus arbeiten. Wir überlegen momentan, die Regelung dahingehend auszuweiten, dass wir den Mitarbeitern die Home-Office-Variante sogar ausdrücklich empfehlen. Sie dürfen nicht vergessen:  Wir sind kein 50-Mann-Startup mehr. In unserem Berliner Fintech-Hub arbeiten allein 1400 Menschen für die diversen Firmensehr viele davon aus dem Finleap-Ökoystem. Und die kommen aus 80 verschiedenen Nationen. Seien Sie versichert, dass wir die Corona-Krise extrem ernst nehmen.

Finleaps größter Investor hat seinen Sitz in China, der Schwerpunkt der internationalen Expansion lag zuletzt auf Italien. Wann sind Sie mit dem Corona-Thema erstmals konfrontiert worden?

Niroumand: Schon vor Wochen, als zum Beispiel Gesprächpartner in Hongkong bei den Video-Calls nicht mehr im Büro saßen, sondern in ihren Wohnungen. Vor drei Wochen bin ich dann nach Mailand geflogen, unserem Italien-Sitz. Eigentlich war geplant, die anstehenden Projekte zu besprechen. Stattdessen ging – quasi zeitgleich mit meiner Ankunft – die Corona-Problematik in Italien los. Ich habe den Aufenthalt dann abgebrochen und bin zurück nach Berlin geflogen. Das war freilich zu einem Zeitpunkt, als Mailand noch gar keine Krisenregion war, sondern in den Nachrichten in Bezug auf den Corona-Virus lediglich von Ausbrüchen in zwei Gemeinden in der Lombardei gesprochen wurden. Man muss sich immer wieder vergegenwärtigen, wie schnell das seitdem alles gegangen ist. Inzwischen ist unser Mailänder Büro natürlich dicht, die dortigen Kollegen arbeiten längst im Home-Office.

Sie sind erst 32 Jahre alt. Beim Ausbruch der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 waren Sie noch Student, als 2001 die New Economy crashte, sogar noch ein Teenager. Auch vor diesem Hintergrund gefragt: Wie nehmen Sie als relativ junger CEO die gegenwärtige Situation wahr?

Niroumand: Normalerweise bin ich jemand, der sich nicht so schnell nervös machen lässt. Im Gegenteil: Wenn sich geschäftliche Situationen zuspitzen, wenn also das ansteht, was man im Basketball „Crunch time“ nennt, die entscheidenden Minuten des Spiels – dann merke ich, wie ich innerlich ruhiger werden, selbst wenn um mich herum die Anspannung steigt. Das ist in der jetzigen Lage in der Tat ein wenig anders. Was aber, glaube ich, weniger mit dem Alter zu tun hat.

Sondern?

Da ist zunächst einmal der Aspekt, dass der Virus mich als CEO genauso befallen kann wie jeden meiner Mitarbeiter. Auch wenn ich natürlich versuche, mich angemessen zu verhalten, kann ich dieses Risiko nicht völlig ausschließen – ich kann es nicht besser machen als jeder andere auch. Dann muss man ehrlicherweise konstatieren: Wir befinden uns  in einer Situation, die es so noch nicht gab. Natürlich will ich Besonnenheit ausstrahlen. Aber was ist angesichts der momentanen Lage besonnen und was nicht? Schwierig! Ein dritter Punkt: Der  Verantwortung, die ich meinen Mitarbeitern gegenüber habe, muss ich momentan ganz besonders gerecht werden. Denn es geht ja im Kern um ein gesundheitliches Thema. Zugleich habe ich aber auch eine Verantwortung dem Unternehmen gegenüber. Und eine Verantwortung dafür, dass Löhne nicht nur bezahlt werden, sondern auch bezahlt werden können.

Wie geht ihre Belegschaft mit der Situation um?

Sehr professionell. Aber verständlicherweise sind auch viele Mitarbeiter verunsichert. Die starke mediale Präsenz des Themas bringt mit sich, das praktisch jeder mitbekommt, wenn, sagen wir, Google in Irland die und die Maßnahme im Zusammenhang mit Corona ergreift. An mich wird dann herangetragen: Wenn Google das so und so macht, sollten wir das dann nicht auch so machen? Und weil es natürlich nicht nur eine Maßnahmen da draußen gibt, sondern sehr viele, steigt der interne Druck, möglichst viele dieser Maßnahmen dann genauso umzusetzen. Das ist übrigens ein Phänomen, mit dem sich in diesen Tagen viele CEOs konfrontiert sehen, wie ich aus Gesprächen weiß. Fest steht: Man muss den Sorgen der Mitarbeiter gerecht werden, ohne dabei die Balance zu verlieren. In der jetzigen Situation ist Leadership gefragt, vermutlich mehr, als das sonst der Fall ist. Wobei Leadership nicht nur vom Top-Management gefordert ist, sondern von allen Mitarbeitern. Wir sind alle Leader.

In unserem gestrigen Newsletter haben wir die These aufgestellt, dass die momentane Krise zu einem Fintech-Sterben hierzulande führen könnte. Würden Sie das so unterschreiben?

Niroumand: Zumindest gehe ich davon aus, dass sich die Konsolidierung beschleunigen wird. Und ja, wenn sich die Lage nicht rasch wieder entspannt, und danach sieht es ja leider aus, dann wird es, weil notwendige Fundings ausbleiben, möglicherweise auch das ein oder andere Fintech erwischen, das damit noch vor Kurzem nie und nimmer gerechnet hätte.

Das Ende des deutschen Fintech-Booms?

Niroumand: Das glaube ich wiederum nicht – auch wenn natürlich schwer vorherzusehen ist, wie es nun weitergehen wird. Meine These lautet: Auf mittlere und lange Sicht wird diese Krise die wirklich starken Fintechs noch stärker machen. Aber der Weg dorthin wird uns Maßnahmen abverlangen, die auch wehtun können.

Spekulieren Sie darauf, dass die Fintechs besser durch die Krise kommen als die Banken?

Niroumand: Nein, das tue ich nicht – zumal die Banken für die meisten unserer Portfolio-Unternehmen keine Konkurrenten sind, sondern Partner. Aber: Die ganz große Stärke von Startups war immer ihre Geschwindigkeit. Genau auf diesen Kern müssen wir Fintechs uns jetzt konzentrieren. Schnell sein. Und im Zweifel auch kompromisslos. Wenn es eine Lehre aus 2008 gibt, dann die, dass die amerikanischen Banken die Krise besser überstanden haben als die europäischen, weil sie eben nicht herumlaviert haben. Sondern: Da wurde Tabula rasa gemacht. Und dann ging es weiter.

Bringt die Krise am Ende auch gute Sachen mit sich?

Niroumand: Wir lernen momentan alle miteinander, wie ein Leben im „Remote“-Status funktioniert. Viele der Services, die wir Fintechs anbieten, sind „Remote“-Services. Vielleicht profitieren wir als Branche hiervon irgendwann – genauso wie Anbieter von Konferenz-Systemen wie Zoom oder Teamviewer ja jetzt schon unmittelbar profitieren.

Die Corona-Krise als Beginn eines transformativen Prozesses?

Niroumand: Möglicherweise. Gerade als Berliner Unternehmen ist man es gewohnt, dass wichtige Meetings fast immer den persönlichen Kontakt beinhalten. Entweder, weil der Investor oder der Geschäftspartner auch in Berlin sitzt. Oder weil irgendwie ganz viele Leute aus irgendwelchen Gründen sehr regelmäßig ohnehin in Berlin sind. Zurzeit lernen wir: Per Videokonferenz – das geht zur Not eben auch, selbst dann, wenn es wichtig wird. Wenn die Corona-Krise am Ende dazu führt, dass wir alle weniger fliegen, ohne dass wir deswegen weniger Geschäfte abschließen, dann wäre das ja durchaus begrüßenswert.

Sie haben mal gesagt, Sie könnten sich vorstellen, nach Ihrer Zeit bei Finleap Politiker zu werden. Letzte Frage: Reagiert die Politik angemessen auf die Corona-Krise?

Niroumand: Die Berliner Politik jedenfalls nicht. Es ist unverantwortlich, dass sich Unternehmen und Schulen mit Zwangsschliessungen beschäftigen müssen, reine Event-Veranstaltungen bis hin zum Berlin-Marathon aber weiterhin stattfinden sollen. Das macht keinen Sinn. Auch hier gilt, gemeinsam kurzfristig verzichten, um langfristig glücklich zu sein.

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