Fintech unplugged (#6)

CRX Markets zieht blank: 50% mehr Umsatz – und ein neues Funding

Hat eigentlich noch mal jemand was von N26 gehört? Oder von Trade Republic? Klar: Es muss kein schlechtes Zeichen sein, wenn so ein Unicorn mal ein paar Schlagzeilen weniger produziert. “Presse” kann ja auch “schlechte Presse” bedeuten. Und je weniger so ein CEO redet, desto mehr Zeit bleibt ihm – zumindest theoretisch – fürs Arbeiten. Gleichwohl: Ein gutes Zeichen ist es umgekehrt ganz sicher auch nicht, wenn man von etlichen Fintechs hierzulande irgendwie gar nichts mehr hört.

Denn: Dass momentan so wenig erzählt wird, liegt natürlich auch daran, dass es so viel nicht zu erzählen gibt. Jedenfalls nicht die Geschichten, die CEOs am liebsten verbreiten, also Geschichten von Fundings, Expansion und großem Wachstum. Wir selber bekommen die neue Zurückhaltung übrigens auch zu spüren: Noch vor wenigen Monaten zeigten etliche Finanz-Startups große Lust, in diesem Jahr bei unserer “Fintech unplugged”-Reihe mitzumachen – das ist jenes Format, bei dem uns die Unternehmen ihre testierten, aber unveröffentlichten Geschäftsberichte vorlegen. Ähem, hieß es irgendwann jedoch, wir würden lieber doch noch mal ein Jahr warten. Oder: Ich kann meinen CFO irgendwie nicht so richtig überzeugen. Oder: Wir würden ja gern, aber einer unserer Investoren hat sein Veto eingelegt.

Bevor jetzt ein falscher Eindruck aufkommt: Selbstverständlich ist das alles mehr als legitim!!! Aber: Ein bisschen schade ist es halt auch! Umso mehr freuen wir uns über Fintechs, die selbstbewusst sagen: Unsere Zahlen können sich auch in schwierigem Umfeld sehen lassen. Wie zum Beispiel der Münchner Supply-Chain-Spezialist CRX Markets, der uns diese Woche sein Zahlenwerk zur Verfügung gestellt hat. Was drinsteht? Bitte sehr:

Was macht CRX Markets genau?

Vor zwei Jahren hatten wir den Betriebsgegenstand von CRX Markets mal mit “Irgendwas mit Supply-Chain-Finanzierung” umrissen, hier nun der Versuch einer etwas präziseren Darstellung: Im Prinzip ist das Münchner Fintech eine Börse für Lieferketten-Finanzierungen – sprich die Finanzierung von Forderungen (“Factoring”) und Verbindlichkeiten (“Reverse Factoring”).

Dazu braucht es auf der einen Seite Großunternehmen, die ihre offenen Forderungen und Verbindlichkeiten vor deren Fälligkeit loswerden möchten – um das darin gebundene Umlaufvermögen (“Working Capital”) anderweitig zu verwenden. Und als Counterpart braucht es Finanzierer – etwa Banken, spezielle Factoring-Anbieter oder Investoren –, die diese Forderungen und Verbindlichkeiten (bzw. als Investor das verbriefte Wertpapier) kaufen, das Unternehmen auszahlen und die Forderungen dann in ihre Bücher nehmen.

Wenn ein Unternehmen seine Forderungen/Verbindlichkeiten über CRX Markets verkauft, geschieht das in einer Art Bieterverfahren – ausgenommen die sehr großen Tickets (ab >1 Mrd. Euro pro Jahr), die als Wertpapier verbrieft auch an Investoren wie Pensionsfonds oder Family Offices weitergereicht werden (dafür hat CRX Markets die entsprechende Bafin-Lizenz). Die anfallende Vermittlungsprovision zahlt – vereinfacht gesagt – immer derjenige in der Kette, der dadurch eher an sein Geld kommt, also bei Forderungen das Kundenunternehmen, bei Verbindlichkeiten der jeweilige Lieferant.

Wie war die Ertragslage in 2021?

2021 2020 Delta
TEUR TEUR
1. Zinsaufwendungen -356 -191 86%
2. Provisionserträge 3.264 2.168 51%
3. Provisions-Aufwendungen -20 -7 186%
4. Provisionsergebnis 3.244
5. Personalaufwand -5.313 -4.872 9%
6. Andere Verwaltungs-Aufwendungen -2.140 -1.726 24%
7. Abschreibungen und Wertberichtigungen auf immaterielle Anlagewerte und Sachanlagen -497 -469 6%
8. Sonstige betriebliche Aufwendungen -21 -19 11%
9. Ergebnis aus der normalen Geschäftstätigkeit (=Jahresfehlbetrag) -4.964 -5.032 -1%
10. Verlustvortrag aus dem Vorjahr -26.004 -20.971 24%
11. Bilanzverlust -30.969 -26.004 19%

Quelle: CRX Markets Geschäftsbericht 2021

Was sind die zentralen Kennzahlen?

CRX Market bilanziert zwar wie eine Bank – betreibt selbst jedoch kein eigenes Kreditgeschäft. Das negative Zinsergebnis spiegelt somit die Zinszahlungen von CRX für eigene Darlehen wider. Entscheidend ist das Provisionsergebnis, welches den Umsatz durch das über den Marktplatz laufenden Finanzierungsgeschäft abbildete. Die Steigerung der Provisionserträge von rund 2,2 Mio. auf 3,3 Mio. Euro begründete sich laut Geschäftsbericht im Wesentlichen durch die gestiegene Anzahl der “Kundenprogramme” von 15 auf 22 sowie auf eine Verdopplung des Finanzierungsvolumens bei Neu- und Bestandskunden von 5,1 Mrd. auf insgesamt 9,7 Mrd. Euro. Die Kundenprogramme sind jeweils entweder Forderungs- oder Verbindlichkeits-Finanzierungen (ein Kunde kann also mehr als ein “Programm” bei CRX Markets haben). 

Erträge von immerhin 1,3 Mio. Euro kamen dabei aus dem Verbriefungsgeschäft. Dieses läuft laut Geschäftsbericht mittels eines Luxemburger Investment-Vehikels, über das (siehe oben) größere Finanzierungstickets zu einem Wertpapier für institutionelle Investoren verbrieft werden. Hinzu kamen Erträge aus Software-Lizenzengebühren.

Beim Aufwand fällt vor allem auf, dass die Personalkosten mit 5,3 Mio. Euro gemessen an der Ertragsentwicklung mit einer Steigerung von 9% gegenüber dem Vorjahr moderat ausfielen. Gegen den Fintech-Trend hat CRX Markets seine Belegschaft im Boom-Jahr 2021 netto lediglich um drei Beschäftigte vergrößert – und wird diese Policy jetzt so schnell auch nicht ändern: “Wir müssen beweisen, dass wir mit der bestehenden Belegschaft unser Geschäft skalieren und profitabel arbeiten können”, kommentiert Vorstandschef Frank Lutz uns gegenüber. 

In den sonstigen Verwaltungs-Aufwendungen in Höhe von 2,1 Mio. Euro steckten vornehmlich Mietausgaben, Rechtsberatungskosten sowie nach Lutz’ eigener Aussage ca. 100.000-150.000 Euro Marketing-Aufwendungen. Letzterer Posten ist im Vergleich zu anderen Fintech-Marktplätzen (etwa KMU-Kreditvermittlern) deshalb verhältnismäßig niedrig, weil CRX Markets seine Großkunden vor allem über den Direktvertrieb und in Ausschreibungsverfahren gewinnt – anstatt vornehmlich auf Online-Marketing zu setzen.  

Das Ziel der Profitabilität klingt im Lagebericht gleichwohl bereits an: Der stärkere Umsatzanstieg gegenüber den Kosten bekräftigt die Skalierbarkeit des Geschäftsmodells und leitet die Trendwende auf dem Weg zur Erreichung des Break-Evens ein.

Profitabel ist CRX Markets indes nicht. Der Jahresfehlbetrag ist 2021 aber erstmals im gegenüber dem Vorjahr leicht gesunken (was auch das Ziel war) und liegt jetzt knapp unter 5 Mio. Euro. Die Prognose wurde gleichwohl verfehlt. Im Lagebericht heißt es dazu: Trotz Rückstand gegenüber Plan wurde somit die Trendwende hinsichtlich der Entwicklung des Jahresergebnisses eingeleitet. Weiter wird erwartet, dass die für 2021 geplanten, aber verzögerten Wachstumspotentiale der Bestandskunden im Geschäftsjahr 2022 zum Tragen kommen und umsatzseitige Aufholeffekte realisiert werden.”

Für 2022 prognostiziert der CRX-Vorstand im Lagebericht “eine wiederholte Verdopplung der Finanzierungsvolumina” und berichtet von einer Planübererfüllung im ersten Quartal dieses Jahres (der auch auf den oben genannten Aufholeffekt zurückzuführen ist).

Wer ist bei CRX Markets “Kunde” und wer Finanzierer?

Zielkunden für CRX Markets sind laut Lagebericht vor allem Unternehmen aus der Chemie-, der Lebensmittel- und der Automobilindustrie. Ein großer Kunde ist etwa der Daimler-Konzern, der sein Mandat in der Lieferanten-Finanzierung im vergangenen Jahr vom Automobil- auf die Truck-Sparte ausgeweitet hat. Andere namhafte Bestandskunden sind etwa Nestlé, Vattenfall, MAN, Lufthansa und der Zulieferer Knorr-Bremse.

Bis 2021 hat sich CRX Markets in seinem Kundenstamm auf den deutschsprachigen Raum konzentriert, künftig will das Unternehmen auch international Kunden gewinnen, wozu es im Geschäftsbericht heißt: Im Hinblick auf eine Aufwand-/Nutzenoptimierung in der Etablierungsphase des CRX Marktplatzes erweiterte CRX Markets im Berichtszeitrum während der Wachstumsphase bis zur Erreichung des break-even den Kernmarkt DACH um die Zielmärkte Benelux, UK und Nordics (Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland)…”

An die Finanzdienstleister, die die Forderungen und Verbindlichkeiten kaufen, zahlen die Kunden einen währungsabhängigen Basiszinssatz und einen Risikozuschlag je nach Bonität. CRX Markets verdient bei den Banken und Factoring-Anbietern nicht direkt mit, profitiert als Marktplatz aber natürlich, wenn möglichst viele Finanzdienstleister dort in die Lieferketten-Finanzierung einsteigen. Aktuell tummeln sich laut CRX rund 50 Finanzierer auf der Plattform – darunter auch Banken, die keine dezidierte Factoring-Abteilungen haben (das ist laut CRX zum Beispiel bei einigen Landesbanken der Fall) und die Plattform allem Anschein als Einfallstor in den Markt nutzen. 

Wer ist die Konkurrenz?

Da sind zum einen die Hausbanken mit starkem Firmenkundengeschäft, die selbst Factoring betreiben. Zum anderen gibt es mittlerweile auch mehrere Factoring-Marktplätze, etwa die US-stämmigen Anbieter PrimeRevenue, Orbian (ein früheres Joint Venture von Citibank und SAP), Taulia und C2FO.

Bei den hiesigen Factoring-Marktplätzen standen die Zeichen allerdings schon vor dem aktuellen Fintech-Marktbeben eher auf Konsolidierung: An Traxpay ist die Deutsche Bank seit 2020 beteiligt, zudem ist das Fintech über eine Kooperation auch mit der DZ Bank verbandelt (siehe hier), deren anderes Factoring-Investment Trustbills wiederum war 2019 in die Insolvenz geschlittert war (siehe hier). Die Amerikaner von Taulia wiederum wurden letztes Jahr vom Walldorfer Software-Konzern SAP geschluckt, siehe unser Stück -> “Wie sich SAP zum Rivalen der Deutschen Bank aufschwingt”)

Woher kam das Funding und wie weit reicht es?

Wie ist es um Finanzierung von CRX Markets selbst bestellt? Der Jahresfehlbetrag fiel 2021 zwar geringer als im Vorjahr, betrug aber immer noch knapp 5 Mio. Euro – bei 4,5 Mio. Euro Eigenkapital und 3,5 Mio. Euro Verbindlichkeiten. Laut Geschäftsbericht hat CRX Markets seine Verbindlichkeiten gegenüber 2020 reduziert, indem Gesellschafterdarlehen zurückgezahlt und teilweise in Aktien umgewandelt wurden. “Weitere Verbindlichkeiten aus Krediten über die Gesellschafterdarlehen hinaus bestehen zum Bilanzstichtag nicht”, heißt es dort.

Eigenkapital in Euro 2021 2020 Delta
Gezeichnetes Kapital 157.660 143.477 14.183
Kapitalrücklage 35.281.715 26.821.469 8.460.246
Verlustvortrag -26.004.756 -20.971.778 -5.032.977
Jahresfehlbetrag -4.964.750 -5.032.977 68.227

Quelle: CRX Markets Geschäftsbericht 2021

Zudem hat CRX Markets 2021 noch einmal 8,5 Mio. Euro an Funding von Bestandsinvestoren bekommen (teilweise wurden auch Darlehen in Eigenkapital umgewandelt) – was aber noch nicht reichen wird, um das Fintech bis zum Break-Even zu tragen. Dazu muss man wissen: CRX Markets finanziert sich (eher Fintech-untypisch) noch immer vornehmlich über Business Angels und nicht über VC-Fonds. Zwar hatte das Unternehmen letztes Jahr die Absicht, auch Venture Capital einzusammeln – es kam dann aber doch anders, wie dem Geschäftsbericht zu entnehmen ist: “Die Planabweichung begründete sich dabei durch die veränderte Strategie, bevorzugt schrittweise Kapital im Gleichklang mit dem Wachstum der Gesellschaft einzusammeln, statt eines größeren Betrags auf einmal zu möglicherweise schlechteren Konditionen.”

Die Beteiligung einer Bank (wie beim Konkurrenten Traxpay) schließt Frank Lutz auf Anfrage aus: “Wir schätzen Banken als Finanzierungspartner auf unserer Plattform, doch sehen wir es als entscheidenden Wettbewerbsvorteil an, als Marktplatz unabhängig von Finanzierungspartnern zu sein.

Damit kamen auch für die nächsten Runden eigentlich wieder nur 01Bestandsinvestoren infrage – die offensichtlich auch in diesem Jahr schon frisches Kapital für CRX Markets zur Verfügung gestellt haben, wie Lutz auf unsere Anfrage bestätigt: “Wir haben mittlerweile über 4 Mio. Euro an frischem Kapital eingesammelt und sollten daher bis zum Break-even durchfinanziert sein.” 

Finanz-Szene geht ab Oktober hinter die Paywall ...

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