Interview

„Dass jetzt die Fintechs schuld sein sollen, ist absurd“

7. März 2021

Von Heinz-Roger Dohms und Caspar Schlenk

Welche Anteil haben Einlagen-Broker wie „Weltsparen“ oder „Zinspilot“ daran, dass die Bremer Greensill Bank zur einer Gefahr für die Einlagensicherung wurde? „Wenn aus dem „Fall Greensill“ jetzt ein Fintech-Fall gemacht wird, dann ist das absurd“, antwortet die Tamaz Georgade, Gründer des  „Weltsparen“-Betreibers Raisin – und weist den (auch von uns erhobenen) Vorwurf der Einlagensicherungs-Arbitrage zurück. Hier das Interview:

Tamaz*, bereits im Sommer und Herbst vergangenen Jahres gab es kritische Berichte über die Greensill Bank, zum Beispiel bei „Bloomberg“, aber auch bei Finanz-Szene (siehe hier und hier). Warum habt Ihr über Eure Plattform „Weltsparen“ die Kundengelder weiterhin dorthin geleitet?

Tamaz Georgadze: Dahinter steht die Frage nach unserer Rolle. Wir sind als Zinsplattform nicht in der Lage, eine tiefergehende Bilanzprüfung durchzuführen. Wir schauen von außen auf die Firma. Die Greensill-Bank war mit rund 500 Mio. Euro Eigenkapital gemessen an Einlagen und Risiko sehr gut kapitalisiert – und sie hat profitabel gearbeitet. Selbst „Finanztest“ hat das Institut empfohlen. Die kritischen Berichte haben wir natürlich wahrgenommen. Aber da ging es um Konzentrationsrisiken, nicht um Bilanzfälschung. Und kritisch berichtet wird über viele Banken.

Das heißt, Ihr habt als Zinsplattform keine Prüfungs-Verantwortung?

Georgadze: Natürlich schauen wir uns die Banken an, bevor sie auf unsere Plattform kommen, beispielsweise ob sie profitabel arbeiten, wie viel Liquidität sie vorhalten und wie die Eigentümerstruktur aussieht. Man muss zwischen zwei Betrachtungen unterscheiden: Erstens, welcher Schaden kann für unsere Kunden entstehen? Durch die gesetzliche und private Einlagensicherung waren und sind die Gelder im Fall der Greensill Bank gesichert. Und dann stellt sich zweitens die Frage: Warum haben in diesem Fall der mutmaßlichen Bilanzmanipulation die Sicherungsmechanismen nicht gegriffen? Sowohl der Prüfungsverband der Banken als auch die BaFin verfügen über Instrumente der Kontrolle und der Sanktion. So kann die Bafin zum Beispiel die Höhe der Einlagen begrenzen.

Ihr selber könntet nicht mehr tun?

Georgadze: Wie soll das in der Praxis funktionieren? Wenn aus dem „Fall Greensill“ jetzt ein Fintech-Fall gemacht wird, dann ist das absurd. Es ist nicht die Aufgabe der Zinsportale, die Bücher zu prüfen, das ist Aufgabe der Aufsicht und der Wirtschaftsprüfer. Wie soll eine umfangreiche Prüfung von unserer Seite denn in der Praxis bitteschön funktionieren? Dafür fehlen uns natürlicherweise die Mittel und Instrumente. Und: Für wen würde das dann noch gelten? Was ist mit Check24? Was ist mit Finanztest? Und was ist mit Google? Denn die Greensill Bank hat ja die Sparer ja nicht nur über die Portale angesprochen, sondern sich im Internet auch direkt vermarktet. Wir stehen jetzt plötzlich im Mittelpunkt der Kritik. Dabei kamen von uns überhaupt nur 10% bis 15% der Einlagen …

… das wären ganz grob 350 Mio. bis 500 Mio. Euro …

Georgadze: … während der weit überwiegende Teil des Geldes allem Anschein nach gar nicht über Zinsportale zur Greensill Bank geflossen ist, sondern über klassische Einlagenvermittler, die ihr Geschäft im Auftrag von Firmenkunden und sonstigen instutionellen Anlegern betreiben. Warum wird jetzt so getan, als sei der Sparer das Problem?

Euer Modell sieht vor, dass Anleger höhere Zinsen bekommen und es trotzdem in der Theorie kein Ausfallrisiko gibt. Ihr versprecht Euren Kunden eine Überrendite, lagert die entstehenden Risiken aber an die Einlagensicherung aus. Stichwort „Einlagensicherungs-Arbitrage“.

Georgadze: Dem widerspreche ich. Man muss sich unsere Funktion noch einmal bewusst machen. Es gibt einerseits die normalen Retailbanken. Die sitzen auf ständig steigenden Einlagen, die sie ihren Kunden immer öfter negativ verzinsen. Auf der anderen Seite stehen Banken ohne direkten Zugang zu Spargeldern, also beispielsweise Factoring-Banken oder Immobilienfinanzierer. Diese suchen genau die überschüssigen Einlagen, die anderswo anfallen, um sich günstiger refinanzieren zu können. Diese beiden Parteien verbinden wir über unsere Plattform – und diese Funktion erklärt, warum Kleinanleger über Portale wie „Weltsparen“ höhere Zinsen erhalten als bei ihrer Hausbank. Es ist also nicht so, dass die Sparer bei uns nur deshalb höhere Zinsen erhalten, weil wir die Risiken an die Einlagensicherung auslagern.

Aber Euer Geschäftsmodell profitiert von der Einlagensicherung – während für die Kosten andere aufkommen, im konkreten Fall die privaten deutschen Banken, denen nun Belastungen in Milliardenhöhe drohen.

Georgadze: Darf ich ein bisschen ausholen? Die originäre Aufgabe der Einlagensicherung besteht darin, die Stabilität des Finanzsystems zu bewahren, indem sie durch ihre schiere Existenz verhindert, dass es zu regelmäßigen Bank-Runs kommt. Eine starke Einlagensicherung liegt also im ureigenen Interesse der Banken. Hinzu kommt: Solange man die Garantie tatsächlich auf die gesetzlich geschützten Retaileinlagen bis zu 100.000 Euro begrenzt, sind die Kosten für diesen Mechanismen sehr überschaubar, das zeigen Studien wie “Completing the Banking Union with a European Deposit Insurance Scheme: who is afraid of cross-subsidisation?“ der EZB aus 2018 (hier das PDF). Wir sind für die einheitliche europäische Einlagensicherung, denn diese würde eine Einlagen-Arbitrage effektiv vermeiden.

Es sind ja gerade die privaten deutschen Banken, die auf die gesetzliche Einlagensicherung die private obendrauf gesetzt haben. Und warum? Weil sie in Zeiten, als Einlagen noch bei allen Banken ein begehrtes Gut waren, der jeweiligen Institutssicherung der Sparkassen und Genossenschaftsbanken einen eigenen Mechanismus entgegensetzen wollten. Nochmal: So wie es aussieht, kam der weit überwiegende Teil auch der geschützten Greensill-Einlagen nicht von Sparern, sondern von institutionellen Kunden. Wenn die Banken sagen, bei ihnen sind bis zu 75 Mio. Euro je Kunde versichert, dann dürfen sie sich nicht wundern, dass Firmenkunden tatsächlich gehobene achtstellige Summen bei ihnen deponieren.


*Eine Leser*innen werden sich die berechtigte Frage gestellt haben, warum wir den Raisin-Gründer Tamaz Georgadze in diesem Interview duzen. Also: Innerhalb der Startup-Branche, der sich Georgadze zugehörig fühlt, ist das „Du“ an der Tagesordnung – auch (was man nicht gut finden muss) im Umgang mit Journalisten oder wenigstens mit Journalisten, die regelmäßig über die Startup-Branche berichten. Wir bei Finanz-Szene halten’s so: Wenn uns ein Fintech-Gründer, wie Georgadze es vor einiger Zeit getan hat, das „Du“ anbietet (bei manch anderen Fintech-Gründern muss man korrekterweise eher von aufdrängen als anbieten reden …), dann gehen wir normalerweise darauf ein. Auf unsere Berichterstattung hat das selbstverständnlich keinen Einfluss. Und aus Gründen der Transparenz behalten wir das mit dem „Du“ in der Wiedergabe des Interviews dann auch so bei. 

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