Analyse

Der Fintech-Schock: Warum gibt Joonko so schnell auf?

28. Oktober 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Ist Finleap lediglich eine Tüftlerwerkstatt, aus der smarte „B2B2C“-Fintechs wie die Solarisbank hervorgehen – oder kann die Berliner Fintech-Schmiede auch das ganz, ganz große Ding bauen?

Auserkoren, dieses ganz, ganz große Ding zu werden, war eigentlich Joonko – ein Vergleichsportal für Finanzprodukte, gelauncht mit dem expliziten Ziel, den Platzhirschen Check24 anzugreifen. Stattdessen kam gestern Nachmittag die Meldung, dass Joonko zwölf Monate nach dem Start den Geschäftsbetrieb einstellt. Es ist der Fintech-Schock des Jahres. Hier unser großes FAQ:

Was genau ist gestern passiert?

Um exakt 14.19 Uhr teilt Joonko mit, dass der Geschäftsbetrieb zum 30. Oktober eingestellt wird (vorher hatte schon der Versicherungsmonitor/Paywall berichtet). Die 43 Mitarbeiter sollen Jobangebote anderer Fintechs aus der Finleap-Gruppe erhalten.

Was hätte aus Joonko werden sollen?

Joonko wollte Check24 angreifen, ohne Check24 einfach nur zu kopieren. „Wir werden mit der ‚Günstiger ist besser‘-Logik vieler bestehender Vergleichsportale brechen“, sagte die Finleap-Managerin und Joonko-Chefin Carolin Gabor im August 2019 gegenüber Finanz-Szene.de. „Uns geht es nicht unbedingt darum, dem Kunden das scheinbar billigste Produkt zu empfehlen – sondern das, welches am besten zu seinen Bedürfnissen passt.“

Was ist seit dem Launch vor zwölf Monaten passiert?

Ende Oktober letzten Jahres ging Joonko (pünktlich zur sog. „Wechselsaison“) mit einem KfZ-Versicherungsvergleich planmäßig live, in diesem Sommer folgte ein noch etwas betamäßiger Ratenkredit-Vergleich mit gerade einmal drei Anbietern.

War das nicht zu wenig?

Ja und nein. Auf den ersten Blick wirkte Joonko gemessen am eigenen Anspruch erstaunlich unsichtbar in den vergangenen Monaten – zum Beispiel was TV-Werbung oder Google-Anzeigen anbetrifft. Tatsächlich erklärt sich die mangelnde Präsenz allerdings dadurch, dass sich das Startup immer noch in der Aufbauphase befand. Übermäßiges Marketing hätte 1.) angesichts des noch unfertigen Produkts nur begrenzt Sinn gemacht, 2.) hätte hierfür auch das Geld gefehlt; die großen Finanzierungsrunden sollten erst noch kommen.

Warum wird Joonko so plötzlich eingestellt?

In der gestrigen Pressemitteilung heißt es, die „im Frühjahr eingeleitete Series-A-Finanzierungsrunde mit bestehenden und neuen Investoren konnte nicht abgeschlossen werden, da einer der Lead-Investoren kurzfristig ausgestiegen ist. Eine alternative und ausreichende Finanzierung ist in so kurzer Zeit nicht möglich, weswegen das Unternehmen nun den Schritt geht und das Geschäft einstellt.“

Ist diese Begründung glaubhaft?

Ja. Selbst aus den Reihen von Wettbewerbern war gestern zu hören, Joonko sei „von außen betrachtet eigentlich im Plan“ und vom Ansatz her „absolut konkurrenzfähig“ gewesen. Mit anderen Worten: Joonko ist – so jedenfalls Einschätzungen aus dem Markt – keinesfalls auf ganzer Linie gescheitert, sondern in erster Linie an der Corona-Krise.

In welcher Form hat sich die Corona-Pandemie konkret auf Joonko ausgewirkt?

Der frühzeitige Launch im vergangenen Herbst war der Tatsache geschuldet, dass Joonko die Kfz-Wechselsaison im November mitnehmen wollte. Darüber hinaus sahen die Planungen vor, in diesem Jahr peu à peu „Traction“ zu gewinnen, um auf dieser Basis die nächste Funding-Runde zu stemmen. Die Corona-Krise (und der durch die Corona-Krise ausgelöste Einbruch im Pkw-Neugeschäft) machten dieses Vorhaben allerdings zunächst zunichte. „Mit Eintritt der […] Covid-19-Pandemie im Frühjahr kam es zu einem drastischen Rückgang des Kfz-Versicherungsgeschäft. […] Für einen jungen Player auf dem sehr umkämpften Markt wurde die Kundenakquisition somit stark erschwert“, heißt es hierzu in der Pressemitteilung.

Indes: Seit dem Sommer seien die Vermittlungs-Zahlen wieder angezogen, sagte Joonko-Chefin Gabor gestern im Gespräch mit „Finanz-Szene.de“. Darum sei sie eigentlich sehr zuversichtlich gewesen, die geplante Finanzierung auch tatsächlich zu erhalten – bis einer der Lead-Investoren vor dem Hintergrund der wieder steigenden Infektionszahlen im letzten Moment abgesprungen sei.

Wie genau sollte die geplatzte Funding-Runde aussehen – und warum genau ist sie geplatzt?

Gabor zufolge war vereinbart, dass bestehende und neue Investoren in diesem Herbst insgesamt 15 Mio. Euro in Joonko investieren – nach rund 10 Mio. Euro vor einem Jahr. Ob die jetzige Runde laut den ursprünglichen (d.h.: vor Corona gültigen) Planungen größer ausfallen sollte, ist nicht ganz klar. Fest steht lediglich: Um marketingmäßig wirklich durchzustarten, wären besagte 15 Mio. Euro zu wenig gewesen. Stattdessen wäre das Geld wohl erst einmal gebraucht worden, um die beiden bestehenden Vergleiche auszubauen und weitere zu launchen.

Tatsächlich gab es laut Finanz-Szene.de-Informationen elf unterschriebene Verträge mit Banken, die zeitnah in den Ratenkredit-Vergleich integriert worden wären. Dann jedoch sprang praktisch unmittelbar vor Unterzeichnung des „Shareholder Agreements“ einer der Investoren ab – und die ganze Runde platzte. Um welchen Geldgeber es sich handelte, ist uns nicht bekannt.

Warum scheitert eines der größten deutschen Fintech-Projekte an ein paar Mio. Euro – und warum hat Finleap die etwaige Lücke nicht einfach gefüllt?

Das ist uns nicht zu 100% klar. Allerdings erscheinen uns folgende Aspekte plausibel:

  • Denkbar ist, dass – nachdem einer der Lead-Investoren abgesprungen war – auch weitere Geldgeber nervös worden. Es soll angesichts der aktuellen Corona-Welle jedenfalls generell so sein, dass bei etlichen VC-Spezialisten da draußen die Unsicherheit ähnlich groß ist wie im März/April
  • Heißt: Vielleicht hätte Finleap, um das Joonko-Projekt zu retten, nicht nur eine etwaige Lücke füllen, sondern weite Teile der Runde übernehmen musste. Das wäre dann selbst für Finleap kein Spielgeld mehr gewesen
  • Hinzu kommt: Auch wenn das letztjährige Funding und die jetzt geplante Finanzierung mit 10 Mio. Euro bzw. 15. Mio. Euro auf den ersten Blick bescheiden wirken – die aufgerufenen Bewertungen sollen es nicht gewesen sein. Sprich: Um die aktuelle Runde zu retten, hätte man bei der Bewertung möglicherweise Abschläge hinnehmen oder sogar eine regelrechte Downround akzeptieren müssen. Plausibel erscheint der Gedanke, dass beispielsweise der neben Finleap wichtigste ursprüngliche Joonko-Investor, nämlich der chinesische Großversicherer Ping An, hierzu nicht bereit war.
  • Anders gesagt: Finleap und Ping An haben ihre große Wette lieber verloren, als sie sich von der Wucht der äußeren Umstände kleinmachen zu lassen

Was letzten Endes aber auch zur Wahrheit gehört: Wenn ein so großes Projekt wie Joonko letzten Endes an so wenig Geld scheitert, dann spricht das nichts fürs Projekt. Denn bei allem Lob, dass den Joonko-Leuten gestern aus dem Markt zuteil wurde – die Bottom line lautet: Finleaps großes B2C-Projekt ist (Corona hin, VC-spezifische Erwägungen her) nach nur einem Jahr schon wieder Geschichte.

Was wird jetzt aus Joonko?

Als eigenständige Unternehmung soll Joonko nach unserem Verständnis abgewickelt werden. Punkt, Aus. Die offene Frage lautet, was aus der geschaffenen Technologie wird. So kursierte schon in den letzten Monaten im Markt das Gerücht, Finleap verfolge mit Joonko nicht zwingend eine B2C-Strategie, sondern möglicherweise insgeheim oder parallel eine B2B2C-Strategie – was auf gut Deutsch bedeutet, dass die Produktvergleiche unter anderem Namen beispielsweise in reichweitenstarke Verbraucherportale eingebunden worden wären.

Ob eine solche B2B2C-Strategie offensiv verfolgt wurde, ist unklar. Fest allerdings steht: Die Überlegung, die gebauten Vergleichsrechner nach dem Scheitern von Joonko nun anderweitig zu verwerten, gibt es innerhalb Finleaps durchaus. Ob dies innerhalb der Finleap-Gruppe oder außerhalb geschehen wird, das wird man sehen.

Was wird aus Carolin Gabor?

Auch das ist unklar. Und würde es allerdings nicht wundern, wenn die renommierte Managerin innerhalb der Finleap-Gruppe demnächst an anderer Stelle aufschlüge.

Welche Investoren müssen jetzt ihr Investment abschreiben?

Da Joonko als AG und nicht als GmbH organisiert ist, lässt sich von außen nicht in die Gesellschafterliste schauen. Öffentlich bekannt allerdings ist, dass neben Finleap und Ping An auch der Berliner Einlagenbroker Raisin („Weltsparen“) an Joonko beteiligt war.

Hier kommt Carolin Gabor, die Chefin von Joonko

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