Exklusiv

Der Holvi-Pivot: 82% weniger Kunden – aber fast profitabel

2. Juni 2022

Von John Stanley Hunter

Die finnische Freelancer-Bank Holvi, die auch in Deutschland aktiv ist, führte in den vergangenen Jahren ein turbulentes Dasein: Jahrelang schrieb das Fintech unter dem Dach der spanischen Großbank BBVA hohe Verluste. Anfang 2021 kaufte der Mit-Gründer und Jetzt-CEO Tuomas Toivonen sein Startup zurück (siehe hier), es folgten ein harter Sparkurs, neue Produkte und die Abschaffung kostenloser Konten.

Und jetzt? Während der Berliner Konkurrent Kontist gerade erst ein Viertel der Belegschaft gekündigt hat, werfen Finance Forward und Finanz-Szene einen Blick in den 2021er-Jahresabschluss der seit Jahren sparenden Finnen. Es zeigt sich: Der Profitabilitäts-Plan bei Holvi könnte aufgehen. 

Die “Zero-Budget-Policy” des CEOs

Insgesamt konnte Holvi seinen Verlust von 17,1 Mio. Euro im Vorjahr auf 5,4 Mio. Euro reduzieren. Wichtigster Faktor dafür war der radikale Marketingstopp Anfang 2021, über den wir seinerzeit berichtet hatten. Außerdem reduzierte Holvi sein Team von 120 auf zwischenzeitlich 60 Mitarbeiter – inzwischen hat das Fintech wieder auf 80 aufgestockt, wie Toivonen im Gespräch mit uns berichtet. Die Büroräume wurden auf ein hybrides Arbeitsmodell angepasst und um die Hälfte reduziert. Die Auswirkungen dieser Maßnahmen zeigen sich in einer Grafik aus einer internen Präsentation von Holvi, die Finance Forward und Finanz-Szene vorliegt. „Wir haben eine ,Zero-Budget-Policy eingeführt“, sagt der Gründer. Das bedeutet etwa: Alle Software-Lizenzen, die nicht dringlich notwendig sind, wurden gekündigt.

Die Betriebskosten von Holvi – ohne den Mitarbeiteraufwand

Quelle: Holvi

Die Motivation: Holvi ist seit dem Rückkauf ohne externe Investoren unterwegs, für Verluste gibt es also keinen Raum. Ein Blick in den im Februar 2017 veröffentlichten Jahresabschluss der BBVA zeigte, dass der Exit damals insgesamt rund 9 Mio. Dollar brachte. Für wie viel Toivonen das Startup fünf Jahre später zurückkaufte, dazu will er sich nicht äußern. Es dürfte allerdings weniger gewesen sein. BBVA hatte kurz vorher die US-Banking-App Simple, die sie 2014 für 117 Mio. Dollar erworben hatte, dichtgemacht und wollte derartige Projekte abzustoßen.

An Holvis Sparmodus zeigt sich exemplarisch, was dem ein oder anderen Fintech in den kommenden Monaten noch bevorstehen könnte. Investoren warnen ihre Portfolio-Startups aktuell vor schwierigen Zeiten, schwören sich angesichts knapperen Kapitals auf Profitabilität ein. Nicht nur Holvi-Konkurrent Kontist hat Entlassungen angekündigt, auch Fintechs wie Klarna, SumUp und  Nuri kündigen Teilen ihrer Belegschaft. 

Keine kostenlosen Konten und viiiel weniger Kunden

Holvi hat neben den harten Einsparungen seine Einnahmen steigern können. Im September schloss die Neobank ihre kostenlosen Konten, die Kunden mussten entweder auf ein Bezahlmodell upgraden oder sich einen neuen Anbieter suchen (siehe hier). Der Effekt: Ein Umsatz von 2,1 Mio. Euro in Q4, fast doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum (siehe Grafik).

Mit der neuen Ausrichtung ändert sich allerdings die Größe des Unternehmens rapide. Die letzte Kundenzahl, die unter BBVA noch verkündet wurde, belief sich auf 200.000. In Deutschland galt Holvi mit 90.000 Kunden als einer der größten digitalen Business-Banking-Anbieter. Nach dem Wegfall der Freemium-Kunden und mit einer „neuen Definition von dem, was als Kunde zählt“, also zahlend und tatsächlich aktiv, komme Holvi nunmehr auf 35.000 Kunden, sagt Toivonen. Insgesamt.

Die regionale Verteilung der 6,2 Mio. Euro Gesamtumsatz zeigt: Deutschland ist mit knapp 3,3 Mio. Euro Holvis größter Markt, im Heimatmarkt Finnland setzte das Fintech 2,4 Mio. Euro um. Im Rest der EU ist es nicht mal eine halbe Mio. Euro – und im Gegensatz zu Deutschland und Finnland ist der kumulierte Umsatz in den anderen Teilen der EU rückläufig. 

Die nächste große Aufgabe für Holvi wird nun, trotz des abgekühlten Funding-Klimas Wagniskapital zu einer vernünftigen Bewertung zu erhalten. „Ein paar Wetten werden die VCs noch eingehen und wir arbeiten schon seit einem Jahr sehr hart daran, Kosten zu senken und Umsatz zu steigern“, sagt Toivonen. Er ist überzeugt, dass ihm das einen Vorteil bei Investoren verschafft.

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