Analyse

Die Bafin trifft die N26-Jungs an deren empfindlichster Stelle

27. Januar 2021

Von Heinz-Roger Dohms

Sie waren sich ihrer Sache sicher. Oder wenigstens taten sie so. Finanzholding? Nein, das Thema werde N26 nicht betreffen. So zumindest verlautete es noch vor wenigen Wochen aus dem Management des Berliner Milliarden-Fintechs.

Mag sein, dass es sich dabei um ein Ablenkungsmanöver handelte. Vielleicht hat N26 die Sache aber auch einfach nur kolossal unterschätzt. Am Dienstagmittag jedenfalls berichtete „Reuters“ unter Berufung auf zwei Insider, dass die Bafin die Berliner Challenger-Bank in Zukunft tatsächlich als Finanzholding einstufen wolle. Eine offizielle Bestätigung blieb zwar aus – allerdings fand sich umgekehrt auch niemand, der die Sache ernsthaft dementieren wollte. Damit dürfte in Zukunft also nicht mehr nur die N26 Bank GmbH mit ihren vielleicht 100 Mitarbeitern dem direkten Zugriff der Aufsicht unterliegen. Sondern der gesamte Konzern samt seiner zuletzt 1500 Beschäftigten.

Mithin: N26 droht jetzt exakt die Konstellation, die Wirecard jahrelang erfolgreich umschifft hat. Und die auch die Berliner unbedingt vermeiden wollten. Denn im besten Fall bedeutet „Finanzholding“, dass auf die Smartphone-Bank, die in ihrem innersten immer noch tickt wie ein Startup, nun viel, viel lästige Arbeit zukommt. Und im schlimmsten Fall? Könnte der seit Jahren schwelende Konflikt mit der Finanzaufsicht nun zum belastenden Dauerthema werden.

Interessant hieran ist nun, dass N26 mit seiner Position, keine Finanzholding zu sein, streng genommen sogar richtig liegt. Denn bislang (so haben wir es uns gestern jedenfalls von unabhängigen Experten erklären lassen) galt als Kriterium: Als Finanzholding kann nur eingestuft werden, wer mindestens zwei regulierte Einheiten unter seinen Dach beherbergt. Ebendies traf und trifft auf das größte deutsche Fintech allerdings nicht zu. Denn die einzige regulierte Entität im Konzern ist die N26 Bank GmbH, über deren Lizenz nicht nur das Deutschland-, sondern auch das europäische Auslandsgeschäft betrieben wird. Die US-Gesellschaft agiert bislang ohne eigene Banklizenz; und die „N26 Operations GmbH“ ist lediglich ein interner Dienstleister.

Zur Wahrheit allerdings gehört auch: Wer N26 sagt, der meint nicht die „N26 Bank GmbH“, an deren Spitze zwei Manager stehen, deren Namen allenfalls Eingeweihten etwas sagt (sie heißen Markus Gunter und Richard Groeneveld). Sondern der meint die eigentliche „N26 GmbH“ mit ihren selbstgewissen Gründern Valentin Stalf und Maximilian Tayenthal. Die sprechen nicht nur nach außen für das Unternehmen. Sondern geben auch intern den Ton an. „Bei N26 dürfen die Banken ihre Schreibtische im Keller aufstellen“, sagt ein Insider. „Die eigentlichen Entscheidungen werden weiter oben gefällt.“ (Anm. d. Red.: Wir glauben, das mit dem Keller war bildlich gemeint)

Das alles hat sich natürlich längst auch bis Bonn herumgesprochen. Wobei man wissen muss: Die Bafin hatte – womöglich sogar angefixt von der Idee, dass aus Deutschland heraus ein globaler Fintech-Champion heranwächst – in den Anfangsjahren durchaus wohlwollend auf N26 geblickt. Erstaunlich geräuschlos bekam das Startup 2016 die erhoffte Banklizenz. „Die Bafin hat sich damals nicht nur als Aufseher, sondern auch als Begleiter verstanden“, sagt ein Kenner. Ein Vertrauensvorschuss, der (so empfindet man das angeblich in Bonn) nicht zurückgezahlt wurde.

Das Verhältnis bekam daher bald Risse. Die aufsichtsrechtlichen Anforderungen – für etablierte Institute ganz normal – wurden in Berlin mitunter als Gängelei empfunden. Während sich umgekehrt die Bonner Behördler von den Fintech-Hipstern nicht immer ernst genommen fühlten. Die Retourkutsche folgte 2019. Da wurde öffentlich, dass es bei der Startup-Bank zu einer Bafin-Sonderprüfung gekommen war, an deren Ende die Aufseher aufgrund schwerwiegender Mängel sogar mit einer Deckelung des Einlagengeschäfts drohten. N26-Chef Stalf gab sich öffentlich reumütig. Dass sich das Verhältnis zwischen Fintech und Aufsicht durch die Episode verbessert hätte, darf bezweifelt werden.

Im Grunde sind die kulturellen Unterschiede kaum zu überbrücken. In Bonn ist man der Ansicht: Wer Bank sein will, der muss sich auch wie eine Bank verhalten. Während die N26-Macher überzeugt sind, dass ihre Unternehmen nur dann wird reüssieren können, wenn man eben nicht in die Handlungsmuster klassischer Geldhäuser verfällt. Thomas Grosse, der bei N26 den Titel „Chief Banking Officer“ trägt, hat die Dinge vor einigen Monaten in einem Fachbeitrag wie folgt auf den Punkt gebracht:

„Ich glaube eher, dass die intensive und jahrzehntelange Auseinandersetzung mit Regeln und gesetzlichen Vorgaben das kreative Denken von Bankorganisatoren stark eingeschränkt hat bzw. in ein gedankliches Korsett gedrängt hat. […] Meine persönliche Erfahrung zum Beispiel bei Wüstenrot [Anm. der Red.: Dort hat Grosse früher gearbeitet] war, dass genau dieses Mindset dazu geführt hat, dass zu wenig innovative Lösungen entwickelt wurden. N26 versucht das Problem interessanterweise dadurch zu lösen, dass Produktentwicklung sowie die IT bzw. der Tech-Bereich organisatorisch komplett aus der eigentlichen Bank herausgelöst ist. Auch ist das Produktmanagement sehr divers und überproportional von Nichtbankern besetzt. Dies stärkt insgesamt die Innovationsfähigkeit und das Austesten von Ideen jenseits der traditionellen Banklogik.“

Viele Fintech-Menschen würden diese Sätze 1:1 unterschreiben. In den Ohren mancher Aufseher dürften sie dagegen fast unerhört klingen.

Was auffällt: Die Berliner Challenger-Bank ist vor allem in solchen Märkten gut vorangekommen, wo sie auf Basis ihrer deutschen Banklizenz und per sogenanntem „Passporting“ ohne größere regulatorische Anforderungen unmittelbar loslegen konnte – sprich: in Kontinentaleuropa. Aus Großbritannien zog sich das Berliner Fintech hingegen vor einem Jahr entnervt zurück.

In den USA läuft das Geschäft nach allem, was man weiß, eher schleppend. Und ob das mit dem geplanten Brasilien-Start irgendwann tatsächlich mal was wird, ist völlig unklar. Natürlich: Für die ausbleibenden Erfolge außerhalb Kerneuropas gibt es unterschiedliche Gründe. So ist in den drei genannten Ländern die Konkurrenz ungleich härter als in Kontinentaleuropa; und der Brexit sowie Corona haben die Dinge sicher nicht vereinfacht. Was allerdings auch erzählt wird: dass N26 zum Beispiel in UK der dortigen Finanzaufsicht nicht wirklich gewachsen gewesen sei.

Wer die Hiring-Politik von N26 in den zurückliegenden Jahren verfolgt hat, der stellt fest, dass (zugespitzt formuliert) der UX-Designer im Zweifel dem Banker vorgezogen wird. Dieser Approach mag viel zum Erfolg des Berliner Startups beitragen haben. Ob die Belegschaft und ob das Verhältnis zwischen „GmbH“ und „Bank GmbH“ aber wirklich ausbalanciert sind, daran hegen Kenner Zweifel. Mit dem Thema „Finanzholding“ beispielsweise sollen sich die  Verantwortlichen  schon seit langer Zeit beschäftigten.  Allerdings nicht in einem proaktiven Sinne. Sondern eher mit dem Ziel, die Einstufung möglichst lange hinauszuzögern. Angeblich hat sich N26 in dieser Hinsicht auch von einer der großen WP-Gesellschaften beraten lassen. Ein Sprecher des Fintechs konnte hierzu gestern Abend aufgrund der vorgerückten Zeit nichts mehr sagen.

Die sich abzeichnende Einordnung als Finanzholding bedeutet nun (vereinfacht gesagt): All das, was bislang nur für die eigentliche Bank galt, wird in Zukunft auch für die GmbH gelten. Es geht um Stichwörter wie: MaRisk. Regulatorisches Reporting. Prozessdokumentation. Schriftliche fixierte Ordnung. Und so weiter, und wo weiter. Im Grunde die Dinge, um die sich die Holding bislang drücken konnte.

Und dann müsste es streng genommen auch um eine Frage gehen, die sich aus der Perspektive begeisterter N26-Jünger fast schon blasphemisch anhören muss: Sind Valentin Stalf und Maximilian Tayenthal denn überhaupt „Fit & proper“, wie es im Aufsichts-Jargon heißt, so eine Finanzholding zu führen? Haben die denn überhaupt mal in einer Bank gearbeitet? Und wie ist es denn eigentlich um ihre Erfahrung im Kreditgeschäft bestellt?

Einer, der weiß, wie die Bafin tickt, schickt uns folgende Einschätzung:

„Ich denke, dass die Personen auf der C-Ebene (und vermutlich auch im Aufsichtsgremium) eine Zuverlässigkeitsprüfung werden über sich ergehen lassen müssen. Man wird vermutlich nicht wissen wollen, ob die beiden Gründer Fähigkeiten zur Kreditanalyse und -entscheidung haben, aber einige andere Dinge zur Zuverlässigkeit (CRD, Mifid etc., Bedeutung der Einlagensicherung, Umgang mit der Aufsicht etc.) wird sich die Bafin schon ansehen.“

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing