Debatte

Die drei Denkfehler der PSD2-Kritiker in den deutschen Banken

2. Dezember 2019

Hat die hiesige Fintech-Lobby jahrelang für die falschen lobbyiert – nämlich für die GAFAs statt für die eigene Zunft? Diese Frage stellte Finanz-Szene.de vergangene Woche, nachdem ein ING-Deutschland-Manager bei einer Veranstaltung in Berlin gesagt hatte,  die „eigentlichen Gewinner“ der PSD2-Richtlinie seien Google, Facebook und Apple. Einer der profiliertesten deutschen Fintech-Vertreter, nämlich Stefan Krautkrämer, setzt nun zur Gegenrede an. Seine These: Die Banken selbst könnten die Gewinner der PSD2-Richtlinie sein – wenn sie es nur endlich mal richtig anstellen.

Von Stefan Krautkrämer*

Man kann über die PSD2 trefflich diskutieren, beispielsweise, ob es wirklich klug war, dem Markt die Entwicklung einer dedizierten Schnittstelle zu überlassen. Unzweifelhaft sind aber zwei große Errungenschaften, die die PSD2 hervorgebracht hat:

  1. Die Schöpfer der Zahlungsdienste-Richtlinie haben erkannt, dass im 21. Jahrhundert der Nutzer im Zentrum neuer Technologien steht und dem mündigen Bürger die Hoheit über seine Bankdaten übertragen werden kann.
  2. Die PSD2 schafft ein Level Playing Field, also gleiche Wettbewerbs-Bedingungen für alle Teilnehmer. Mehr kann und soll eine Liberalisierung nicht leisten.

Beide Punkte haben in meinen Augen eine zentrale Auswirkung auf die künftige Entwicklung des Marktes. Es wird eine Marktbereinigung geben und auf lange Sicht werden sich nur absolut kundenzentrierte Produkte und Anbieter durchsetzen. Diese Services dürfen dann auch etwas kosten, wenn die Mehrwerte stimmen. Es wird daher einen Wettbewerb um Funktionen geben. Und natürlich haben diejenigen Anbieter einen Startvorteil, die bereits über einen großflächigen, direkten Kundenzugang verfügen.

Doch wer hat diesen Startvorteil? Sind wirklich Google, Facebook und Apple „die eigentlichen Gewinner“ der PSD2, wie vergangene Woche behauptet wurde? Hierzu eine Zahl: Es gibt in Deutschland laut Bundesbank mehr als 100 Mio. Girokonten. Liegt nicht die Vermutung nahe, dass diejeingen Player, die diese 100 Mio. Girokonten verwalten, im Level Playing Field die besten Erfolgschancen haben sollten? Also die Banken selber! Denn sie sind es ja, die bereits über den direkten Kundenzugang verfügen und mittels „Open Banking“ ihr Portfolio an Dienstleistungen unendlich ausbauen könnten.

Klar: Die Angst vor den GAFAs ist verständlich – zumal mit Blick auf die vielen Fehlentscheidungen der Banken in den vergangenen Jahren, gerade beim digitalen Zahlungsverkehr (Stichwort Paydirekt etc. pp).  Es gelingt den Plattformen einfach weit besser, auf die Bedürfnisse der Nutzer einzugehen. Fakt ist: Der Wettbewerb um die Usability ist durch die PSD2 endgültig entfacht und wird in den kommenden Jahren Gewinner und Verlierer hervorbringen. Banken, die beispielsweise ihre Kunden zwingen, für eine Überweisung vier TANs einzugeben, werden auf der Verliererseite stehen. Neobanken dagegen haben den Kundenfokus tiefer in ihrer DNA verankert, sie werden eher zu den Gewinnern zählen.

Auch einige etablierte Banken, beispielsweise die Postbank mit der BestSign App, beweisen, dass sie verstehen, was Kunden wollen. Es ist daher viel zu einfach und vor allem falsch, mit der Angst vor den GAFAs die PSD2 und Open Banking kleinreden zu wollen oder sie als Gefahr fürs eigene Geschäftsmodell darzustellen. Die Branche unterliegt dabei mindestens drei kursierenden Denkfehlern.

Denkfehler 1: Die PSD2-Schnittstellen bevorzugen „Non-Banks“

Natürlich ist es dank der PSD2-Schnittstellen möglich, wie eine Bank zu agieren, ohne eine zu sein. Zugleich ist aber auch die andere Richtung möglich: Banken können sich über Schnittstellen als Fintech-Hub positionieren. Eine starke Marke mit hoher Reputation (Bank) im Frontend zum Kunden, im Backend eine Anbindung von populären Fintech-Dienstleistungen als White-Label und damit im Branding der Bank. Auch eine technologische Kooperation, bei der beide Marken sichtbar sind, also die der Bank und die des Fintechs, ist ein Erfolgsmodell. Alle Fintechs wissen, wie wichtig der Kundenzugang ist: Scalable Capital hat sein Kundenwachstum erst durch die Integration bei der ING richtig pushen können. Und genau hier unterliegen viele Banken dem zweiten großen Irrtum.

Denkfehler 2: Fintechs sind (ausschließlich) Konkurrenten

Viele Fintechs am Markt sind keine Konkurrenten, sondern digitale Enabler. Sie schließen die technologische Brücke zum Endkunden – im Idealfall in Symbiose mit der Bank. Fintechs sind der ideale Partner mit ihren kurzen Produkt-innovationszyklen und ihrer dynamischen Entwicklung. Natürlich stehen Fintechs in einigen Fällen im Wettbewerb zu den etablierten Banken und zeigen, dass sie durchaus in der Lage sind, auch als Startup viele Nutzer von ihren Leistungen zu überzeugen. Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass es in Deutschland mal eine Smartphone-Bank geben wird, die mehr als 3,5 Mio. Kunden hat?

Denkfehler 3: Endkunden vertrauen Fintechs nicht

Der Erfolg von N26 zeigt, dass Nutzer durchaus bereit sind, ihre Daten auch jungen Marktteilnehmern zur Verfügung zu stellen – wenn das Produkt attraktiv ist. Eine Entwicklung, die sich auch bei PSD2-basierten Kontoinformations- und Zahlungsauslöse-Diensten zeigt: Gut 80% der Endkunden willigen in den Kontenzugriff ein. Unterm Strich gilt: Wenn ein digitales Produkt in den Augen des Konsumenten einen echten Mehrwert bietet, also attraktiv, convenient und sicher ist, dann wird er es nutzen. Auch wenn es nicht von Google, Apple oder Facebook kommt, sondern von einem x-beliebigen Startup kommt.

Fazit: Die PSD2 ist ein großer Wurf – wenn sie richtig verstanden wird

Die PSD2 ist eine fortschrittliche und mächtige, weil vorausschauende Richtline. Sie wird weltweit bewundert und gilt als Referenz für einen liberalisierten Zahlungsverkehrsmarkt. Damit ist Europa den USA und anderen Erdteilen um Längen voraus. Die Gefahr, dass die GAFA den Zahlungsverkehrs-Markt aufrollen, ist nicht größer als in anderen Märkten. Entscheidend wird sein, ob die bereits am Markt befindlichen Player den Kunden ähnlich stark in den Fokus rücken wie die Bigtechs. Die Banken haben es in der Hand.

*Stefan Krautkrämer ist Gründer von FinTecSystems und hat sich in der Debatte um die PSD2 wiederholt als Sprachrohr der Fintech-Branche positioniert.

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