Jahres-Rückblick (III)

Die großen Fintech-Trends 2020. Und die Lehren für 2021

16. Dezember 2020

Heinz-Roger Dohms

Nachdem wir uns in Teil I unseres großen Jahres-Rückblick mit den klassischen Bank und in Teil II mit dem Themenfeld „Digital Banking“ befasst, geht es im heutigen Teil III um die Fintech-Branche. Voilà:

1.) Corona hat Business-Pläne zum Fliegen gebracht – und Business-Pläne zertrümmert

Wo stünde Trade Republic ohne Corona? Und wo stünde Joonko?

Okay, das sind hypothetische Fragen. Aber sie verweisen doch auf die vielleicht wichtigste Fintech-Diagnose des Jahres: Die Corona-Krise hat gewirkt wie ein Turbo. Und zwar in beide Richtungen.

Zu den Profiteuren, selbstredend, gehörten die Neobroker. Länger allerdings dürfte die Liste der Fintechs sein, die zumindest für den Moment an Traction verloren haben (N26, SumUp) oder deren Geschäftsmodell durch Covid19 sogar komplett infrage gestellt worden ist (zu dieser Kategorie zählen u.a. diverse Kredit-Fintechs). Fest steht: Die Corona-Krise wird aus Fintech-Sicht noch lange nachwirken.

Link-Rückblick:


2.) Erstaunlich wenige Fintechs sind infolge von Corona pleitegegangen. Doch wird das so bleiben?

Das Erstaunliche ist: Trotz Corona sind in diesem Jahr dann doch eher wenige Fintechs vom Markt verschwunden. Klar, da war die Pleite von Kreditech a.k.a. Monedo. Das Aus für Joonko. Der Deutschland-Rückzug von Funding Circle. Aber sonst, mal abgesehen von dem ein oder anderen Robo Advisor? Selbst ein Startup wie Finiata, von uns schon fast abgeschrieben (vielleicht ja zu Unrecht …), bekam nochmal frisches Geld.

Gut möglich, dass das ein oder andere Mittelklasse-Fintech eine Nische gefunden hat, in der es sich wirtschaften lässt, trotz Corona und dann irgendwann auch nach Corona. Zugleich fällt auf: Wirklich groß gefundet haben (mit Ausnahme von Trade Republic) in diesem Jahr eigentlich nur die Platzhirsche wie N26, die Solarisbank, Auxmoney oder Scalable Capital. Gut denkbar, dass es sich bei vielen etlichen anderen Finanzierungen (seien es Kapitalerhöhungen, deren Umfang nicht publiziert wurde, oder Kreditfinanzierungen, die man gar nicht sieht) tendenziell eher um Überbrückungs- oder gar Not-Fundings gehalten hat.

Link-Rückblick:


3.) N26 braucht einen neuen Plan – aber wird der aufgehen?

N26 zieht sich aus UK zurück. Das war (damals, im Februar) eine große Schlagzeile, verkommt im Rückblick allerdings zur Anekdote. Denn auch (und gerade!) für N26 ist die alles überlagernde Geschichte dieses Jahres die Corona-Krise gewesen. Kurz gesagt: Wie soll Lifestyle-Banking funktionieren, wenn es da draußen keinen Lifestyle mehr gibt?

Dabei lautet die entscheidende Frage vielleicht gar nicht, wie hart N26 absolut von der Corona-Krise getroffen wurde. Sondern: Wie sehr leidet N26 relativ verglichen mit anderen Neobanken wie Revolut, Monzo oder Starling. Von Revolut kam zuletzt die Kunde, bei den Erträgen inzwischen wieder über dem Vor-Corona-Niveau zu liegen (u.a. dank Krypto-Geschäft), Starling war nach eigenen Angaben zumindest monatsweise profitabel (wohl u.a. dank der guten Positionierung im Business Banking). Von N26 hat man solche Botschaften schon länger nicht mehr vernommen.

Andererseits: N26 ist gut gefundet. Und hat womöglich früher als anderes mit dem Cost-Cutting begonnen (vielleicht hat der UK-Rückzug im Nachhinein ja sein Gutes …). Beides könnte den Berlinern ein bisschen Zeit verschaffen, jetzt endlich die überfällige Erweiterung der Produktpalette anzugehen – und zu hoffen, das bald das Leben und damit auch das Lifestyle-Banking wieder beginnt.

Link-Rückblick:


4.) Trade Republic könnte das neue N26 werden. In vielerlei Hinsicht

Über Trade Republic haben wir alles gesagt. Jedenfalls bezogen auf 2020. Doch was wird 2021?

Niemanden würde es überraschend, wenn schon bald ein dreistelliges Millionen-Funding käme. Doch was macht der Berliner Neobroker dann mit diesem Geld? Die U-Bahn-Schächte mit Werbung vollkleistern? Zur großen internationalen Expansion ansetzen? Oder erst einmal das Angebot arrondieren?

2020 hat Trade Republic nicht viel falsch machen können. 2021 gilt es, vieles richtig zu machen.

Link-Rückblick:


5.) 2020 hat gezeigt: B2B und B2C funktioniert beides – oder eben auch nicht

Wir könnten jetzt den großen B2B-Trend ausrufen. Schließlich ist selbst der B2Cste aller frühen B2C-Fintechs, nämlich Scalable Capital, inzwischen auf der B2B-Schiene unterwegs; manches frühere B2C-Fintech wie Investify oder Spotcap hat dank des rechtzeitigen Schwenks auf B2B die Kurve gekriegt; und zeigt nicht das Beispiel Joonko, dass B2C kaum was da draußen?

Freilich, das Gegenteil ist genauso richtig. Siehe das B2C-Fintech Trade Republic. Siehe den B2C-Spezialisten Raisin („Weltsparen“). Und siehe den seltsamen Fall des Frankfurter Online-Maklers Clark. B2C gestartet. Dann mit mutmaßlich erheblichem Aufwand ins B2B-Geschäft eingestiegen. Und nun allen B2B-Aktivitäten abgeschworen, um sich wieder voll auf B2C zu konzentrieren.

Viele Wege führen zum Erfolg. Jedenfalls, wenn’s gutgeht.

Link-Rückblick:


6.) 2020 sollte das Jahr der Auslands-Fintechs werden. Aber wurde es das wirklich?

Haben Sie noch den Überblick? Wir, ehrlich gesagt, nicht mehr.

War jetzt Yapily (ein britisches Fintech) derjenige API-Spezialist, der nicht nur angekündigt hat, nach Deutschland zu expandieren, sondern auch schon da ist – oder war das Tink aus Schweden?

Und welcher der beiden Jungspunde in unserer Foto-Datenbank ist jetzt nochmal der Deutschland-Chef von Qonto (französisches Penta-Pendant), der blonde Linksscheitel oder der dunkle Rechtsscheitel mit der Brille?

Nicht zu vergessen die Dame, die in ihrer Nachricht an uns gleich per Du war und gerne in die „Fintech-Frauen“-Serie aufgenommen worden wäre – haben wir das richtig mitgekriegt, dass die bei Linkedin jetzt nicht mehr als „Country Manager Germany“ firmiert, sondern als irgendwas anderes. Weil nämlich ihr Fintech nun doch nicht nach Deutschland kommt und also gar keinen „Country Manager Germany“ mehr braucht?

Wie gesagt, wir haben den Überblick verloren. Aber oberflächlich betrachtet scheint es uns so zu sein, dass der große Angriff der Auslands-Fintechs für den Moment so ein wenig verpufft ist. Was – selbstverständlich – nicht zuletzt an Corona liegen dürfte.

Link-Rückblick:


7.) Um viele Fintechs ist es in den vergangenen Monaten merkwürdig still geworden

Als wir neulich am Beispiel von CRX Markets beschrieben, wie sich so ein gehobenes Mittelklasse-Fintech durch die Corona-Zeit laviert – da fragten wir uns, wie es wohl bei den anderen gehobenen Mittelklasse-Fintechs in den letzten Monaten so gelaufen sein mag. Denn eines fällt ja auf: Von vielen dieser gehobenen Mittelklasse-Fintechs hat man zuletzt kaum mehr etwas gehört, also beispielsweise von Elinvar, Billie, Compeon, Fincompare, Crosslend …

Wie’s denen geht, wüssten wir zwar gerne. Aber wissen tun wir’s nicht.

Link-Rückblick:


8.) Dass die Fintechs bei den KfW-Krediten komplett außenvorblieben, wirft kein gutes Licht auf sie

Zu den vermeintlichen Widersprüchlichkeiten in diesem verrückten Jahr gehörte, dass manche Banken infolge von Corona einen regelrechten Kreditboom erlebten – während viele Kredit-Fintechs in Schwierigkeiten gerieten.

Ein wesentlicher Grund für dieses scheinbare Paradoxon ist schnell gefunden: Die einen (nämlich die Banken und Sparkassen) hatten Zugang zu KfW-Mitteln. Die anderen (nämlich die Fintechs) hatten ihn nicht. An dieser Stelle nun Ursachenforschung zu betreiben oder gar so etwas wie eine „Schuldfrage“ beantworten zu wollen, würde zu weit führen. Festzuhalten bleibt: Die Fintechs haben hier eine Chance verpasst. Oder zumindest haben Sie nicht gut ausgesehen.

Link-Rückblick:


9.) Es wird immer noch gegründet

… was an und für sich schon ein bemerkenswertes und vermutlich sogar begrüßenswertes Phänomen ist. Denn wie sagte es der Chef der Berliner Fintech-Inkubators a.D., Ramin Niroumand, dieser Tage doch noch gleich in einem „SZ“-Interview: „Ich glaube nicht, dass wir noch viele Firmen gründen werden. Das, was gegründet werden kann, haben wir. Jetzt gehen wir weiter.“

Nun sei mal dahingestellt, ob die ganzen Ex-N26’ler und Ex-Irgendwas’ler, die sich bei Linkedin als Fintech Founder im Stealth Modus ausgeben, genau das auch wirklich sind. Fest steht: Auch dieses Jahr haben Neugründungen wie Upvest, Nufin (das sind die, die zwischendurch auch mal Vanta hießen und die jetzt Moss heißen) oder Beams respektable Finanzierungen generiert.

Link-Rückblick:


10.) Das neue Fintech-Narrativ verfängt noch nicht wirklich

Auch wenn es Fintechs geben mag, die auf kurze Sicht unter der Corona-Krise leiden – langfristig werden sie vom durch Pandemie und Lockdown erzwungenen Digitalisierungs-Schub profitieren. So oder so ähnlich geht das neue Narrativ, siehe etwa die Aussage, die N26-Gründer Maximilian Tayenthal bereits Mitte März  gegenüber „Bloomberg“ machte:

„Wir gehen davon aus, dass viele Leute ein Online-Konto eröffnen werden, weil immer mehr Filialen wegen der Corona-Krise zumachen. Digitale Banken werden stark an Bedeutung gewinnen.“

Plausibel klingt das allemal. Und vermutlich wird es ungefähr auch so kommen, wie von Tayenthal skizziert. Ob es aber wirklich die (deutschen) Fintechs sind, die vom großen Digitalisierungs-Schub profitieren werden – das bleibt abzuwarten.


NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing