Analyse

Die sieben Lehren aus dem Mega-Funding für Trade Republic

16. April 2020

Von Heinz-Roger Dohms und Christian Kirchner

Gestern Vormittag kamen die Q1-Funding-Zahlen für die deutsche Fintech-Branche – und sie klangen im ersten Moment geradezu schauerlich: Einen Einbruch von 75% im Vergleich zum Vorjahresquartal diagnostizierte der Urheber der Daten, nämlich Barkow Consulting. Uff. Indes: Die Zahlen, so ernüchternd im ersten Moment wirkten, enthielten zugleich eine positive Botschaft. Der Einbruch nämlich bezog sich rein aufs Volumen.

Was die Anzahl der Finanzierungen angeht (siehe auch unser Stück „Diese 14 deutschen Fintechs haben dieses Jahr trotz allem gefundet“ vom 18. März), bewegen sich die Q1-Zahlen ziemlich exakt im langjährigen Mittel. Sprich: Es gab so viele Deals wie immer – sie fielen halt bloß im Schnitt sehr klein aus. Sind also nur die fehlenden Großfundings das Problem? Ja! Bis gestern, 16.59 Uhr. Da kam nämlich per krachender Ad-hoc, dass der Berliner Fintech-Broker Trade Republic von renommierten VC-Investoren wie Accel oder Peter Thiels Founders Fund 40 Mio. Euro erhalten hat. Das ist ein Ritterschlag mit Sternchen für Trade Republic! Aber ist es auch das große, seit Wochen erhoffte „Wir werden diese Krise überstehen“-Signal für die deutsche Fintech-Branche? Die sieben Lehren aus dem Mega-Deal: Finanz-Szene.de

1.) Die Online-Broker sind die großen Krisengewinner

Umsatzeinbrüche, Rückstellungen, Kurzarbeit: Während die Mehrzahl der Banken und Fintechs von der Corona-Krise brutal durchgerüttelt wird, vermelden die hiesigen Online-Broker fast unwirklich anmutende Rekordzahlen:

  • Comdirect: 75 Mio. Euro Gewinn in Q1 (verglichen mit 12,5 Mio. Euro im Vorjahresquartal)
  • Flatex: ein 123%-Plus bei den Transaktionen im nach eigenen Angaben „besten Quartal aller Zeiten“

Nun brauchen die neuen Fintech-Broker wie Trade Republic, Gratisbroker oder Justtrade zwar keine Zahlen zu veröffentlichen. Nach allem, was man hört (und was angesichts der aktuellen Gemengelage an den Börsen ja völlig plausibel ist …), brummt allerdings auch dort das Geschäft.

Mit anderen Worten: Das Momentum war auf der Seite von Trade Republic …

2.) Trade Republic scheint einfach ein gutes Fintech zu sein

… Gleichwohl: Allein auf Basis eines „Momentums“ bekommt ein Fintech von VC-Investoren nicht 40 Mio. Euro (schon gar nicht inmitten einer aufziehenden Weltwirtschaftkrise). Heißt: Die Venture-Capital-Investoren werden sich überzeugt haben, dass Trade Republic  nicht nur über ein spannendes Geschäftsmodell verfügt, sondern dass die Berliner seit dem Marktstart im Januar 2019 auch in der Lage waren, dieses Modell in die Praxis umzusetzen. Also das, was man „Execution“ nennt.

Im März verkündete etwa Großaktionär Sino, Trade Republic habe 100.000 Kunden gewonnen, einen Monat vorher schon wurde die Marke von einer Million Trades seit Marktstart überschritten. Was wiederum heißt: die Kunden handeln auch. Eine rechnerische Aktivität von rund 10 Trades pro Kunde und Jahr (zumal unmittelbar nach Marktstart) läge beispielsweise über jener einer ING Deutschland, wo die Kunden im Schnitt achtmal pro Jahr handeln. Und an der Aktivität verdient Trade Republic selbst bei „kostenlosen“ Trades rund 1,30 Euro je Transaktion.

Und auch der äußere Eindruck ist ja, dass Trade Republic im Tagesgeschäft sehr ordentliche Arbeit macht. Kunden berichten viel Gutes, von größeren Ausfällen hat man nicht den vergangenen Wochen (anders als bei anderen Brokern) nichts gehört. Vermutlich war auch das ein Argument, das die VCs überzeugt hat: dass Trade Republic in der Lage war, den Kundenansturm in vergangenen Wochen zu bewältigen.

3.) Das Trade-Republic-Deal ist zwar kein Eisbrecher, aber …

Was bis gestern galt, gilt heute Morgen auch weiterhin: Viele deutsche Fintechs werden im Zuge der Corona-Krise enorme Probleme bekommen, notwendige Anschlussfinanzierungen zu erhalten. Punkt. Zugleich zeigt das Funding für Trade Republic allerdings (genauso wie die 59-Mio-Euro-Finanzierung für die Berliner Steuer-App Taxfix) diese Woche, dass der Venture-Capital-Markt nicht zugefroren ist.

Tatsächlich weiß Finanz-Szene.de von zwei weiteren namhaften deutschen Fintechs, die momentan an Finanzierungen arbeiten und womöglich innerhalb der nächsten Wochen Vollzug melden. Vielleicht wirkt der Trade-Republic-Deal ja wie eine kleine Anschubhilfe, damit es auch diese Finanzierungen über die Ziellinie schaffen.

4.) Gute deutsche Fintechs sind nicht zwangsläufig chancenlos gegen die vermeintlichen angelsächsischen Über-Fintechs

Was ist eigentlich mit Robinhood, dem amerikanischen Achtfach-Unicorn, das als Erfinder jenes Kostenlos-Modells gilt, das auch Trade Republic verfolgt (wie die Broker-Fintechs trotz ihres Kostenlos-Modells auf Umsätze kommen, hatten wir letztes Jahr  mal ausführlich aufgedröselt). Wollte Robinhood nicht dieses Jahr in UK an den Start gehen? Und bald darauf auch in Deutschland? Okay, wird schon noch passieren. Aber: Fürs erste hat das vermeintliche Über-Fintech mit Stand Juli 2019 7,6 Mrd. Dollar Bewertung genug Probleme im US-Heimatmarkt. Denn während Trade Republic dem jüngsten Trading-Boom gewachsen war, kam es bei Robinhood zu teils schweren Ausfällen (siehe hier).

Dass jetzt ausgerechnet prominente US-Investoren fett in den deutschen Klon des prominenten US-Fintechs investieren, zeigt: Auch wenn Robinhood bald nach Deutschland kommt, heißt das nicht, dass die Amerikaner die hiesigen Anbieter automatisch plattwalzen. Siehe auch jüngst den Rückzug des einstigen britischen Über-Fintechs Funding Circle vom deutschen Markt.

5.) Das Investment in Trade Republic ist eine Wette auf die Disruption im Online-Brokerage …

Lässt sich mit dem „Null-Gebühren-Modell“ Geld verdienen? In der Theorie in jedem Fall, wie wir letztes Jahr in einer großen Analyse durchdekliniert hatten („Das Geschäftsmodell des Null-Gebühren-Brokers Trade Republic“). Und in der Praxis offenbar auch. Darauf jedenfalls wetten jetzt  Accel und Peter Thiels Founders Fund. Zumal es ein wunderbares Skalengeschäft ist: Steht einmal die Infrastruktur, Personal und Regulatorik, geht der Gewinn mit den Handelsaktivitäten und Kunden automatisch in die Höhe.

6.) … und damit auch eine Wette gegen Comdirect, Flatex & Co.

Aus der Ad Hoc zum Funding von Sino lässt sich mit einem Dreisatz die Bewertung von Trade Republic errechnen – zumindest, wenn wir die an dieser Stelle eher diffusen Formulierungen in der Ad Hoc richtig deuten: Auf 15,7 Prozent des Stammkapitals beläuft sich der Anteil von Sino an Trade Republic jetzt noch – und auf 9,1%, wenn sämtliche Managementoptionen gezogen werden, was laut ad hoc „sehr wahrscheinlich“ sei.

Nun erklärt Sino, Post-Money sei der Anteil an Trade Republic 22,1 Mio. Euro wert – und „dieser Wert berücksichtigt bereits sämtliche möglichen wertmindernden Effekte bei vollständigen Ausübungen sämtlicher vereinbarter Managementoptionen“. Nach unserem Verständnis heißt das: Der 9,1%-Anteil wäre 22,1 Mio. Euro Wert. Und Trade Republic damit mir 243 Mio. Euro bewertet.

Bedeutet: Gut ein Jahr nach dem Start kommt das Berliner Fintech in puncto Unternehmenswert schon auf zwei Fünftel (und selbst bei pessimistischster Hochrechnung der Bewertung ein Viertel) dessen was der 21 Jahre alte Frankfurter Onlinebroker und „Flatrate“ und „Freetrade“-Firstmover Flatex auf die Waage bringt (Marktkapitalisierung per gestern Abend: 560 Mio. Euro). Flatex steht indes mit Degiro, die man gerade schluckt, bei rund 800.000 sehr aktiven Kunden.

Zum aktuell natürlich „heißen“ Markt der Broker muss man allerdings wissen: Dass die Handelsvolumina zu Beginn einer Krise nach oben schnellen, ist nicht außergewöhnlich – allerdings lehrt die Vergangenheit: Sobald sich die Turbulenzen legen und die Schwankungen nach einem Crash wieder zurückgehen, liegt das neue „Normalniveau“ oft unter dem alten und verlassen viele Anleger den Kapitalmarkt – im Schnitt der letzten Krisen meist je rund 2 Millionen Aktionäre.

Klar scheint: Auf dem Online-Broker-Markt könnte es zu einem brutalen Preis- und Verdrängungswettbewerb kommen. Werden die Disruptoren von einst (also Comdirect und Flatex) zu den Disruptierten von morgen? Ausgeschlossen ist’s nicht, siehe unsere große Analyse „Inside Flatex – Die Wahrheit über den schillernden Online-Broker„.

7.) Trade Republic braucht das Geld

40 Mio. Euro für ein derart junges Fintech? Kling fast ein bisschen übertrieben. Indes: Das „Null-Gebühren-Modell“ bringt mit sich, dass Trade Republic in den kommenden Monaten und sicherlich auch zwei, drei Jahren erst einmal ordentlich Geld verbrennen wird. Denn: Ein „Null-Kosten-Modell“ (also „null Kosten“ für den Anbieter) ist noch nicht erfunden. Und der Marketing-Etat dürfte jetzt auch in die Höhe schießen. In der Branche sind bislang Kundenakquisitionskosten in mittleren dreistelligen Euro-Bereichen üblich – in dieser Größenordnung bezahlte etwa die Comdirect Onvista 2017.

Trade Republic wird das Funding auch in dieser Höhe gut gebrauchen können.

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