Exklusiv

Die zehn wichtige Erkenntnisse aus den neuen N26-Zahlen

N26 – das war jahrelang die hippe Newcomer-Bank, die sich auf Konto und Karte fokussierte und mit Dingen, die Banken sonst so machen, eher wenig am Hut hatte. Baufinanzierung? Eigenanlagen? Depot A? Pffffffff. Was die Kunden an Geld zu N26 trugen, das wurde in Bundes- und Kommunalanleihen umgeleitet, und gut war’s.

Der an diesem Wochenende offengelegte 2020er-Abschluss zeigt nun jedoch, dass die Treasury-Manager der N26 Bank im Laufe des ersten Corona-Jahres einen stillen Kurswechsel vollzogen haben. Stand bei “durch Grundpfandrechte gesicherte” Forderungen (vulgo: Immobilienfinanzierungen) per ultimo 2019 noch eine glatte “Null”, so machte die Position zwölf Monate später bereits 8% der gesamten Aktivseite aus – Tendenz, wie dem Ausblick zu entnehmen ist, offenbar stark steigend. Und damit nicht genug, investiert N26 im Stile einer ostdeutschen Sparkasse jetzt sogar “in Aktien und sonstige festverzinsliche Wertpapiere”. Tja, irgendwo müssen sie ja hin, die Einlagen.

Wobei – bevor wir’s vergessen: Die grundlegenden Fragen, die man sich seit langem stellt, die beantwortet der Abschluss natürlich auch. Etwa: Wie hat N26 die Corona-Krise überstanden? Was machten die Provisions- und die Zinserträge? Und wie ist es 2021 dann weitergegangen ? Wir wollen Sie nicht noch länger auf die Folter zu spannen, liebe Leserinnen und Leser.

Hier die wichtigsten Fragen und Antworten:

1.) Was machen die Erträge?

Die N26 Bank hat im ersten Corona-Jahr Provisionserträge in Höhe von 95,3 Mio. Euro (+15%) und Zinserträge in Höhe von 14,8 Mio. Euro (plus 53%) erwirtschaftet (Anmerkung: Wir sprechen hier wie fast immer in unserer Berichterstattung über Fintech-Banken tatsächlich von den Erträgen, nicht vom Überschuss). Hinzu kamen sonstige betriebliche Erträge in Höhe 4,3 Mio. Euro sowie “Veräußerungserlöse von wie Anlagevermögen behandelten Wertpapieren” im Umfang von 13,7 Mio. Euro (die beiden letztgenannten Positionen waren ein Jahr zuvor noch verschwindend gering gewesen).

Insgesamt reden wir also von aggregierten Provisions- und Zinserträgen in Höhe von 110,1 Mio. Euro bzw. von Gesamterträgen im Umfang von 128,1 Mio. Euro.

Dies werden – wohlgemerkt – nicht exakt die Zahlen sein, die das Fintech demnächst selber verkünden wird. Denn: Bei “unseren” Kennziffern handelt es sich um die Zahlen der “N26 Bank GmbH”, also der lizenzierten Banktochter, nicht um den Konzernabschluss der “N26 GmbH”. Was die entscheidenden Ertragskomponenten angeht, also das Zins- und Provisionsgeschäft, sollte die Aussagekraft der Bank-Zahlen allerdings bei mehr oder weniger 100% liegen – zumal die zweite Entität, die in den Konzernabschluss einfließt, nämlich die US-Tochter, mittlerweile abgewickelt wird. Heißt: Die dort in 2020 erzielten Erträge sind nicht nachhaltig.


2.) Wie sind diese Zahlen einzuordnen?

Den Zinserträgen widmen wir uns weiter unten. Hier zunächst mal vier Einordnungen zum (ungleich relevanteren) Provisionsgeschäft:

  • Um sich die Ertragsstärke von N26 bewusst zu machen, muss man in Erinnerung rufen, dass die 2019er-Provisionserträge in Höhe von 83 Mio. Euro schon jeweils gut 30% der Provisionserträge der DKB (272 Mio. Euro) bzw. der Comdirect (266 Mio. Euro) entsprachen. Und das nur vier Jahre nach dem Launch. Die Ausgangsposition vor Corona war also ertragsseitig imposant (siehe -> Unsere Thesen zu N26: Nur 1,5 Mio. Kunden. Aber 100 Mio. Ertrag)
  • Dass es N26 gelungen ist, die Provisionserträge im Corona-Jahr nochmals um 15% zu steigern, ist gemessen an damaligen Befürchtungen (siehe aus dem September 2020 -> Von N26 bis Revolut: Was ist dran am Untergang der Neobanken?) zunächst einmal sehr beachtlich. Zumal die Erträge ja bekanntlich zu beträchtlichen Teilen aus dem Kartengeschäft kommen, einem Bereich, in dem zum Beispiel die DKB 2020 einen dramatischen Rückgang des Provisionsertrags zu verkraften hatte (minus 25% auf nur noch 134,5 Mio. Euro).
  • Gleichwohl fällt auf, dass N26 im ersten Corona-Jahr teilweise gegenüber den Platzhirschen sogar an Boden verloren hat. So legte die DKB zwar nicht im gesamten Provisionsgeschäft, wohl aber im Wertpapiergeschäft (Retail) um 181% auf knapp 63 Mio. Euro zu. Die Comdirect konnte aufgrund ihrer starken Fokussierung aufs Brokerage-Geschäft sogar ihre Gesamterträge drastisch steigern (im ersten Halbjahr um 64%; fürs Gesamtjahr gibt es wegen der Verschmelzung auf die Commerzbank keine Zahlen mehr). Dass N26 den Trading-Boom (wie übrigens auch den Krypto-Boom) komplett verschlafen hat, macht sich hier bemerkbar.
  • Dies wird auch im Vergleich zum britischen N26-Erzrivale Revolut deutlich, der früh auf Aktien- und Kryptohandel gesetzt hat. Das Londoner Fintech erzielte 2020 bereits operative Erträge von umgerechnet knapp 260 Mio. Euro (Vorjahr: 191 Mio. Euro) – verglichen mit, siehe oben, den aggregierten Provisions- und Zinserträgen bei N26 in Höhe von 110,1 Mio. Euro

3.) Wo kommen die Provisionserträge konkret her?

Zu dieser Frage liefert der Abschluss keine neuen Erkenntnisse. Es heißt lediglich, die Erträge resultierten “insbesondere aus dem Kreditkartengeschäft sowie [aus] Gebühren für Konto- und Zahlungsverkehrsdienstleistungen” – aber das wusste man ja vorher schon.


4.) Was machen die Verluste?

In einem “Handelsblatt”-Interview hatte N26-Co-Chef Valentin Stalf schon mal erklärt, dass sich die Verluste 2020 um etwa die Hälfte auf noch 110 Mio. Euro halbiert hätten. Anhand des Bank-Abschlusses lassen sich diese Zahlen nicht verifizieren, da (wenn wir es richtig verstehen) weite Teile des Personalaufwands auf Ebene der N26 GmbH anfallen.

For the record trotzdem so viel: Bei der N26 Bank GmbH betrug das Betriebsergebnis nach Risikovorsorge minus 12 Mio. Euro (nach minus 68 Mio. Euro) ein Jahr zuvor. Aber wie gesagt: begrenzte Aussagekraft.


5.) Was sind das eigentlich für Immobilienkredite?

Wenn wir es richtig verstehen (entsprechend Gerüchte kursierten schon länger), dann investiert N26 in Hypothekendarlehen, denen holländische Baufinanzierungen zugrundeliegen, kein Subprime, sondern tendenziell risikoarmes Geschäft. Im Geschäftsbericht finden sich dazu – soweit wir das auf die Schnelle überblickt haben – u.a. die zwei folgenden Formulierungen:

  • Einmal heißt es, es gehe um “Hypothekendarlehen, welche die N26 Bank im Rahmen der Anlagepolitik ihres Einlagenüberschusses gewährt hat”.
  • An einer anderen Stelle steht: “Daneben wurde das Mengengeschäft durch den Ankauf von grundpfandrechtlich gesicherten Darlehen von holländischen Retailkunden erweitert.”

Der Gesamtumfang per Ende 2020: knapp 400 Mio. Euro.


6.) Was treibt N26 am Aktienmarkt?

Nicht ohne Ironie, dass N26 es bis heute nicht geschafft hat, ein Brokerage-Angebot an den Start zu bringen – wohl aber seit 2020 auf eigene Rechnung am Aktienmarkt, nun ja, spekuliert. Zugegeben, der Umfang war Ende 2020 noch bescheiden (rund 40 Mio. Euro), und allzu wild hört sich auch nicht an, was die Berliner da machen:

“Aktien und andere nicht festverzinsliche Wertpapiere, bestehen ausschließlich in Form von Anteilen an Publikumsfonds und werden nicht mit kurzfristiger Gewinnerzielungsabsicht aus Marktpreisbewegungen erworben, sondern mit grundsätzlicher Dauerhalteabsicht.”

(Anm. der Red.: Kommafehler im Original)


7.) Was treibt N26 im Kreditgeschäft generell?

Wie weiter oben gezeigt, sind die Zinserträge 2020 viel stärker gestiegen als die Provisionserträge  – nämlich auf eine nun doch wahrnehmbare Größe von rund 15 Mio. Euro. Dazu passt, dass sich die Kundenforderungen auf 1,27 Mrd. Euro mehr als verdoppelten, was eine Steigerung “deutlich über Plan” war, wie der Geschäftsbericht notiert.

Die Kundenforderungen verteilen sich nun auf:

  • Kommunalkredite: 776,6 Mio. Euro (plus 38%)
  • die besagten Hypothekendarlehen: 392,4 Mio. Euro (von “null”)
  • Dispositions- und Ratenkredite: 103,6 Mio. Euro (plus 117%)

Was erstaunt: Aus diesen dann doch immer noch überschaubaren (und annahmegemäß überwiegend risikoarmen) Kreditengagements sind N26 dann doch Abschreibungen und Wertberichtigungen in Höhe von fast 20 Mio. Euro entstanden. Versuchen wir die Tage mal zu klären, wie das kommt.


8.) Warum macht N26 jetzt überhaupt Bilanzsummen-Banking?

Weil die Bilanzsumme wächst, und zwar 2020 um satte 80% auf dann doch schon knapp 4,2 Mrd. Euro. Dafür verantwortlich, jedenfalls in erster Linie, waren die steigenden Einlagen (84% auf ziemlich exakt 4 Mrd. Euro).

Sprich: N26 muss sich inzwischen – wie viele traditionelle Banken auch – mit dem Thema “Einlagenüberschuss” bzw. “EZB-Negativzins” auseinandersetzen. Oder anders gesagt: Dass die Neobank trotz gegenteiliger Beteuerungen inzwischen Verwahrentgelte verlangt (sie -> N26 führt Strafzinsen auf Guthaben ab 50.000 Euro ein), das hat Gründe.

Man kann das alles freilich auch positiv deuten: Gemessen an den “ertragsrelevanten Kunden” (dazu gleich noch ein bisschen mehr) wurden N26 per Ende 2020 pro Kunde im Schnitt 1.380 Euro anvertraut; ein Jahr zuvor waren es erst 946 Euro gewesen. Die Kunden haben also immer weniger Probleme damit, N26 nicht nur als “Kartenbank” zu nutzen, sondern auch Geld dort zu lagern. Wobei man natürlich darüber streiten kann, wie viel von der Steigerung wirklich auf “wachsendes Vertrauen” zurückzuführen ist und wie viel auf “Strafzins-Arbitrage”. Denn das dürfte es natürlich auch geben: dass Kunden, als N26 noch kein Verwahrentgelt erhob, Gelder auf ihre N26-Konto umgeleitet haben, um Strafzinsen auf anderen Konto auszuweichen.


9.) Ewige Gretchenfrage: Wie viele Kunden hat N26 wirklich?

Wie mittlerweile bekannt sein dürfte, ist bei N26 zu unterscheiden zwischen der kommunizierten Kundenzahl (definiert als “Kunde ist, wer ein Konto eröffnet hat”) und der in den Geschäftsberichten ausgewiesenen Zahl der “ertragsrelevanten Kunden”. Ende 2019 waren rund 46% der “kommunizierten” Kunden (5 Mio.) auch “ertragsrelevante Kunden” (2,3 Mio.) gewesen.

Im 2020er-Abschluss ist nun von 2,9 Mio. “ertragsrelevanten Kunden” die Rede – verglichen mit 7 Mio. “kommunizierten” Kunde per Ende Januar 2021. Zieht man von den 7 Mio. Kunden die mehreren hunderttausend US-Kunden ab (die im Bank-Abschluss unserem Verständnis nach nicht enthalten sein dürften, dann hätte das Verhältnis zwischen den beiden Werten immer noch bei ganz grob 0,45 zu 1 gelegen

Wie auch immer: Teilt man jedenfalls die 2020er-Provisionserträge durch die Zahl der ertragsrelevanten Kunden, kommt man auf einen Wert von knapp 33 Euro; ein Jahr zuvor waren es 36 Euro gewesen. N26 hat in seinem Kerngeschäft (Karte & Konto) im Corona-Jahr also an Ertrag pro Kunde eingebüßt, allerdings weniger stark, als man angesichts von Lockdowns und Reisebeschränkungen hätten vermuten können – siehe zum Vergleich weiter oben den 25%igen Einbruch im Kartengeschäft der DKB.

Plausibel ist mithin die Annahme, dass es N26 gelungen sein könnte, etwaige Rückgänge im Kartengeschäft durch den Abschluss von mehr kostenpflichten Premiumkonten weitgehend zu kompensieren. Das wäre eine stolze Leistung (wir müssen hier mit Annahmen arbeiten, weil, wie gesagt, die genaue Verteilung der Provisionserträge nicht aufgedröselt wird).


10.) Was sagt der Abschluss zum (prognostizierten) Geschäftsverlauf in 2021?

Laut 2020er-Geschäftsbericht ging die N26 Bank für 2021 aus von …

  • einem “stark steigenden” Geschäftsvolumen
  • einer “stark steigenden” Kundenzahl
  • einem “deutlichen Anstieg des ausgereichten Kreditvolumens”
  • und einem “deutlichen Wachstum sowohl im Zins- als auch im Provisionsergebnis auf Gesamt über 120,0 Mio. Euro”

Nochmal zur Klarstellung: Hier ist also nun vom kombinierten Zins- und Provisionsergebnis die Rede, nicht mehr wie in unseren Betrachtungen weiter oben von den Erträgen. Der Vergleichswert für die “über 120 Mio. Euro” ist mithin das im 2020er-Abschluss ebenfalls genannte Zins- und Provisionsergebnis von zusammen 78,9 Mio. Euro.

Vermutlich sind wir damit am entscheidenden Punkt angelangt: 2020 ist N26 beim Zins- und Provisionsergebnis um 24%* gewachsen; für 2021 ging man dagegen von einem Wachstum von mindestens gut 50% aus. Bei der Berliner Neobank könnte das zweite Corona-Jahr also weit besser gelaufen sein als das erste. Was auch erklären würde, warum das größte deutsche Fintech seine Bewertung bei der jüngsten Finanzierungsrunde massiv auf 7,8 Mrd. Euro hat steigern können.

60? 80? 140! Die irren Umsatz-Multiples auch deutscher Fintechs


* In der ursprünglichen Fassung hatten wir irrtümlich geschrieben, das kombinierte Zins- und Provisionsergebnis seit um lediglich 15% gestiegen. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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