Aus der Szene

Dieser Fintech-CEO will die Republik retten. Ernsthaft?!

20. März 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Eigentlich hätte Marko Wenthin am Dienstag ein Bierchen trinken können – und es gut sein lassen. Am Dienstag nämlich hatte Penta (also das Fintech, dessen Chef Wenthin ist) eine Finanzierung über 18,5 Mio. Euro bekanntgegeben. Es war nicht nur das höchste Funding eines deutschen Finanz-Startups in diesem Jahr. Sondern es war auch eine Botschaft: Seht her, wir Fintechs lassen uns von Corona nicht unterkriegen.

Indes: Wenthin ließ es am Dienstag nicht einfach gut sein. Weil ihn da nämlich schon seit Tagen eine fixe Idee umtrieb: Das, was Politik, KfW und Banken da in den letzten Tagen ausgekungelt haben, also das große Kredit-Notprogramm – das funktioniert nicht!!! Sagt jedenfalls Wenthin. Zu analog, zu bürokratisch, zu langsam. Und falsch strukturiert. Stattdessen? Solle man jetzt mal die Fintechs ranlassen! Oder besser noch: seins!

Wenthin machte einen ziemlichen Wirbel. Hinter den Kulissen und davor. Er schrieb eine „Petition“. Richtete einen „Appell“ (an wen, wurde nicht ganz klar, aber vermutlich an uns alle). Er schaltete eine Corona-Website live. Und er konfrontierte Politiker, Ministeriums-Mitarbeiter und Banker mit einem „Fünf-Punkte-Plan“ – auch wenn die nach einem solchen Plan überhaupt nicht gefragt hatten.

Und wir hier von Finanz-Szene.de fragten uns: Hat der gute Herr Wenthin die Bodenhaftung verloren? Oder hat er die Lösung?

Wozu man wissen muss: Herr Wenthin gehört eher nicht zu der Sorte Fintech-Manager, die leicht abheben. In der Branche wird allenthalben seine Tatkraft gelobt. Nicht seine Wortkraft. Die Solarisbank hat er mit aufgebaut. Und seit Wenthin (übrigens ein früherer Deutschbanker) vor einigen Monaten den Chefsessel beim KMU-Konto-App-Anbieter Penta übernahm, ist Penta (ein Startup, bei dem man zuvor das Gefühl hatte, es habe zwar eine Idee, aber keinen Plan) zu einem der spannendsten deutschen Fintechs mutiert.

Jedenfalls: Am Dienstagabend, 21.40 Uhr, berichtet uns Wenthin erstmals von seiner fixen Idee. Zunächst per Mail. Wobei die Mail nicht mit großen Worten geizt. „Appell“. „5-Punkte-Plan“. „Wir werden alle Hebel in Bewegung setzen.“ Zudem die Passage:

„Die Idee und das entschlossene Auftreten der Bundesregierung hat uns beeindruckt. Allerdings wird das leider im jetzigen Set-up verpuffen, weil es nicht realistisch für hunderttausende kleiner Unternehmen ist.“

Am Mittwoch finden Wenthin und die Finanz-Szene.de-Redaktion zunächst nicht recht zueinander. Er ist im Dauerstress. Wir sind im Dauerstress. Und dann kommt auch noch die Meldung, die WHO warne vor Ibuprofen. Keine Ahnung, wie das den Arbeitsalltag von Herrn Wenthin tangiert. Unseren tangiert es gewaltig.

Irgendwann klappts‘ dann doch. Wir wählen Wenthin’s Nummer. Und Wenthin hebt ab. Wobei: Das tut er eigentlich nur, um gleich wieder aufzulegen. Gespräche mit der Bundesregierung, mit der KfW stehen an. Man sei mitten in der Vorbereitung. Er klingt angemessen aufgeregt. „Ich rufe Sie zurück.“

Das tut er irgendwann im Laufe des Donnerstags dann tatsächlich. Das Gespräch mit dem BMF sei „super“ gewesen, sagt er. Das mit der KfW, nun ja, vielleicht nicht ganz so super. Trotzdem wirkt Wenthin euphorisiert.

Wobei uns allerdings immer noch nicht klar ist, ob er das alles wirklich ernst meint. Riecht ja irgendwie nach einer PR-Nummer. Fintech rettet Republik. Bitte an Herrn Wenthin: Kann er vielleicht nochmal erklären, was genau er eigentlich auszusetzen hat an dem Notprogramm der KfW; und wie sein Gegenentwurf aussieht?

Wenthins Erläuterungen laufen zusammengefasst auf Folgendes hinaus:

  • Typische KfW-Kreditanträge hätten eine Bearbeitungszeit von mehreren Wochen. In der momentanen Lage sei das Leben Zehntausender kleiner Unternehmen aber keine Frage von Wochen – sondern von Tagen
  • Hinzu komme: Weil die Lage so akut sei, würden die Hausbanken (über die die KfW-Programme abgewickelt werden sollen) in den nächsten Tage mit Anträgen regelrecht überschwemmt werden. Aufgrund der immer noch überwiegend manuellen Prozesse in der traditionellen Kreditbranche lasse sich absehen, „dass Banken und Sparkassen mit dieser Schwemme  überfordert sein werden“. Zumal jetzt, wo auch die Banken – obwohl das eher nicht in ihrem Naturell liege – mit Home-Office-Modellen arbeiten müssten.
  • Der Umstand, dass die Hausbanken ein Verlustrisiko von 20% übernehmen sollen (80% trägt die KfW), führe überdies dazu, „dass die Banken an interne Risiko-Vorgaben gebunden werden“, so Wenthin. Die Risiko-Vorgaben indes seien „auf die gegenwärtige Extremsituationen überhaupt nicht ausgelegt“. Viele Anträge würde daher abgelehnt. Und in anderen Fällen würde die Prüfung den Prozess unnötig verlangsamen.
  • Wenthin sagt: „Wenn der Staat statt der bislang vorgesehen 80% bzw. der zuletzt diskutierten 90% einfach das komplette Ausfallrisiko übernimmt – dann reden wir bei einem Programm-Volumen von 50 Mrd. Euro von einem zusätzlichen Risiko in Höhe von etwas über 5 Mrd. Euro. Das entspricht dem staatlichen Steueraufkommen von vielleicht drei Tagen.“

Frage: Wie muss das Ganze denn stattdessen aufgezogen werden? Da verweist Wenthin, der Berliner Digitalmanager, plötzlich auf die Bayern und deren papiernen Zwei-Seiten-Soforthilfe-Antrag, je nach Betriebsgröße 5000 Euro bis 30.000 Euro, Auszahlung angeblich binnen Tagen. So in etwa müsse das gemacht werden.

Verständnisfrage: Reden wir denn jetzt überhaupt noch von Krediten? Oder reden wir von Zuschüssen? Möglich sei beides, sagt Wenthin. Aber ja, Zuschüsse seien in der jetzigen Lage durchaus vorteilhaft.

Noch eine Verständnisfrage: Aber Penta (also das Fintech von Herrn Wenthin) ist doch vom Prinzip her eine Bank, kein Zuschussverteiler … Um Penta als Bankanbieter gehe es ja gar nicht, sagt Wenthin. Sondern: Penta könne – ebenso wie andere Fintechs (nach Finanz-Szene.de-Informationen treibt das Thema z.B. auch Auxmoney oder Iwoca um) – in kürzester Zeit einen digitalen Prüfprozess aufsetzen. Und auf Basis dieses Prozesses könne der Bund dann seine Soforthilfen verteilen.

„Meines Erachtens braucht es nur wenige Datenpunkte und wenige Prozess-Schritte, um die Hilfen umgehend zu genehmigen und gleichzeitig Missbrauch weitestgehend auszuschließen“, sagt Wenthin. Er zählt auf:

  1. Einen KYC-Prozess
  2. Einen Abgleich der Steuernummern
  3. Einen Abgleich der Betriebsnummern
  4. Eine Konto- bzw. Kontenübersicht der letzten drei Monate
  5. Die Überprüfung und Nennung eines bestätigten Bankkontos für die Auszahlung der Soforthilfe

Vorletzte Verständnisfrage: Ähem, und was will er dafür haben? Die Kundendaten? Nein, sagt Wenthin, lediglich eine angemessene Bearbeitungsgebühr, abgerechnet je Antrag.

Letzte Verständnisfrage: Und was ist mit den Banken? Was ist mit der KfW? Das bereits geplante Kreditprogrammm brauche es trotzdem, sagt Wenthin. Für die kommenden Wochen und vielleicht Monate. Das andere Programm (also seines) solle dem KfW-Programm an die Seite bzw. vorweggestellt werden. Für die kommenden Tage.

Das Telefonat endet. Es wird Nachmittag. Es kommt die Meldung, dass die WHO (dankenswerterweise) ihre Ibuprofen-Warnung wieder aufhebt. Und dann kommt eine Mail von Wenthin. Ob man die „Spiegel“-Meldung gelesen habe, die gerade eben online gegangen sei?

„Die Bundesregierung plant nach Informationen des SPIEGEL ein üppig ausgestattetes Rettungspaket für Solo-Selbstständige und Kleinstunternehmer […]. Dafür will sie insgesamt 40 Milliarden Euro zur Verfügung stellen. Zehn Milliarden Euro davon sollen als direkte Zuschüsse [sic!] an notleidende Ein-Personen-Betriebe und Kleinstunternehmen vergeben werden.“

Hat sich die Regierung etwa Wenthins Plan zu eigen gemacht? War es umgekehrt? Und kriegen Penta und/oder andere Fintechs jetzt wirklich das Mandat? Zumindest für die 10-Mrd.-Tranche? Oder ist das alles nur ein Hirngespinst? Und am Ende macht’s die KfW selbst oder das Bafa oder wer auch immer …

Wir wissen’s nicht. Was man allerdings, egal wie die Sache ausgeht, im Nachhinein in keinem Fall wird behaupten können: Dass der gute Herr Wenthin es nicht wenigstens versucht hätte.

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