Exklusiv

Drastische Abwertung: Raisin verliert Unicorn-Status

17. Mai 2022

Von Heinz-Roger Dohms und Georgia Hädicke

Das Berliner Groß-Fintech Raisin (“Weltsparen”) hat für den Moment seinen Unicorn-Status verloren. Laut Recherchen von Finanz-Szene.de bewertet der schwedische Investor Kinnevik seinen Anteil an dem Einlagenbroker per Ende März mit nur noch 185 Mio. Kronen – umgerechnet 17,9 Mio. Euro. Verglichen mit dem “Fair Value” von Ende Dezember (247 Mio. Kronen) entspricht dies einer ziemlich drastischen Abwertung um rund 25% binnen nur drei Monaten.

Den eigenen Anteil an Raisin beziffert Kinnevik in seinem Q1-Report auf gerundete 2%. Hochgerechnet entspräche dies einem Unternehmenswert von grob 895 Mio. Euro. Laut der aktuellsten verfügbaren Gesellschafterliste von Raisin lag der Kinnevik-Stake per 9. Dezember letzten Jahres indes genau genommen bei 2,48%. Sollte sich hieran bis Ende März nichts geändert haben, käme die “Weltsparen”-Mutter sogar nur noch auf eine Bewertung von 720 Mio. Euro.

Nun sind solche Kalkulationen zu einem gewissen Grad natürlich immer Spielerei. Zumal es sich hier um die (überdies durch Währungseffekte leicht verzerrte) Einschätzung eines einzelnen Investors handelt. Mag sein, dass andere Gesellschafter dem Berliner Finanz-Startup weiterhin einen höheren Wert zubilligen. Und was man fairerweise auch betonen muss: Das Raisin-Management hat sich selber zu seiner Taxierung nie geäußert, hat also nie einen Unicorn-Status für Raisin reklamiert. Das alles ändert allerdings nicht daran, dass die Bewertung gemessen an der Erwartungshaltung der Szene eine ziemliche Enttäuschung darstellt. Denn, nur zur Erinnerung:

  1. Raisin war im vergangenen Sommer ja mit dem Hamburger Rivalen Deposit Solutions (“Zinspilot”) fusioniert. Genau genommen handelt es sich bei den grob 700-900 Mio. Euro also um die addierte Bewertung gleich zweier hochgewerteter hiesiger Fintechs; und …
  2. Nachdem 2019 aus dem Gesellschafterkreis für Deposit Solutions allein bereits eine Milliardenbewertung ausgerufen worden war, hatte das anerkannte Branchenmagazin “Deutsche Startups” dem Fusionsunternehmen letzten Sommer sogar ein Preisschild von 2,5 Mrd. Euro umgehängt. Davon sind die 700-900 Mio. Euro, die Kinnevik (ein als hochseriös bekannter VC) nun nennt, meilenweit entfernt.

Raisin wächst zwar – aber nicht so stark wie erhofft

Tatsächlich sprechen eine ganze Reihe von Indizien dafür, die maue Bewertung eben nicht als Klimbim abzutun. Sondern in ihr durchaus das Ergebnis eines gewissen Traktionsverlusts zu sehen. Auf Anfrage wird in Berlin zwar betont, in den vergangenen Jahren “trotz eines für unser Geschäftsmodell ungünstigen Zinsumfeldes stetiges Wachstum” generiert zu haben – im Schnitt mehr als 40% pro Jahr. Gleichwohl, zur Einordnung: Ende 2019 hatte es in einem Interview noch geheißen, man habe in jenem Jahr “die wesentlichen Kennzahlen circa verdoppelt”.

Mit der Veröffentlichung von Geschäftsergebnissen hält sich der Einlagenbroker traditionell zurück. Ein paar Zahlen sind über die Jahre aber doch publik geworden – und auch diese deuten darauf hin, dass sich das Geschäft mit der Vermittlung von Tages- und Festgeldern weniger rasant entwickelt hat als von den Investoren ursprünglich mal erhofft. So stiegen bei Deposit Solutions im Jahr 2020 (also im letzten Jahr vor der Fusion) die Erträge nicht etwa an – sondern sie fielen um 9% auf 16,9 Mio. Euro. Nun spielten hier zwar Sondereffekte hinein, nämlich der Verlust zweier großer “Produktbanken”, darunter nach unseren Informationen die damalige HSH Nordbank (die “Produktbanken” sind die Banken, bei denen die Einlagen landen…). Und doch: Dass bei einem hochgefundeten Wachstums-Unternehmen die Erträge auf Jahressicht sinken, ist höchst ungewöhnlich.

Bei der alten Raisin wiederum stammen die aktuellsten einsehbaren Geschäftszahlen aus 2018, sie sind als nur noch sehr bedingt aussagekräftig. Indes: Hinter dem Planwert für jenes Jahr (angestrebt worden war ein Umsatz von 23,2 Mio. Euro) blieben die Berliner damals mit 17,2 Mio. Euro deutlich zurück. Zumindest ein Indiz, dass auch Raisin in den Jahren vor dem Zusammenschluss nicht so schnell voran kam wie erhofft. “Als Startup setzen wir uns selbst sehr ambitionierte Ziele”, heißt es hierzu aus Berlin. Das Zinsumfeld habe sich anders entwickelt als erhofft, dadurch habe sich das Unternehmenswachstum “etwas nach hinten geschoben”.

Es gibt auch aktuellere Warnzeichen. So hatten Finanz-Szene und unser Partner-Medium Finance Forward im Herbst 2021 von mehreren Quelle übereinstimmend erfahren, dass es im Zuge des Zusammenschlusses von Raisin und Weltsparen bis Jahresende eine große Finanzierungsrunde geben sollte. Dazu allerdings kam es nie. Die Gründe sind unklar – aber naheliegend wäre die Vermutung, dass das Management zum damaligen Zeitpunkt nicht die Bewertung durchsetzen konnte, die man für angemessen hielt. Zu diesem Komplex will sich Raisin nicht äußern.

Nun muss betont werden: Sowohl die alte Raisin als auch Deposit hatten in den Jahren vor Corona sehr umfänglich gefundet, standen und stehen also sicherlich nicht unter Druck, frische Mittel einwerben zu müssen. Zugleich ist Raisin/Deposit damit allerdings das einzige große deutsche Fintech, das seit dem Ausbruch der Pandemie keine Finanzierungsrunde mehr verkündet hat. Das letzte Raisin-Funding datiert aus dem Juli 2019  (also vor 34 Monaten), bei Deposit war es der September 2019 (also vor 32 Monaten).

Zuletzt befand sich Raisin eher im Konsolidierungs-Modus

Ob man die Fusion der beiden Einlagen-Broker rückblickend als Defensivbündnis interpretieren muss, sei mal dahingestellt. Vieles deutet allerdings darauf hin, dass sich Raisin zuletzt in einer Art Konsolidierungs-Modus befunden haben muss. So stagniert zumindest die Zahl der bei Linkedin registrierten Beschäftigten schon länger. Nach Zahlen des Karrierenetzwerks ist die Mitarbeiteranzahl über die vergangenen zwei Jahre um 3% bzw. über die zurückliegenden zwölf Monate um 1% geschrumpft. Die Zahlen sind um den Effekt aus der Übernahme bereinigt: Von den 494 Beschäftigten, die Raisin auf Linkedin zählt, arbeiten 110 am Standort Hamburg – dem früheren Hauptsitz von Deposit Solutions. Der Blick in die einzelnen Unternehmensbereiche zeigt ebenfalls, dass das vergangene Jahr eher im Zeichen der Konsolidierung denn des Wachstums stand:

  • Die Geschäftsentwicklung büßte 15% der Beschäftigten ein
  • Im Vertrieb waren es 12%
  • Im Produktmanagement gingen 17% der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen

Dazu passt – zumindest vordergründig –, dass Raisin in seinem Kreuzberger “Cuvry Campus” aktuell zwei Etagen untervermieten will, 860 Quadratmeter pro Stockwerk, für einen Zeitraum von einem bis zu drei Jahren. Fairerweise: Mit dieser Art der Untervermietung steht das Fintech momentan nicht allein. Sondern: Wegen des Trends zum Home-Office kommen auch viele andere Unternehmen mit weniger Bürofläche aus als eigentlich geplant. Raisin sagt: “Die Planung unseres neuen Offices erfolgte noch vor dem ersten Corona-Lockdown vor über zwei Jahren. Damals gingen wir noch von einer sehr viel höheren Präsenz-Quote aus.”

Mit den Zinsen kommt das Wachstum – so das Kalkül

Für die Konsolidierungs-These sprechen gleichwohl auch jüngste geschäftspolitische Entscheidungen. So kündigte Raisin Anfang Mai (siehe hier unser entsprechender Scoop) seinen sämtlichen “Business-Kunden” und will sich erst einmal komplett auf die Retail-Kunden fokussieren – ein drastischer Einschnitt, zumal hiervon nicht nur das Einlagen-Brokerage betroffen ist, sondern auch das Altersvorsorge-Produkt. Darüber werde aber kein Geschäft dichtgemacht, betont das Unternehmen. Das gelte auch für die USA, wo nach Informationen von Finanz-Szene einer der beiden Länderchefs jüngst ausschied, nämlich Paul Knodel (der andere US-Chef, nämlich Philipp von Girsewald, ist weiterhin an Bord). “In den USA wollen wir wachsen und sehen in diesem Markt großes Potential”, heißt es in der Raisin-Stellungnahme. “Gerade in den letzten Wochen entwickelten sich die USA, angetrieben durch die Zinsentwicklung, sehr dynamisch für uns. Wir haben nicht nur viele Kund:innen dazugewonnen, sondern konnten auch die Assets under Administration signifikant steigern.”

Tatsächlich ist der Verweis auf die Zinsentwicklung von Belang – zumal sich mittlerweile ja auch in Europa die Zinswende andeutet. Das begründete Kalkül von Raisin lautet: Wenn die nominalen Zinsen steigen, dann werden sich Anleger auch wieder stärker für Einlagenprodukte interessieren – und dann die zuletzt offenkundig etwas verloren gegangene Traktion auch wieder einsetzen.

“Die sich abzeichnende Zinswende innerhalb der EU wird dazu führen, dass unser Wachstum sich signifikant steigert – und dies sehr stabil auf die nächsten Jahre hinaus. In den USA und UK sehen wir bereits jetzt signifikante Wachstumssteigerungen durch die von den jeweiligen Zentralbanken vollzogenen Zinsschritte in Kombination mit einer aktuell eingetrübten Aussicht auf den Aktienmärkten”, heißt es in der Stellungnahme – was durchaus plausibel klingt. Und so ist nicht auszuschließen, dass Raisin nicht nur als das deutsche Fintech in die Historie eingehen wird, das als erstes seinen Unicorn-Status verloren hat – sondern auch als das Fintech, dass ihn bald darauf zurückgewinnen konnte.

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