Mambu ist das drittgrößte deutsche Fintech – und fast unbekannt

27. August 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Es gibt Fintech-Gründer, die würden für ein bisschen mehr „Presse“, nun ja, vielleicht nicht ihre Großmutter, aber mindestens den Bürohund verkaufen. Die Gründer von Mambu sind da anders. Unsere erste Anfrage stellten wir Anfang 2019. Eine zweite ein paar Wochen später. Eine dritte zu Beginn dieses Jahres. Alle blieben unbeantwortet.

Als es neulich und also im vierten Anlauf endlich klappt, hat Frederik Pfisterer (das ist einer der beiden Gründer) für das Scheitern der ersten drei Versuche eine simple Erklärung: „Um ehrlich zu sein, wir hatten in den letzten Jahre sehr wenig Zeit.“ Er sagt das nicht kokett. Er meint das nicht als Witz. Sondern: So war das halt. Keine Zeit. Tatsächlich hatten der Computeringenieur Pfisterer und sein Kompagnon Eugene Danilkis nachweislich anderes zu tun. Sie haben in der Zeit nämlich eines der größten (und zugleich immer noch unbekanntesten) deutschen Fintechs aufgebaut. Mambu.

Gemessen an seinen rund 300 Mitarbeitern dürfte Mambu (hinter N26 sowie Sumup und etwa gleichauf mit der Solarisbank und Deposit Solutions) das drittgrößte deutsche Fintech sein. Laut Website sind aktuell zudem gut 70 weitere Jobs ausgeschrieben, in Berlin und Amsterdam, Sydney und Miami, Singapur und Sao Paulo, Litauen und Rumänien. Berlin ist das Head Office, hier sind die wesentlichen Zentralfunktionen angesiedelt. Die Europa-Zentrale findet sich in Amsterdam, der amerikanische Markt wird von Florida aus erschlossen, in Osteuropa sitzen die Entwickler, der Rest sind Vertriebsstandorte.

„Hub-and-Spoke-Modell“, nennt Pfisterer das, ein Begriff, den (wir mussten’s erst mal googeln …) vor allem kennt, wer im Transportwesen oder in der Informationstechnologie arbeitet. Scheint zu heißen: Berlin ist der Knoten, an dem alles zusammenläuft, mehr aber auch nicht. Vielleicht kann man es auch so ausdrücken: Während sich etliche deutsche Fintechs bei der internationalen Expansion erkennbar schwertun (siehe u.a. hier und hier), ist Mambu längst global unterwegs. Beziehungsweise: war das gewissermaßen immer schon.

Das hat mit dem zu tun, was Mambu macht – nämlich Kernbankensysteme oder jedenfalls wichtige Core-Banking-Komponenten zu fertigen. Ein Geschäft, das man nicht sieht, das aber großes Potenzial verspricht. Denn: All die neuen Banken, die da draußen auf den Markt kommen, benötigen einen solchen Kern (ein Beispiel: Mambu gehört – siehe unser Scoop von letzter Woche – zu den wichtigsten Zulieferern der künftigen Check24-Bank). Zugleich merken derweil immer mehr alte Banken, dass ihr Kern nicht mehr so recht taugt. Weil er nämlich durch das jahrzehntelange Aufstülpen immer neuer IT-Anforderungen längst völlig überwuchert ist.

Mambu liefert Kernbanken-System für Check24-Bank

Dabei darf man Mambu nicht mit Komplettanbietern wie Temenos oder Avaloq und schon gar nicht mit den IT-Dickschiffen der beiden großen Verbünde hierzulande vergleichen, also mit der Finanz Informatik und der Fiducia & GAD. Zum Verständnis: Ein Kernbankensystem besteht aus verschiedensten Elementen. Es gibt das „General Ledger“ genannte Hauptbuch (quasi: das Backend), dann die Kunden-Ledger (quasi: das Frontend), daran wiederum knüpfen die Komponenten zum Beispiel für Kredit- und Zahlungsverkehr – und unten drunter pflantscht dann alles, was mit Regulatorik zu tun hat, also das Meldewesen, KYC („Know your Customer“) oder ALM („Anti Money Laundering“). Mambu indes konzentrierte sich anfangs allein auf das Thema Kredit und da wiederum auf eine spezielle Klientel: Mikrofinanzierer.

Als Pfisterer und Danilkis 2010 starteten, gab es solche Anbieter in Deutschland noch gar nicht (bis 2012 dann Kreditech kam). Stattdessen beschränkte sich der potenzielle Markt auf Asien, Lateinamerika oder Afrika, der erste Kunde war eine mexikanische Bank, berichtet Pfisterer. Wobei: Eigentlich muss man mit der Erzählung noch ein wenig früher beginnen. Denn nur dann versteht man, was die Prämissen für die Gründung von Mambu waren. Und wie wenig der Ansatz von Fintech-Ingenieuren wie Pfisterer und Danilkis mit der Gedankenwelt vieler klassischer Banker zu tun hat.

Pfisterer ist (wie der Name schon nahelegt) gebürtiger Schwabe, am Karlsruhe Institute of Technology studierter er Informations-Wirtschaft. Ende der Nullerjahre ging der heute 38-Jährige an die Carnegie Mellon University von Pittsburgh, wo er seinem späterem Mitgründer Eugene Danilkis (einen Kanadier mit ukrainischen Wurzeln) kennenlernte. Gemeinsam machten sie den Master in „Human Computer Interaction“. Mit Banken hatten die beiden bis dahin nicht wirklich was zu tun. Als Teil ihrer Abschlussarbeit sollten Pfisterer und Danilkis dann jedoch Ideen für ein portugiesisches Core-Banking-Unternehmen sammeln. Es ging um die Frage, wie sich Bankgeschäft „auch in Gegenden entwickeln lässt, die sich der damals noch gültigen Zweigstellen-Logik entzogen“, erzählt Pfisterer. „Also beispielsweise in Afrika“.

So kamen die beiden Ingenieure also zum Banking, wobei sie eine entschiedene These aufstellten, in welche Richtung sich die Branche entwickeln würde. Pfisterer erinnert sich so: „Genau zu der Zeit wurde ‚Software as a Service‘ immer beliebter, Salesforce waren damals die ersten, die das konsequent umsetzten. Dann war da die immer stärkere Durchdringung der Welt mit 3G-Internet, selbst in Afrika. Und schließlich der Mobile-Trend, dessen Wucht sich zumindest schon erahnen ließ. Unser Paradigma lautete: Wer Banking-Systeme für die sich entwickelnde Welt bauen will, muss auf diese drei Megatrends setzen. Und weil es ein entsprechendes SaaS-basiertes Core Banking damals schlicht noch nicht gab, haben wir begonnen, entlang dieser Paradigmen eines zu bauen.“

Auch wenn die ersten Kunden aus Lateinamerika und Afrika kamen – die ersten Investoren kamen aus Deutschland – nämlich die Web.de-Gründer. Bald kauften sich prominente Venture-Capital-Finanzierer wie Runa oder Point Nine in das aufstrebende Berliner Fintech ein, genauso wie die Commerzbank über ihr (wie schon öfters betont, siehe hier und hier) sehr spürnasiges VC-Vehikel Commerz Ventures. Ab 2015 gewann Mambu dann auch die ersten europäischen Kunden, es handelte sich zumeist um Fintech-Banken wie Ferratum (Finnland)  oder OakNorth (UK). 2016 folgte der erste Fußabdruck auf dem deutschen Markt: Als N26  die Wirecard-Plattform verließ, um eine eigene Infrastruktur aufzubauen, kamen zentrale Teile des Kernbankensystems – von Mambu.

Aus der Mikrofinanzierer-Nische sind die Berliner inzwischen hinausgewachsen, Mambu bedient zum Beispiel auch Banken mit Fokus auf Sparkonten und drängt in Richtung Zahlungsverkehr. Pfisterer, der den Ingenieur in sich rhetorisch nicht verleugnet, gerät in Fahrt, wenn er auf die Details des Geschäftsmodells zu sprechen kommt. „Wir sind ‚Software as a Service‘-Anbieter, das würde ich gerne differenzieren von den Begriffen ‚Cloud‘ oder ‚Hosted'“, sagt er dann. Oder: „Eine ‚Hosted‘-Variante hat heutzutage jeder Corebanking-Anbieter im Portfolio, das ist lediglich eine alte Lösung in neuem Fit.“ Oder: „Wir entwickeln und implementieren nicht, sondern wir konfigurieren – die Unterscheidung ist wichtig.“

Berliner B2B-Fintech Mambu dürfte jetzt rund 150 Mio. Euro wert sein

Spricht man mit Kunden über Mambu, so äußern die sich zwar durchweg anerkennend – bringen das Erfolgsrezept des Core-Banking-Fintechs allerdings auf ein paar simplere Formeln. „Natürlich sind die schnell und agil und passen insofern auch kulturell zu uns“, sagt ein Fintech-Manager. Zur Wahrheit gehöre allerdings auch: „Von Mambu kriegt man nicht all das, was man von SAP kriegen würde – dafür bekommt man es aber deutlich günstiger.“ Ein anderer Insider erklärt die rasche globale Verbreitung von Mambu so: „Die verzichten beispielsweise sehr bewusst auf alle Module, die in Richtung Regulierung gehen. Warum? Weil diese Bauteile sehr komplex und von Jurisdiktion zu Jurisdiktion unterschiedlich sind. Stattdessen konzentriert sich Mambu genau auf jene Core-Banking-Komponenten, die bei einer amerikanischen Bank nicht anders funktionieren als bei einer australischen, einer asiatischen oder einer europäischen Bank. Dadurch konnten die so schnell skalieren.“

Berührungspunkte zwischen Mambu und den – in ihrer Komplexität halt auch immer gleich sehr anspruchsvollen – Großbanken gibt es bislang kaum. Allerdings lässt Pfisterer während des Gesprächs den Namen eines Referenzkunden gleich mehrmals fallen, nämlich „New10“. Das ist ein Online-Plattform für SME-Kredite, die 2017 unter dem Dach der ABN Amro entstande. Das scheint ungefähr der Case zu sein, der Pfisterer jenseits von Fintech-Kunden wie N26, Check24 oder Kreditech/Monedo auch für den deutschen Markt vorzuschweben scheint: Etablierten Geldhäusern zu helfen, auf der grünen Wiese etwas Neues aufzuziehen. „Wir spüren, dass sich die Digitalisierung durch Corona gerade im Großbanken-Bereich stark beschleunigt“, sagt Pfisterer. Genau davon will er profitieren.

Die Perspektiven scheinen ordentlich. Anfang letzten Jahres hat Mambu 30 Mio. Euro gefundet, ein vernünftiger Puffer, auch wenn der ambitionierte Expansionskurs sichtlich Geld verschlingt. So lag der Cashbrun 2019 bei 10,7 Mio. Euro, mehr als eine Verdopplung im Vergleich zum Vorjahr. Zu den Erträgen macht Pfisterer keine Angaben, außer dass die „mit 90-100% jedes Jahr“ wachsen würden. Die Zahl kann man glauben oder es lassen – unplausibel klingt sie jedenfalls nicht.

Letztlich ist es mit Mambu vermutlich ähnlich wie mit der Solarisbank (siehe unsere Stücke von letzter Woche, hier und hier). Es geht um zwei Wetten: 1.) Wird sich die eigene Kernklientel (also die Frontend-Fintechs) am Markt durchsetzen? Und kommen 2.) zu dieser Kernklientel bald auch größere Kunden hinzu? Eine dieser beiden Wetten muss mindestens aufgehen. Wenn sogar beide – umso besser!


Was plant Frederik Pfisterer?

Zu einem Thema schwieg sich der Mambu-Gründer im Gespräch mit Finanz-Szene.de aus: Warum steht auf seinem Linkedin-Profil gleich unterm Namen seit einiger Zeit „Starting something new …“? Und warum führt er seine Position (Pfisterers offizieller Titel lautet „Group Managing Directors“) dem Social-Media-Eintrag zufolge nur noch in „Teilzeit“ aus. Baut Pfisterer innerhalb der Mambu-Strukturen etwas Neues auf – oder außerhalb? Letzteres wäre ein Ding.


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