Exklusiv

Entlassungen und Kredit-Wirrwarr: Quo vadis, Finleap???

16. Februar 2021

Von Heinz-Roger Dohms, Solveig Rathenow und Caspar Schlenk

Die Weihnachtsfeiern von Finleap waren legendär. Einmal hatte die größte europäische Fintech-Schmiede den Berliner Asphalt-Club gemietet. Gefeiert wurde in Pandabär- oder Fuchs-Verkleidung, 1.000 Leute sollen dabei gewesen sein. Ein anderes Mal ging es in der Tiefgarage der damals neuen Zentrale nah dem Ku’damm zur Sache. Lang ist’s her. Zumindest gefühlt.

2020 war alles anders. Klar, wegen Corona. Aber nicht nur. Wenige Wochen vor der Feier hatte Finleap mehrere Abteilungen geschlossen und Mitarbeiter entlassen. Weitere Beschäftigte befanden sich bereits auf dem Absprung. Party? Panda? Eskalation? Es gab eine Zoom-Präsentation, in der CEO Ramin Niroumand noch einmal an die Teams erinnerte, die das Unternehmen hatten verlassen müssen. Kollektives Wundenlecken statt ausufernder Kostümparty.

Damit endete ein schwieriges Jahr für Finleap. Der Fintech-Inkubator, Mastermind hinter hochgewetteten Finanz-Startups wie der Solarisbank, Clark oder Elinvar, ist gerade dabei, nun ja: sich neu zu erfinden. Was Finleap nicht mehr sein will, das steht inzwischen fest. „Ich glaube nicht, dass wir noch viele Firmen gründen werde““, sagte Niroumand im Dezember in einem „SZ-Interview“. Doch was will Finleap stattdessen sein?

Das ist die Frage, die Fintech-Szene und auch viele Banker seit Wochen beschäftigt. Das alte Finleap gebe es nicht mehr, sagen ehemalige Mitarbeiter. Geschäftsmodelle will Finleap wohl weiter erdenken. Allerdings nicht mehr auf eigene Rechnung, sondern im Auftrag träger Großunternehmen. Daneben wollen die Berliner auch weiterhin in Startups investieren. Doch ist das alles? Und reichen hierfür überhaupt noch die Kapazitäten?

In den vergangenen Monaten jedenfalls, das zeigen gemeinsame Recherchen von Finanz-Szene.de, Finance Forward und Business Insider, ist Finleap massiv geschrumpft: Bis zu 80 Mitarbeiter waren es in Hoch-Zeiten. Und heute? Vielleicht noch 20.

Vor allem das sogenannte „Build-Team“, das neue Startups aus dem Boden stampfte, hat sich regelrecht verdünnisiert. Ein Dutzend Mitarbeiter kündigte freiwillig, darunter die Manager Daniel Manzke, der vom Essenliefer-Anbieter Delivery Hero kam, Tom Moore-Stanley, Leiter des Recruiting-Teams, und Max Hüsch, der den E-Roller-Verleih Circ mit aufgebaut hat.

Doch der Umbau ging noch weiter: Rund ein Dutzend Ex-Mitarbeiter aus den Finleap-Abteilungen Finanzen und Personal  startete kürzlich unter der Leitung von Katharina Jung den Software-Dienstleister Kuno. Bei der Gründung schien es, als sei dies ein weiteres Finleap-Venture. Indes: Anders als früher bei neuen Startups üblich, hält Finleap an Kuno nicht die Mehrheit, sondern hat nur bescheiden investiert. Im Zuge der monatelangen Umwälzungen kam es auch zu Kündigungen, zeigen die Recherchen. Die „Build“-Abteilungen für Recruiting, IT und Kommunikation schloss Finleap komplett, aus der Rechtsabteilung blieb nur der Leiter. Finleap bestätigt die Schließung, will aber keine Zahl nennen.

Die verbleibenden Leute? Sollen sich nun um die bestehenden Portfoliofirmen und neue Konzern-Innovationen kümmern. Ein weiteres großes Standbein bleibt der Schnittstellen-Spezialist Finleap Connect, der nach eigenen Angaben mittlerweile 160 Mitarbeiter beschäftigt. Finleap gehört hier die Mehrheit.

In Zukunft will Niroumand zudem Großprojekte akquirieren, dafür hat das Unternehmen bereits vor einiger Zeit eine eigene Einheit unter dem Namen „Finleap Forward“ aufgebaut. „Das Team entwickelt die Geschäftsmodelle, die dann auf Basis von Finleap Connect oder anderen Portfolio-Firmen wie der Solarisbank umgesetzt werden können“, sagt der CEO. Er sei auf der Suche nach großen Partnern, nennt allerdings keine Details. Mehr als 20 Mitarbeiter sollen dort „künftig“ arbeiten, heißt es. Stellen hat Finleap dafür allerdings noch nicht ausgeschrieben, etwa sieben Mitarbeiter sind dort aktuell beschäftigt.

Florian Resatsch, der das Build-Team leitete, kümmert sich nun hauptsächlich um die neuen Pläne. Jörn Leogrande, der von Wirecard kam und gerade mit einem Buch über den Wirtschaftsskandal für Aufregung sorgte, hat Finleap bereits nach wenigen Monaten wieder verlassen. Er hätte das Forward-Team eigentlich führen sollen.

Durch den Strategiewechsel hätten sich die Kosten massiv reduziert, sagt Niroumand: „Das eigenständige Bauen von neuen Unternehmen war immer sehr teuer und lohnt sich nur bei großen Wetten.“ Fragen nach der Kapitalaustattung bügelt der 33-Jährige ab. „Finleap ist gut finanziert“, sagt er.

Die letzte große Finanzierungsrunde mit dem chinesischen Versicherer Ping An liegt mittlerweile zwei Jahre zurück. 41,5 Mio. Euro flossen damals. Es war der Höhepunkt in Finleaps Firmen-Historie. Ende 2019 und im Frühjahr 2020 gab es nochmals Geld, die Versicherungskammer Bayern (VKB) und die Deutsche Börse investierten. Die VKB soll dem Vernehmen nach immerhin 20 Mio. Euro beigesteuert haben. Indes: Verglichen mit den beträchtlichen Summen, die andere deutsche Fintechs wie N26, Scalable Capital oder auch die eigenen Ventures Clark und Solarisbank im gleichen Zeitraum einsammelten, waren das eher bescheidene Summen.

Ein geplanter Kredit wirft Fragen auf. Den Recherchen zufolge wollte Finleap Ende vergangenen Jahres insgesamt 20 Mio. Euro bei der auf Startup-Finanzierungen spezialisierten Rocket-Internet-Tochter Global Growth Capital aufnehmen. Als Sicherheit sollten Anteile an vier Portfoliofirmen dienen, darunter am Insurtech Element. Der Kredit allerdings kam nicht zustande. Aus Finanzkreisen heißt es, Gesellschafter eines der Ventures hätten den Kredit blockiert. CEO Niroumand sagt, er habe das Darlehen abgesagt, weil Finleap „eine besseren Finanzierungsweg gefunden“ habe. Das Geld sei für einen größeren Deal eingeplant. Ansonsten bleibt der Firmenchef vage.

Große neue Partner, geplante Deals – die einstige Firmenfabrik befindet sich in der Selbstfindungphase. Es könnte sein, dass der Finleap-CEO mit dem Geld seinen Einfluss bei den gutlaufenden Ventures erhöhen will. Erst kürzlich hat er bei einer Finanzierungsrunde des hauseigenen Ventures Elinvar mit investiert. Was die große Vision der kommenden Jahre sein soll, bleibt aber offen.


Disclaimer: Die Co-Autorin dieses Artikels, Solveig Rathenow, war vor ihrer Tätigkeit bei Business Insider bei dem genannten Unternehmen beschäftigt. Die Recherche zu diesem Artikel erfolgte unabhängig von dieser Beschäftigung.

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