Exklusiv

Hamburger Neobank Tomorrow sammelt 14 Mio. Euro ein

16. September 2021

Von Caspar Schlenk und Heinz-Roger Dohms

Einiges an Kritik bekam die grüne Smartphone-Bank Tomorrow in den vergangenen Monaten ab – etwa zur Frage, wie nachhaltig die eigenen Investments sind, oder wegen umstrittener Werbeaussagen. Trotz solcher Misstöne geht das Wachstum des Hamburger Fintechs weiter: 91.000 Nutzer zählt Tomorrow mittlerweile. Monat für Monat kommen per saldo im Schnitt gut 4.000 Kunden dazu. Kein Hockeystick, aber respektabel.

Respektabel ist nun auch die neue Finanzierungsrunde, über die „Finance Forward“ und „Finanz-Szene.de“ vorab in Kenntnis gesetzt worden sind: 14 Mio. Euro erhält Tomorrow für den nächsten Wachstumsschritt, zu einer Bewertung von 70 Mio. Euro. Zu den Investoren gehört das Hamburger Family Office Abacon Capital. Bis zu 5 Mio. Euro sollen noch on top von Crowd-Investoren kommen. Schon einmal hat das gut funktioniert, vor ziemlich genau einem Jahr steckten private Schwarmanleger innerhalb weniger Stunden mehrere Mio. Euro in die Hamburger Firma. Aus Verbrauchersicht umstritten. Für das Fintech damals gutes Geld.

Die 70 Mio. Euro Bewertung sind in gewisser Weise ein Vertrauensvorschuss. Bislang hinkt Tomorrow den eigenen Zielen nämlich in mancherlei Hinsicht hinterher. In der Vergangenheit war als Zwischenziel die Marke von 1 Mio. Kunden ausgegeben worden –  wobei schwammig blieb, wie schnell dieser Meilenstein erreicht werden sollte. Für den Moment jedenfalls sind die Hanseaten von der Million weit entfernt, selbst wenn bis Jahresende zumindest mal die „100.000“ geknackt werden sollten. „Wir wollen uns vorerst jedes Jahr mindestens verdoppeln“, sagt Gründer Jakob Berndt. Ein ambitioniertes Ziel, wenn man bedenkt, dass Tomorrow erst kürzlich ankündigte, die kostenlose Kontovariante abzuschaffen. An Wachstumszahlen wie die Berliner Konkurrenten N26 und Vivid Money reicht Tomorrow jedenfalls nicht heran.

Ein weiteres bislang verschlepptes Thema ist die europäische Expansion. Schon Anfang vergangenen Jahres hatte Tomorrow Country Manager für Frankreich, Spanien, Italien, Österreich und in die Niederlande gesucht. Dann allerdings kam Corona – und die Pläne wurden vertagt. Für 2021 stehe die Internationalisierung noch nicht wieder auf dem Plan, sagt Gründer Berndt; aber für 2022.

Auch die Frage, wie „grün“ Tomorrow wirklich ist, steht im Raum. Ende 2019 berichtete Finance Forward, dass von den Kundengeldern erst ein kleiner Teil in nachhaltige Investments angelegt war – damals rund 1%*. Mittlerweile sei dieser Anteil auf 13% gestiegen, heißt es nun: „Unser Anspruch ist es 30% in nachhaltige Investments zu investieren, dieser Ambition sind wir bislang nicht gerecht geworden“, so Berndt – und begründet das damit, dass es „zurzeit schwierig ist, die richtigen Anlagen zu finden“. In der Vergangenheit hatte Tomorrow sogar höhere Quoten ins Spiel gebracht, gegenüber dem Öko-Magazin Utopia war von 50% die Rede gewesen.

Ein Problem bei der Quote ist, dass Tomorrow bislang keine Investmentprodukte anbietet. Heißt: Die Kunden können nicht selber in grüne Anlagen investieren – sondern Tomorrow investiert die Einlagen der Kunden (was allerdings nur in begrenztem Umfang möglich ist). Schon für die zweite Jahreshälfte 2019 hatten die Hamburger den Launch eines Investmentprodukts angekündigt.  Nun – zwei Jahre später – soll tatsächlich ein grüner Aktienfonds in den Startlöchern stehen, in Kooperation mit dem Leipziger Startup Evergreen. „Wir grenzen uns klar von dem Label ‚ESG‘ ab und haben strengere Regeln für unseren neuen Investment-Fonds gesucht“, so Berndt.

An Zielen also mangelt es nach wie vor nicht. Das nötige Kleingeld, das alles umzusetzen, ist nun in der Kasse.


Korrektur, 16. September, 7:22 Uhr: In der ursprünglichen Fassung hatten wir von 1,5% statt 1% gesprochen; das war falsch und haben wir korrigiert

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