Analyse

Das hier ist die ungeschminkte Wahrheit über Smava

8. Mai 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Auf der Unternehmens-Website finden sie sich immer noch, die Erfolgsmeldungen des Berliner Kredit-Revoluzzers Smava. „Smava erhält Investment von 34 Mio. Dollar“ (30. September 2016). Oder, auch nicht schlecht: „Smava erhält 65 Mio. Dollar Investment von Vitruvian Partners und anderen Investoren“ (9. Januar 2018).

Jedenfalls: Dass wir an diesen Zahlen gewisse Zweifel hegten, hatten wir Ihnen ja schon mal erzählt. Als wir allerdings gestern die ersten von Smava jemals veröffentlichten En-detail-Geschäftszahlen entdeckten, da fielen uns (wie man früher im Rheinland sagte) dann doch die Schuhe aus. Denn wissen Sie, wie viel Eigenkapital Smava 2016 wirklich eingeworben hat? Von wegen 34 Mio. Dollar. Es waren 9,8 Mio. Euro.

Also alles ein Trauerspiel? Nein, nicht unbedingt. Die testierten Zahlen verraten nämlich auch viel Positives. So hat Smava 2017 geradezu geboomt. Und 2018 womöglich auch noch. Was allerdings die Frage aufwirft, warum das 2019 angestrebte IPO dann trotzdem platzte. Hier unsere neun Erkenntnisse (zu denen übrigens auch gehört, was die Banken so an Provisionen zu Smava rüberschaufeln):

1.) Smava hat offenbar viel, viel weniger Eigenkapital erhalten als öffentlich behauptet

Im 2016er-Abschluss steht wörtlich: „Im Berichtszeitraum erfolgten drei Stammkapitalerhöhungen in Höhe von TEUR 645. Im Rahmen dieser [Stammkapitalerhöhungen] erfolgten Einzahlungen in die Kapitalrücklage in Höhe von insgesamt TEUR 9.185.“

Sprich: 9,8 Mio. Euro. Wie Smava zu der Behauptung kommt, es seien 34 Mio. Dollar (bzw. umgerechnet gut 30 Mio. Euro) gewesen, bleibt unklar. Die plausibelste Erklärung: Es wurden sogenannte Secondaries mitgezählt, also Anteile, die von Altinvestoren an neue Gesellschafter veräußert wurden. Darauf deutet auch folgender Satz hin: „Der Einstieg von Verdane Capital als weiterem Investor im Juli 2016 hat die Investorenbasis der Gesellschaft darüber hinaus weiter gestärkt.“

Wohlgemerkt: Da steht „Investorenbasis“, nicht „Eigenkapitalbasis“.

2.) Smava hatte per Ende 2016 nur noch 1,6 Mio. Euro Eigenkapital übrig, legte Ende 2017 aber nach

Per Ende 2016 betrug das Eigenkapital von Smava gerade mal 1,6 Mio. Euro – wobei sich dieser Wert wie folgt zusammensetzte (jeweils in Mio. Euro):

Gezeichnetes Kapital 4,5
Kapitalrücklage 30,4
Verlustvortrag -25,8
Jahresfehlbetrag -7,5
Eigenkapital 1,6

Dafür, dass Smava zum damaligen Zeitpunkt als eines der 2-3 bestgefundeten deutschen Fintechs galt, ist das dann doch ein eher dünner Wert. Wobei hinzugefügt werden sollte: Die Kasse war per Ende 2016 mit 5,3 Mio. Euro zumindest einigermaßen gefüllt.

Im Dezember 2017 kam es dem Abschluss zufolge zu einer weiteren Kapitalerhöhung, diesmal im Umfang von 30,0 Mio. Euro. Es drängt sich die Vermutung auf, dass dies jenes Funding war, dass in der Pressemitteilung von Anfang Januar 2018 mit 65 Mio. Dollar (damals umgerechnet 54 Mio. Euro) beziffert wurde. Die aufgelaufenen Gesamtinvestitionen in Smava wurden seinerzeit auf umgerechnet 112 Mio. Euro beziffert. Tatsächlich addierten sich Stammkapital und Kapitalrücklage (jedenfalls per Ende 2017) nur auf rund 65 Mio. Euro.

3.) Die Unicredit Bank AG – vulgo: die Hypo-Vereinsbank – sichert/e Smavas Liquidität

Anfang 2016 nahm Smava einen Kredit bei einem Finanzinvestor namens Kreos auf. Im Mai 2017 erhielt das Fintech dann ein Darlehen vom der Unicredit Bank AG, das unter anderem dazu diente, „ein noch bestehendes Darlehen bei Kreos Capital vorzeitig zu tilgen“, wie es im Geschäftsbericht heißt. Weiterhin steht dort: „Das Darlehen der Unicredit Bank AG hat eine Laufzeit von vier Jahren, wobei eine jährliche Tilgung von 25% der Darlehenssumme jeweils im Mai 2018/2019/2020/2021 erfolgt.“ Darüber hinaus ist von einem Kontokorrentkredit ebenfalls der Unicredit Bank AG die Rede.

4.) Smava hatte Ende 2016 schon erstaunlich viele Mitarbeiter

… nämlich 219.

5.) Smava hatte 2017 gemessen am Umsatz ein bockstarkes Jahr …

Smavas vermitteltes Kreditvolumen stieg 2017 um phänomenale 80% auf 1,2 Mrd. Euro. Die hieraus generierten Umsatzerlöse schnellten um 82% auf erstaunliche 39,5 Mio. Euro. Unser geschätzter Kollege Caspar Schlenk von „Finance Forward“ hat auf Basis der besagten Kapitalerhöhungen errechnet, dass Smava 2016 lediglich auf eine Bewertung von 64 Mio. Euro kam – Ende 2017 dann aber schon auf eine Bewertung von rund 190 Mio. Euro (was sich in etwa mit älteren Berechnungen unsererseits deckt).

6.) … war allerdings nicht profitabel.

Im September 2017 behauptete Smava-Chef Alexander Artopé, sein Unternehmen sei „profitabel“. 2016 war das aber definitiv nicht der Fall, wie sich dem jetzt veröffentlichten Abschluss entnehmen lässt. Da nämlich kam auf Umsatzerlöse in Höhe von 21,6 Mio. Euro (bzw. auf ein Rohergebnis in Höhe von 12,1 Mio. Euro) ein Vorsteuerverlust in Höhe von 7,5 Mio. Euro.

Und 2017? Stiegen – siehe oben – zwar die Umsatzerlöse und auch das Rohergebnis signifikant an. Trotzdem fiel ein neuerlicher Verlust in Höhe von (freilich nicht dramatischen) 3,9 Mio. Euro an.

7.) Smava war auch für 2018 durchaus optimistisch

Für 2018 erwartete Smava ein „weiteres deutliches Wachstum“ des Kreditvolumens und der Umsatzerlöse. Und: „Das weitere Umsatzwachstum sollte zu einer weiteren deutlichen Reduktion des Jahresfehlbetrags für das Geschäftsjahr 2018 führen.“ Mit Profitabilität rechnete das Berliner Fintech also auch 2018 (noch) nicht.

8.) Zwei Thesen, warum der Smava-IPO 2019 (vorerst) platzte

Nach allem, was sich dem Abschluss entnehmen lässt, sollte Smava 2017/2018 nicht so schlecht dagestanden haben:

  • Auch wenn über die Jahre weit weniger Geld gefundet wurde als öffentlich suggeriert – mit den 30 Mio. Euro von Ende 2017 waren die Berliner dennoch ordentlich kapitalisiert
  • Die Geschäftszahlen (steigender Umsatz, sinkende Verluste) zeigten in die richtige Richtung
  • Die Bewertung war zumindest per Ende 2017 mit besagten 190 Mio. Euro sehr okay

Warum wurde es 2019 trotzdem nichts mit dem IPO? Zwei Thesen:

  1. Vielleicht waren die Smava-Investoren schlicht zu ehrgeizig. Kolportiert wurde Anfang letzten Jahren eine angestrebte Bewertung von „bis zu 500 Mio. Dollar“ (umgerechnet 440 Mio. Euro). Das wäre im Vergleich zu Ende 2017 nochmals fast eine Ver-2,5-Fachung gewesen. Und das, nachdem sich die Bewertung bereits in den 15 Monaten zuvor verdreifacht hatte.
  2. Als „Deutsche Startups“ im Oktober 2019 berichtete, das Smava-IPO sei „erst einmal abgeblasen“, begründete das Online-Magazin diesen Schritt explizit mit „enttäuschenden Zahlen im ersten Halbjahr“. Einen Beleg hierfür brachten die Kollegen zwar nicht bei. Falls die Behauptung allerdings stimmt, dann erscheint die Verschiebung logisch. Weil: Das Smava-IPO klang nach einer Wette auf die Zukunft. Wenn’s dann jedoch im Hier und Jetzt schon hakt …

9.) Und was ist jetzt mit den Provisionen?

Rechnen wir der Einfachheit halber mit den 2016er-Zahlen:

  • Vermitteltes Kreditvolumen: 666 Mio. Euro
  • Umsatzerlöse: 21,6 Mio. Euro
  • Anteil am Umsatz, der auf Provisionserlöse entfiel? „Über 95%“
  • Rechnen wir also mal mit Provisionserlösen in Höhe von 21 Mio. Euro
  • Also 21 Mio. Euro geteilt durch 666 Mio. Euro …

… macht irgendwas zwischen 3,1% und 3,2%. Wenn wir uns nicht verrechnet haben.

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