Exklusiv

Immo-Crowdfinanzierer Bergfürst überwirft sich mit wichtigstem Partner

7. Mai 2020

Von Christian Kirchner

Einer der größten deutschen Immobilien-Crowdfinanzierer, der Berliner Anbieter Bergfürst, hat sich laut Recherchen von Finanz-Szene.de mit seinem wichtigsten Projektpartner überworfen. Dabei handelt es sich um eine Unternehmungsgruppe namens „Bonafide Immobilien“ von Stefan Schepers, für die Bergfürst in den zurückliegenden Jahren insgesamt 17 Mio. Euro bei Kleinanlegern eingeworben hatte. Unseren Informationen zufolge schwelte der Konflikt zwischen Bergfürst und Bonafide schon seit Monaten. Nun wird er plötzlich offen vor den Schwarminvestoren ausgetragen.

So informierten diese Woche zunächst Bonafide und dann Bergfürst die Anleger über den Zwist – offenbar jeweils mit dem Ziel, die Schwarminvestoren auf ihre Seite zu ziehen. Auf Nachfrage von Finanz-Szene.de bestätigten beide Unternehmen, dass die Zusammenarbeit eingestellt worden sei. Bergfürst und Bonafide und bezichtigen sich dabei wechselseitig, getroffene Absprachen nicht eingehalten zu haben.

Das Zerwürfnis trifft die deutsche Immo-Crowdinvesting-Branche zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Kaum ein anderes Fintech-Segment hierzulande war in den vergangenen Jahren derart schnell gewachsen. Seinen Höhepunkt fand der Boom Juni 2019, als der Marktführer Exporo von Venture-Capital-Investoren 43 Mio. Euro erhielt und zu einem der höchstbewerten deutschen Finanz-Startups aufstieg (siehe hier). Im November wurde dann publik, dass zwei Exporo-Projekte in Marburg konkret ausfallgefährdet sind (siehe hier). Später wurden weitere Zahlungsverzögerungen bei Exporo-Projekten (siehe hier und hier), aber auch bei Bergfürst (siehe hier) ruchbar. Nun stellt die Corona-Krise auch für das Geschäft der Crowdfinanzierer – sowohl bei der Mittelbeschaffung bei Anlegern als auch der Projektdurchführung – vor weitere Herausforderungen.

Dabei verlieren die Akteure vor den Augen leidgeprüften Anleger die Nerven und fetzen sich auf offener Bühne untereinander: Was die Sache besonders heikel macht: Bei neun der insgesamt 15 Projekte, die Bonafide mithilfe der Bergfürst-Anleger finanzierte, stehen über die nächsten Jahre noch Tilgungszahlungen von rund 13,5 Mio. Euro an. Heißt: Es geht bei dem Konflikt konkret ums Geld der Schwarminvestoren.

Auslöser für die Eskalation des Zwists waren offenbar die Rückzahlungs-Modalitäten beim Projekt „Rheinstraße Duisburg“; hier wären die Zahlungen eigentlich um April fällig gewesen. Stattdessen verharkten sich Bergfürst und Bonafide gleich an mehreren Punkten: Soll die Tilgungen an die Anleger einzeln erfolgen? Welche Gebühren fallen hierfür an? Und wann wird die Grundschuld gelöscht? Bergfürst sieht die Bonafide-Gruppe in der Verantwortung. Diese wiederum beschuldigt Bergfürst, genau die Rückzahlungen zu erschweren. Im Laufe des Donnerstags liefen Verhandlungen, ob man nicht doch noch zu einer einvernehmlichen Lösung kommen kann – auch für die künftigen Rückzahlungen.

Wer im Einzelnen welchen Schritt zur öffentlichen Eskalation gegangen ist, lässt sich nicht en Detail nachvollziehen. Fest steht aber, dass viele Anleger erst  in dieser Woche erstmals von dem Zwist erfuhren – und zwar auf äußerst skurrile Art und Weise: Weil sich die Bonafide-Gruppe von der Kommunikation mit den eigenen Anlegern abgeschnitten sah, griff sie kurzerhand zur Selbsthilfe und überwies den Anlegern des über Bergfürst platzierten Projekts „Rheinstraße Duisburg“ einen Cent auf deren Girokonto. Dazu gab es den Verwendungszweck „Bitte melden Sie sich bei uns mit Ihrer Emailadresse unter ***(at)***.de wg. Ruckzahlung“. Die entsprechenden Bankverbindungen kannte Bonafide aus den Zinszahlungen. Die Ein-Cent-Überweisung ging auch an andere Anleger von Bonafide-Bergfürst-Projekten.

Anleger, die sich daraufhin bei Bonafide meldeten, erhielten die Antwort, die Gruppe habe „die Zusammenarbeit mit Bergfürst eingestellt“. Weiter hieß es, Bergfürst verweigere „derzeit eine sinnvolle Kooperation bei der Rückzahlung des Darlehens „. Man habe daher „den unkonventionellen Weg“ über das Bankkonto gewählt, „um direkt mit Ihnen Kontakt aufzunehmen“. Angehängt an die E-Mail waren diverse Dokumente zu den jeweiligen Projekten.

Hierauf reagierte nun wiederum Bergfürst mit einer E-Mail an Anleger, die Finanz-Szene.de vorliegt. Man habe erfahren, dass „Herr Schepers [Anm.: so heißt der Geschäftsführer von Bonafide] über die jeweiligen Projektgesellschaften allen Anlegern der Plattform Bergfürst, die zum 31. 12. 2019 Zinszahlungen erhalten haben, 1 Euro-Cent überwiesen hat und den Anlegern die Kontaktaufnahme über eine im Verwendungszweck der Überweisung genannte E-Mail Adresse außerhalb unserer Plattform anbietet.“: Bergfürst sei „derzeit nicht klar, was Herr Schepers bzw. die Emittentinen mit diesem vertragswidrigen Vorgehen bezwecken will“. Anleger hätten keine Veranlassung zu reagieren.

Ob sich die Anleger so leicht beruhigen lassen, ist freilich unklar. Dafür geht es schlicht um zu viele Projekte und zu viel Geld. Ein Überblick (basierend auf Recherchen von Finanz-Szene.de):

Projekt Fundingsumme Laufzeit Projektentwickler
Essen – Am Buschgarten 2.500.000 31.10.22  Ultima Ratio Buschgarten GmbH & Co. KG. („Netzwerk der mit der bonafide Immobilien GmbH“)
Berlin – Parkstraße 2.650.000 31.08.22 Pankow 4 You GmbH & Co.KG („Netzwerk der mit der bonafide Immobilien GmbH“)
Berlin – Pohlestraße 1.650.000 31.12.21 Köpenick 4 You GmbH & Co. KG („Netzwerk der bonafide Immobilien GmbH“)
Von-Cölln-Straße Lage 940.000 31.01.24 Ultima Ratio Lage GmbH & Co. KG (“ Netzwerk der bonafide Immobilien GmbH“)
Schlossallee Berlin-Pankow 2.200.000 30.06.21 Schlossallee 3 GmbH & Co. KG („Netzwerk der bonafide“)
Campus Bornheim 1.300.000 31.12.20 Campus Bornheim GmbH & Co. KG. („Netzwerk der mit der bonafide Immobilien GmbH“)
Dinslaken Lohberg 700.000 31.05.20 bonafide Immobilien GmbH
Fontane Center 1.754.690 31.08.22 Ultima Ratio KW („Geschäftsführer ist Herr Stefan Schepers von der bonafide Immobilien GmbH“
Rheinstraße Duisburg 800.000 15.04.20 Ultima Ratio Homberg GmbH & Co. KG (Geschäftsführer Stefan Schepers/ bonafide Immobilien GmbH“)

Quelle: Bergfürst-Internetseite, Crowdinvest.de

Bergfürst bestätigte die Zahl der Fälle, beziffert aber auf Nachfrage, dass sich das zur Rückzahlung offene Volumen für Projekte der Bonafide Gruppe auf 13,42 Mio Euro belaufe, „da in zwei Projekten bereits vertraglich vereinbarte Teilrückzahlungen erfolgt sind“. Bonafide-Geschäftsführer Schepers betonte auf Finanz-Szene.de-Nachfrage, seine Unternehmensgruppe werde „selbstverständlich allen Zins- und Tilgungsleistungen“ nachkommen. Auch seitens Bergfürsts heißt es, „dass wir alle laufenden Verträge ordnungsgemäß zu Ende führen“.

Pikant an dem Fall: Offenbar hat die Bonafide-Gruppe nun eine Geschäftsbeziehung zum Bergfürst-Rivalen Exporo aufgenommen, mit der man bislang nur eine gemeinsame Platzierung Anfang 2019 durchgeführt hatte. Denn getilgt werden soll das strittige Bergfürst-Projekt in Duisburg – mit Mitteln, die Bonafide nun wiederum bei Exporo eingeworben hat (siehe Finanz-Szene.de vom 1. April).

Finanz-Szene.de bat den Bergfürst-Geschäftsführer Guido Sandler noch um eine dezidierte Stellungnahme, was der Sachverhalt für Anleger bedeute. Dazu teilte Sandler mit: „Die Bergfürst AG und die Bergfürst Service GmbH als Sicherheitentreuhänder vertreten die Interessen unserer Anleger umfassend und wir werden im Rahmen dieses Mandats alles veranlassen, um die Interessen unserer Anleger umfassend durchzusetzten. Dazu gehört, sollte dies erforderlich werden, auch die Verwertung von bestehenden Sicherheiten. Alle Schritte werden fristgerecht und unter Ausschöpfung aller rechtlichen Mittel von uns betrieben.“

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