Fintech unplugged (#4)

Pair Finance: Die heimliche Perle im Finleap-Reich

17. September 2021

Von Heinz-Roger Dohms

Die Solarisbank? Kennt jeder von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser. Und auch Fintechs wie Clark oder Elinvar sind den meisten sicherlich ein Begriff. Doch was ist, sagen wir, mit Pair Finance? Da wird’s schon schwieriger, nicht wahr? Dabei ist Pair Finance nicht nur eines der weniger bekannten Fintechs aus dem Ökosystem der Berliner Startup-Schmiede Finleap. Sondern auch: das mutmaßlich erfolgsreichste. Zumindest, wenn man „Erfolg“ an einem Kriterium festmacht, das in der Fintech-Community eine zugegebenermaßen eher untergeordnete Rolle spielt. Nämlich „Erfolg“ im Sinne von Profitabilität.

Pair Finance verdient als eines der wenigen deutschen Finanz-Startups tatsächlich Geld. Und zwar nicht erkennbar auf Kosten von Wachstum. Sondern gewissermaßen als Folge von Wachstum. Konkret: Die Umsatzerlöse haben sich im abgelaufenen Geschäftsjahr mehr als verdoppelt. Wie kriegt Pair Finance hin, was andere Fintechs nicht einmal versuchen? Sprich: den Spagat aus Expansion und Rentabilität.

CEO Stephan Stricker war so freundlich, nicht nur mit uns zu reden – sondern uns exklusiv den (im Bundesanzeiger nicht einsehbaren 2020er-Jahresabschluss) zur Verfügung zu stellen. Lesen Sie also hier den vierten Teil unserer „Fintech unplugged“-Serie: Pair Finance, die heimliche Perle im Finleap-Reich. Voilà. Finanz-Szene.de

1.) Was macht Pair Finance?

Pair Finance betreibt Inkasso, wird als Teil des Forderungsmanagements also dann eingeschaltet, wenn der Mahnprozess zu keiner Zahlung geführt hat. Mit dieser Ausrichtung sind die Berliner beinahe ein Solitär unter den hiesigen Fintechs (das einzige sonstige Inkasso-Fintech, das uns einfällt, ist Troy). Denn: Auch wenn wir in der uns eigenen, tendenziell unwissenden Art auch schon mal die Hamburger Startups Collect AI und Receeve als „Inkasso-Fintechs“ bezeichnet haben – bei diesen beiden wäre eher die Bezeichnung „Mahnwesen-Fintechs“ (oder: „Irgendwas mit Payment“-Fintechs) angebracht.

Die wichtigsten Wettbewerber von Pair Finance sind etablierte Anbieter wie Lowell, Eos oder Arvato. Von denen will sich der Newcomer mithilfe von künstlicher Intelligenz abheben, sagt CEO Stricker. Etwas konkreter: „Unsere Technologie basiert auf Reinforcement Learning, das ist eine Form des maschinellen Lernens.“ Und noch konkreter: „Unser selbst entwickelte Algorithmus lernt aus der Kommunikation mit den Kunden, wie sich künftige Kunden wirkungsvoller ansprechen lassen.“ Dadurch werde die Wahrscheinlichkeit eines Forderungsausgleichs deutlich erhöht. „Manche Kunden spricht man am besten per Post an, andere per E-Mail, wieder andere per WhatsApp. Es geht darum, den Kunden zu einer Reaktion zu verleiten, um in einen Dialog und letztlich zu einer einvernehmlichen Lösung zu kommen.“

Nun muss man natürlich immer skeptisch sein, wenn Fintech-Gründer von „künstlicher Intelligenz“, „maschinellem Lernen“ und Algorithmen aller Art sprechen. Die Grenzen zwischen KI und PR sind in solchen Fällen oft fließend, die Herausforderer nicht notwendigerweise smarter als die Platzhirsche. Indes: Bei Pair Finance wird schon ein was dran sein an den Schwärmereien des CEOS´s. Oder anders formuliert: Die 2020er-Zahlen deuten zumindest mal darauf hin, dass Pair Finance ein bisschen was richtig machen muss …

2.) Ertragslage

Geschäftsjahr EUR Vorjahr EUR
1.  Umsatzerlöse 8.944.696 4.288.117
2.  sonstige betriebliche Erträge 72.960 163.501
3. Materialaufwand -1.656.522 -1.169.650
4. Personalaufwand -4.300.061 -2.853.199
 5. Abschreibungen -41.414 -31.703
6.  sonstige betriebliche Aufwendungen -1.722.115 -978.788
7. Sonstige Zinsen und ähnliche Erträge 42.632 49
8.  Zinsen und ähnliche Aufwendungen -18.626 -11.101
9.  Steuern vom Einkommen u. Ertrag    -39.899 0
10.  Ergebnis nach Steuern 1.281.650 -592.773
11.  Jahresüberschuss 1.281.650 -592.773

3.) Welche Kennzahlen sind die wichtigsten?

Pair Finance wird nicht von seinen Mandanten bezahlt, sondern generiert seinen Umsatz ausschließlich aus den sogenannten Verzugsschäden – also über die Kosten, die dem säumigen Schuldner für das Inkassoverfahren auferlegt werden (und die der Mandant an Pair Finance durchleitet). Geht man von einem durchschnittlichen Verzugsschaden von ganz grob geschätzt 30-50 Euro aus, dann ergibt sich aus den Umsatzerlösen in Höhe von 8,9 Mio. Euro, dass Pair Finance im zurückliegenden Geschäftsjahr irgendwas zwischen 175.000 und 300.000 Inkassoverfahren erfolgreich abgeschlossen hat.

Bemerkenswert an den 8,9 Mio. Euro ist nicht nur das Wachstum im Vergleich zum Vorjahr (109%), sondern auch die Summe als solche. Nur mal zur Einordnung (auch wenn sich die Geschäftsmodelle natürlich nicht miteinander vergleichen lassen): Das jüngst für kolportierte 120 Mio. Euro veräußerte Open-Banking-Startup FintecSystems aus München kam 2020 auf Provisionserträge in Höhe von 5,5 Mio. Euro, siehe den zweiten Teil unserer „Fintech unplugged“-Serie.

Was darüber hinaus ausfällt: Den bereits stattlichen Umsatzerlösen steht ein überschaubarer Materialaufwand von gerade einmal 1,7 Mio. Euro entgegen, der Rohertrag (Umsatzerlöse abzüglich Materialaufwand) ist also mit 7,3 Mio. Euro kaum niedriger ist als der Umsatz. Darüber hinaus scheint Pair Finance auch den Personalaufwand im Griff zu haben (4,3 Mio. Euro, also weniger als 50% der Umsatzerlöse). Das deutet darauf hin, dass das Geschäftsmodell skalierbar sein dürfte.

Letzten Endes also kein Wunder, dass unterm Strich – anders als bei den meisten anderen Fintechs – kein Verlust, sondern ein Überschuss in Höhe von 1,3 Mio. Euro steht.

4.) Wer sind die wichtigsten Kunden?

Klarna und Zalando – wobei der Berliner Online-Modehändler sogar zu den Gesellschaftern von Pair Finance gehört. Ende 2017 war Zalando bei dem Inkasso-Fintech eingestiegen (was damals als eine Art Ritterschlag galt); auch bei einer kleineren Finanzierungsrunde Mitte vergangenen Jahres zog das baldige Dax-Unternehmen mit. Ausweislich einem Handelsregister-Auszug hielt Zalando per Ende Juni 2020 knapp 15% der Anteile (auf Finleap übrigens entfielen 52%). Für wie viel Prozent der Umsatzerlöse Zalando und Klarna stehen, will CEO Stricker nicht verraten. Dass es sich aber bei beiden allein um eine siebenstellige Summe handelt – davon darf man sicherlich ausgehen. Weitere namhafte Kunden sind zum Beispiel Immoscout oder der Heidelberger Payment Service Provider Unzer.

5.) Wie hoch wird Pair Finance bewertet?

Aus der 2-Mio.-Euro-Runde im vergangenen Jahr ließ sich rein rechnerisch eine Taxierung von 60 Mio. Euro ableiten. Wie unter Fintech-CEOs üblich, betont auch Stricker, dass die eigentlich Bewertung aber höher liege. Er begründet das so: „Da es sich bei der Finanzierungsrunde um eine reine interne Working-Capital-Finanzierung handelte, spielte die Bewertung eine untergeordnete Rolle.“ Hinzu komme: „Pair Finance hat seit der damaligen Runde seinen wiederkehrenden monatlichen Umsatz verdreifacht.“

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