Analyse

Klein! Aber oho? So investiert die Deutsche Bank in Fintechs

5. März 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Ein paar Millionen Euro? Müsste die Deutschen Bank doch immer noch locker aus dem Ärmel schütteln. Tut sie aber nicht. Jedenfalls nicht, wenn es um Fintechs geht.

Der jüngste Fall: Qplix, ein Münchner Startup, das Wealth Manager mit einer neuartigen Analyse-Software versorgt. Wie Finanz-Szene.de vergangene Woche berichtete, hat sich die Deutsche Bank einen 18%igen Anteil an dem 2012 gegründeten Finech gesichert. Es klang nach einem 0-8-15-Deal. Irgendwas im siebenstelligen Bereich. Keine große Sache. Doch stattdessen: Ging dem Investment ein anderthalbjähriger (!) Prüfprozess voraus.

Nein, dass die Deutsche Bank bei ihren Fintech-Investitionen ein strammes Tempo vorlegen würde, das kann man nun wirklich nicht behaupten. Die BBVA? Pumpte schon vor Jahren hunderte Millionen Euro in Startups wie Holvi oder Simple. Die Commerzbank? Gründete nicht nur eine, sondern gleich zwei VC-Gesellschaften (nämlich den Main Incubator und Commerz Ventures), um die Fintech-Welt da draußen mit immer neuen Mini-Fundings zu beglücken. Die Deutsche Bank hingegen: Investierte bis 2016 gar nicht in Finanz-Startups. Und seitdem? Wenn man es positiv ausdrücken möchte, würde man sagen: mit Bedacht.

Die heimischen Fintech-Investment, die die Deutsche Bank vor Qplix tätigte, lassen sich an einer Hand abzählen. Als da wären:

  • Trustbills: Im Frühjahr 2017 sicherte sich die Deutsche Bank 12,5%* der Anteile an dem Hamburger Trade-Finance-Startup, das später pleiteging
  • Dwins: Bei dem Fintech hinter der Multibanking-App „Finanzguru“ beteiligte sich die Deutsche Bank im Herbst 2017 mit rund 25%, schoss vergangenes Jahr dann noch mal Geld hinterher
  • Vermietet.de: An dem Startup, das privaten Hauseigentümern eine automatisierte Alternative zur klassischen Hausverwaltung anbietet, beteiligte sich die Deutsche Bank im Frühjahr 2018
  • Hausgold: Bei dem Berliner Makler-Netzwerk investierte die Deutsche Bank Ende 2018 erstmals und legte ein Jahr später nochmal nach
  • Deposit Solutions: Im September 2019 stiegen die Frankfurter bei dem Hamburger Einlagen-Broker ein

Zwar unterlag jedes dieser Investments eigenen Bedingungen. Untersucht man allerdings die (inklusive Qplix) sechs Fälle, lassen sich schon auf den ersten Blick drei gemeinsame Muster erkennen:

  • Die Deutsche Bank versucht früh dran zu sein, was zumindest bei drei der sechs Startups gelang: Bei Dwins und Qplix waren die Frankfurter der erste externe Investor, bei Trustbills hinter der DZ Bank der zweite.
  • Die Deutsche Bank begnügt sich mit Minderheitsanteilen, die in allen Fällen irgendwo zwischen rund 5% (Deposit Solutions) und knapp 25% (Dwins) liegen bzw. lagen. Um Kontrolle geht es dem Geldaus also nicht.
  • Auch wenn die Summen nicht in allen Fällen veröffentlicht wurden, investiert die Deutsche Bank in der Regel eher kleines Geld. Bei Trustbills, Dwins, Qplix, Hausgold, Vermietet.de dürfte die Gesamtinvestition jeweils im unteren bis mittleren einstelligen Millionenbetrag liegen. Die Ausnahme bildet Deposit Solutions. Für den Einstieg bei dem Hamburger Vorzeige-Fintech machte die Großbank gut 20 Mio. Euro locker.

Auch wenn es sich bei Deposit Solutions also um einen Sonderfall handelt, ist gerade die Causa dennoch zentral für das Verständnis der Deutsche-Bank-Fintech-Strategie. Neben einem zweiten Hamburger Startup, nämlich der mittlerweile im Finleap-Imperium aufgegangenen Figo GmbH. Dazu muss man wissen: Auch wenn die Deutsche Bank erst spät in Fintechs zu investieren begann – auf dem Zettel hatte sie das Thema natürlich schon deutlich früher, speziell in der Retailsparte. So gehörte die „Deutsche“ zu den ersten europäischen Banken mit einer dezidierten Multibanking-Strategie. Dabei kooperierte schon vor Jahren eng mit besagter Figo, die als API-Spezialist die notwendige Schnittstellen-Technologie bereitstellte. Indes: Es blieb bei der Kooperation. Auf einen Einstieg verzichtete die Deutsche Bank. Stattdessen beteiligte sich später die Deutsche Börse bei Figo.

Wie die Commerzbank zum Fintech-Starinvestor avancierte

Ähnlich lag der Fall bei Deposit. Im April 2016 verkündete die Deutsche Bank ihre Digitalstrategie. Damals kam zum ersten Mal der Name Deposit Solutions ins Spiel. Der Einlagenvermittler war bis dahin vor allem für sein B2C-Portal „Zinspilot“ bekannt. Nun jedoch wurde verkündet, dass die Deutsche Bank auf Basis der Deposit-B2B-Technologie eine eigene Einlagen-Plattform starten würde. Auch hier blieb es allerdings bei der Kooperation – ohne Investment.

Innerhalb der Deutschen Bank hielt man es jedoch bald für ein Versäumnis, sich weder bei Figo noch bei Deposit Solutions beteiligt zu haben. Zumal bei dem Einlagen-Vermittler die Bewertung bald in die Höhe schoss. So verkündete Deposit Solutions Mitte 2018 eine Finanzierungsrunde über 100 Mio. Dollar (ganz so viel war es übrigens doch nicht, wie Finanz-Szene.de später aufdeckte) zu einer Bewertung von 500 Mio. Dollar. Wäre die Deutsche Bank schon im Frühjahr 2016 (also zu Beginn der Kooperation) bei Deposit eingestiegen, hätte sich der Wert ihres Anteils mutmaßlich vervielfacht.

Zwei weitere Argument, die für direkte Beteiligungen sprachen, kamen hinzu:

  1. Die Deutsche Bank, so jedenfalls heißt es in der Branche, prüfe Fintechs, mit denen sie kooperieren will, extrem genau. „Das ist im Grunde eine Due Diligence“, sagt ein Insider. Warum sollte die Bank den Wissensvorsprung, den sie dadurch gegenüber anderen Marktteilnehmern hat, nicht auch für Investments nutzen?
  2. In der Deutschen Bank geht man – plausiblerweise – davon aus, dass ein Fintech durch die Partnerschaft mit der Deutschen Bank bereits automatisch an Wert gewinnt. Schließlich sind solche Kooperationen für das entsprechende Startup ja durchaus ein Gütesiegel (auch wenn es Startup-Menschen gibt, die es als cooler und womöglich sogar sinnvoller empfinden, nur VCs im Cap Table zu haben). Warum soll die Deutsche Bank von dem Wertzuwachs, den sie qua Renommee selbst herbeiführt, nicht gleich auch selbst profitieren?

Bei Deposit Solutions stieg die Deutsche Bank im Herbst 2019 dann doch ein. Allerdings nur noch als ein Investor unter vielen – und zu nicht mehr wirklich günstigen Bedingungen. Bei anderen Fintechs allerdings hatte sie zu diesem Zeitpunkt aus dem Deposit-Fehler gelernt. Das Musterbeispiel: Dwins. Im Oktober 2016 hatten die „Finanzguru“-Macher einen von der Deutschen Bank ausgerichteten Hackathon gewonnen. Ein Jahr später gab das Frankfurter Geldhaus seinen Einstieg bei Dwins bekannt.

Hier schält sich nun (neben, siehe oben: „Früh dran sein“, „Nicht mehr als 25%“ und „Nicht zu viel Geld in die Hand nehmen“) das vierte Muster der Deutsche-Bank-Fintech-Strategie heraus:

  • Die Frankfurter kennen die Startups, in die sie investieren, normalerweise sehr genau (oder haben zumindest den Anspruch)

Woran sich dann gleich das fünfte sowie das sechste und letzte Muster anschließen:

  • Die Deutsche Bank investiert vor allem in solche Fintechs, mit denen sie auch inhaltlich kooperiert bzw. wo eine solche Kooperation zumindest für die Zukunft sinnig erscheint
  • Dabei nimmt sie vor allem solche Fintechs in den Blick, die ein Tool anbieten, das einen Mehrwert für eine relevante Gruppe von Deutsche-Bank-Kunden verspricht

Das gilt wie beschrieben für Deposit Solutions (höhere Zinsen für Deutsche-Bank-Retailkunden). Es galt in der Theorie auch für Trustbills (eine zusätzliche Finanzierungsoption für KMU-Kunden). Es gilt für Vermietet.de (Service-Leistungen für die Hausbesitzer unter den Deutsche-Bank-Kunden). Und es könnte in Zukunft auch für Dwins gelten. Jedenfalls ist theoretisch denkbar, dass die Deutsche Bank die „Vertragsmanager“-Komponente der Finanzguru-App irgendwann auch mal ihren eigenen Retailkunden zur Verfügung stellt.

Womit wir nun wieder bei dem jüngsten Deutsche-Bank-Investment wären. Also bei Qplix, dem Fintech mit der Analyse-Software für Wealth Manager.

Qplix fliegt seit Jahren unter – auch unserem – Radar, wuchs allerdings in dieser Zeit zu einem Startup von (jedenfalls für B2B-Verhältnisse) respektabler Größe heran. So beschäftigen die Münchner aktuell rund 40 Mitarbeiter. Das Geschäftsmodell beruht auf einer „Software as a Service“-Anwendung, kurz „SaaS“. Dabei besteht der Service darin, dass sich Vermögensverwalter, Family Offices und sonstige Wealth-Manager an die Qplix-Plattform andocken können und gegen Gebühr umfangreiche Analysen zu ihren Kundenportfolien erhalten. Das Tool ist entfernt vergleichbar mit einem Personal Finance Manager. Halt nur für „Private Wealth“ statt „Retail“. Und auf B2B-Basis. Und natürlich komplexer. Der Fokus des Qplix-Tools liegt auf Controlling und Reporting.

Der Umsatz habe 2019 im „im einstelligen Millionenbereich“ gelegen, sagte Mitgründer Kai Linde dieser Tage im Gespräch mit Finanz-Szene.de. Direkt lässt sich diese Aussage nicht verifizieren. Indirekt aber schon. Denn: Der jüngste im Bundesanzeiger einsehbare Jahresabschluss bezieht sich auf das Geschäftsjahr 2018. Zu diesem Zeitpunkt lag der „nicht gedeckte Fehlbetrag“ (der – weil Qplix nie extern gefundet hat – quasi identisch mit dem Cashburn seit Gründung sein müsste) bei rund 1,6 Mio. Euro. Für ein Fintech mit auch damals schon mehr 31 Mitarbeitern ist das extrem wenig. Was im Umkehrschluss heißt, dass Qplix tatsächlich signifikante Umsätze erwirtschaften muss, anders wäre die Zahl nicht zu erklären.

Gedeckt wird der Fehlbetrag laut Abschluss durch ein Gesellschafter-Darlehen, dass per Ende 2018 einen Umfang von 2,1 Mio. Euro erreichte. Da die Gründer die einzigen Gesellschafter sind, haben sie ihre Firma also selber finanziert. Auch diese Konstruktion spricht dafür, dass das Deutsche-Bank-Investment vielleicht willkommen, aber sicherlich nicht zwingend nötig war. Da gibt’s Fintechs und Gründer mit ganz anderen Liquiditätssorgen. Heißt: Wenn nicht die finanzielle Komponente im Mittelpunkt des Deals stand – was dann?

Die Antwort auf diese Frage lautet „Private Port“. Dabei handelt es sich um einen Deutsche-Bank-B2B-Service, der interessanterweise eine Menge mit dem „SaaS“-Service von Qplix gemein hat. Auch der „Private Port“ wendet sich in erster Linie an Vermögensverwalter. Und auch der „Private Port“ gibt „bankenübergreifendes Vermögenscontrolling und -reporting“ als wichtigste Funktionalitäten an. Allerdings gibt es auch zwei entscheidende Unterschiede: 1.) Der Deutsche-Bank-Service ist deutlich älter als das Qplix-Tool. Er ist deswegen aber auch 2.) ein bisschen in die Jahre gekommen. Oder wie es der für das Angebot zuständige Deutsche-Bank-Manager Stephan Niemand ausdrückt: „Wir haben die Technologie, die ‚Private Port‘ zugrunde liegt, in den vergangenen 20 Jahren stetig weiterentwickelt. Dabei wurden zum Beispiel regulatorische Anforderungen implementiert.“ Zuletzt sei der Lebenszyklus der Software allerdings an sein Ende gekommen.

Vor zwei Jahren stellte sich die Deutsche Bank daher die Frage, ob sie eine komplett neue Technologie für den „Private Port“ entwickelt – oder ob sie sich hierfür einen Software-Partner sucht. Man entschied sich für Letzteres. Und es begann (mit einer quasi ganz normalen Ausschreibung) jener anderthalbjährige Prozess, der schließlich im Investment bei Qplix mündete.

Die Beteiligung war allerdings (auch) in diesem Fall nur ein Nebenprodukt. Im Mittelpunkt des Deutsche-Bank-Qplix-Deals steht, dass die Deutsche Bank in ihrem Servicegeschäft für Vermögensverwalter jetzt auf die „SaaS“-Anwendung des Münchner Fintechs setzt.


*In der ursprünglich Fassung des Artikeils hatten wir fälschlicherweise geschrieben, die Deutsche Bank habe 25% an Trustbills gehalten. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen

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