Exklusiv

Milliarden-Fintech N26 verliert Tag für Tag fast 3000 (!) Kunden

24. Januar 2020

Von Heinz-Roger Dohms

N26 verliert (wenn die Angaben stimmen, die das Unternehmen macht) verblüffenderweise Tag für Tag rund 3.000 Kunden – was sich wie folgt errechnen lässt:

Gestern hat das Berliner Fintech (wie von uns jüngst propehezeit) mitgeteilt, endlich bei „mehr als 5 Mio. Kunden“ angelangt zu sein. Was man dazu wissen muss: Vor gut einem Jahr, nämlich am 10. Januar 2019, war von „mehr als 2,3 Mio. Kunden“ die Rede. Damit hat N26 in 378 Tagen ziemlich genau 2,7 Mio. Kunden gewonnen – was gut 7.100 pro Tag entspricht.

Das ist nun merklich weniger als die täglich 10.000 neuen Kunden, von denen CEO Valentin Stalf immer redet. Den (vermeintlichen) Widerspruch erklärte ein Sprecher gestern auf mehrmalige Nachfrage damit, dass die 10.000 ein Bruttowert seien. Anders gesagt: Wenn das so stimmt, dann verschwinden Tag für Tag im Schnitt knapp 3000 Kunden aus der N26-Datei. Huch.

Die Gründe? Naja, N26 hat unseren Mutmaßungen zufolge sehr, sehr viele inaktive Kunden. Vermutlich sortiert die Neobank zumindest einen Teil davon auch ab und zu mal aus. Und vermutlich lösen nicht wenige Kunden ihre Konten auch von sich aus auf. Nun lässt N26 zwar seine Definition von „Kunde“ im Vagen. Das Tempo von 3-000 Brutto-Verlusten täglich ist dennoch enorm hoch.

Zum Vergleich: Die deutsche ING verlor 2018 im Schnitt pro Tag brutto nur knapp 1.000 Kunden, obwohl die Oranje-Bank eine weitaus größere Kundenbasis besitzt (Herleitung hier). Hinzu kommt, dass bei der ING zahlreiche Kundenbeziehungen quasi automatisch enden – etwa, wenn ein Ratenkredit oder eine Hausfinanzierung ausläuft. Bei der DKB mit einer Retail-Kundenzahl in ähnlicher Größenordnung wie N26 (Ende 2018: 4,1 Mio. Kunden) betrug der Brutto-Verlust 2018 rechnerisch gut 200 Kunden pro Tag. Das ist auch ungefähr das Tempo, in dem bei der Haspa 2018 die Kunden brutto abgingen (Herleitung hier). Kurzum: N26 wächst zwar rasant, hat aber offenbar – wenn die Unternehmensangaben so stimmen – auch eine völlig irre Fluktuation.

Was sonst noch interessant ist an den gestern vermeldeten 5 Mio. Kunden: Unseren Berechnungen zufolge ist das Wachstumstempo in den vergangenen Monaten zurückgegangen. Schauen Sie mal hier:

  • Neben den 2,3 Mio. von vor einem Jahr und den 5 Mio. von gestern gibt es einen weiteren offiziellen Datenpunkt, nämlich 3,5 Mio. Kunden, die es nach eigenen Angaben am 13. Juni 2019 waren. Zwischen dem Januar-Wert letzten Jahres und dem Juni-Wert letzten Jahres lagen 154 Tage, was ein Netto-Wachstum von durchschnittlich noch 7.800 Kunden pro Tag ergab (Rechenweg: 1,2 Mio. Netto-Neukunden durch die 154 Tage, die es brauchte, um diese Kunden zu gewinnen).
  • Nimmt man nun jedoch den Juni-Wert 2019 und den Januar-Wert 2020, dann lagen dazwischen 224 Kalendertage, in denen N26 nach eigenen Angaben netto 1,5 Mio. Kunden hinzugewonnen hat. Macht durchschnittlich nur noch rund 6.700 Kunden pro Tag, also etwa 1000 weniger als noch in der ersten Jahreshälfte 2019 im täglichen Mittel.

Aus unserer Sicht ist die Diagnosen eines leichten Wachstumsknicks ziemlich eindeutig. Aus Berlin heißt es jedoch, unsere Deutung sei falsch. Stattdessen wird auf saisonale Schwankungen verwiesen.

Einen Streit werden wir hierüber freilich nicht vom Zaun brechen. Denn: Entscheidend sind unserer Ansicht nach eh nicht die kommunizierten Zahlen – sondern mit wie vielen Kunden N26 wirklich Geld verdient. Und diesem Thema hatten wir uns ja jüngst erst ausführlich gewidmet:

Unsere Thesen zu N26: Nur 1,5 Mio. Kunden. Aber 100 Mio. Ertrag

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