Exklusiv

N26 hat bald 5 Mio Kunden. Doch stimmt das Wachstumstempo?

3. Dezember 2019

Von Heinz-Roger Dohms

Egal ob Fundings, Bewertungen oder Kunden – in der Startup-Welt werden Zahlen gern mal gnadenlos aufgehübscht. Jüngstes Beispiel: das britische Hype-Fintech Curve, von dem man seit vergangener Woche nicht mehr weiß, ob es wirklich 500.000 Nutzer hat. Oder nur 72.000.

Freilich gibt es Ausnahmen. Womit wir bei N26 wären, dem bescheidenen Finanz-Startup aus deutschen Landen. Seit Monaten schon merkt die Berliner Smartphone-Bank auf ihrer Homepage, bei Twitter und anderswo treuherzig an, sie habe (Zitat) „mehr als 3,5 Mio. Kunden“. Was streng genommen zwar keine Lüge ist – aber auch nicht die ganze Wahrheit. Denn längst hat N26 mehr als 4 Mio. Kunden. Und auch schon mehr als 4,5 Mio. Kunden. Ja, nach Finanz-Szene.de sind es sogar schon fast 5 Mio.!

Alles in bester Ordnung also? Wachstumskurve intakt, Jubelmeldung folgt?

Mmmmhhhh, was sagt der Taschenrechner?

Am 13. Juni verkündete das höchstbewertete deutsche Fintech in seinem Blog, es habe die 3,5-Mio.-Kunden-Marke geknackt. Das „Handelsblatt“ setzte am nächsten Tag noch eins drauf und lieferte nicht nur die Kundenzahlen, sondern auch die Zahlen zum Kundenwachstum. Und die lasen sich geradezu imposant:

„Trotz allem steigt die Zahl der Kunden rasant an. Wie das Unternehmen am Donnerstag bekannt gab, zählt die Bank jetzt 3,5 Millionen Kunden – eine Million Nutzer mehr als noch vor drei Monaten. Das Wachstum hat sich damit nochmals deutlich beschleunigt. Zuvor hatte N26 fünf Monate gebraucht, um eine Million Kunden zu gewinnen, und davor waren es noch 16 Monate.“

Seither sind fast sechs Monate vergangen. Wenn die Angaben zum Kundenwachstum damals korrekt waren (also, dass N26 inzwischen im Schnitt 333.000 zusätzliche Kunden pro Monat gewinnt), dann hätte die 5-Mio.-Marke bereits Anfang November fallen müssen. Hat sich das Wachstumstempo etwa verlangsamt?

Unseren Berechnungen zufolgen sind die Dinge komplexer. Denn: Die Angaben zum Kundenwachstum im Juni waren vermutlich nicht korrekt.

Holen wir ganz kurz aus: Finanz-Szene.de hat sich dem Kundenwachstum von N26 schon immer sehr liebevoll gewidmet, zum Beispiel Anfang Oktober 2018 („N26 gewinnt – nach eigener Aussage – in nur vier Monaten eine halbe Million neu Kunden“) und Mitte Januar 2019 („Kann es wirklich sein, dass N26 schon 2,3 Mio. Kunden hat?„).

Verknüpft man die damaligen Analysen (die beide auf offiziellen Angaben von N26 beruhten) mit dem N26-Blogeintrag vom 13. Juni, dann ergibt sich seit Sommer 2017 etwa das folgende durchschnittliche Kundenwachstum (netto):

  • 08/17 bis 06/18: 50.000 pro Monat
  • 06/18 bis 10/18: 120.000 pro Monat
  • 10/18 bis 01/19: 250.000 pro Monat
  • 01/19 bis 06/19: 250.000 pro Monat

Heißt: Die Angabe, das Wachstum von N26 habe sich im Frühjahr „nochmals deutlich beschleunigt“, ist nicht wirklich plausibel. Sondern: Das Wachstum war schon im vergangenen Herbst/Winter sehr hoch. Dabei aber blieb es dann auch. Für die Million von der 2,5-Mio.-Marke bis zur 3,5-Mio.-Marke dürfte N26, anders als im Juni vom „Handelsblatt“ ventiliert, keine drei Monate gebraucht haben. Sondern ziemlich genau vier.

Wie sich das Kundenwachstum seitdem entwickelt hat? Zuletzt gab es ganz zarte Hinweise, dass N26 in den USA ganz ordentlich gestartet sein könnte (hier die entsprechende Analyse von Financefwd),  sich in UK gegen die Konkurrenz von Monzo und Revolut aber eher schwertut (hier die entsprechende Analyse von Sifted). Wo’s hingegen zweifelsohne läuft, das ist in Frankreich. Dort haben wir die Berliner seit kurzem mehr als 1 Mio. Kunden (was ein Wahnsinn ist).

Gleichwohl, das Wording der Verantwortlichen ist in den letzten Monaten nicht offensiver, sondern defensiver geworden – auch wenn das außer uns noch niemandem aufgefallen ist:

  • N26-Chef Valentin Stalf im Januar in einem Interview mit der „Welt“: „Derzeit gewinnen wir europaweit Tag für Tag mehr als 10.000 neue Kunden hinzu.“
  • Wiederum Stalf im Oktober in einem Interview mit dem Startup-Medium „Der Brutkasten“ auf die Frage, wie viele Neukunden seine Bank pro Tag verzeichne: „Das schwankt, aber es sind immer um die 10.000 Neukunden.“
  • Und gestern der Topmanager Georg Hauer gegenüber „Reuters“: „Wir wachsen täglich um bis zu 10.000 Kunden.“

Nun bestritt ein N26-Sprecher gestern Abend uns gegenüber, dass Hauer gegenüber „Reuters“ von „bis zu 10.000 Kunden“ gesprochen habe. Vielmehr habe es „mehr als 10.000“ heißen müssen (übrigens: hierbei scheint es sich um Bruttoangaben zu handeln). Dennoch wäre das Wachstumstempo dann nicht höher als vor einem Jahr. Obwohl inzwischen ja auch die USA (Markstart war im Juli),  Großbritannien (Kaltstart war im Herbst 2018, doch so richtig los ging’s erst in diesem Jahr) und die Schweiz (Markstart war im September) in die Kalkulation einfließen. Und zumal man sich ja immer vor Augen halten muss: Das erklärte Ziel lautet, „in den nächsten Jahren“ auf 50 bis 100 Mio. Kunden weltweit zu kommen.

Gleichwohl: Letzten Endes dürfte sich das Schicksal von N26 nicht an 5 Mio. Kunden mehr oder weniger entscheiden – sondern an der Frage, wie viel Geld die Bank mit den Kunden verdient.

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