N26 zielt mit neuem Kontomodell auf die ING-Diba-Klientel

24. November 2020

Von Christian Kirchner

Die Berliner Neobank N26 führt ein neues Kontomodell ein und zielt mit diesem offenbar auf die klassische Klientel großer Direkt- und Filialbanken. Das Angebot nennt sich „N26 Smart“ und kostet 4,90 Euro im Monat – also so ziemlich genau das, was auch etliche andere Banken und Sparkassen hierzulande für ihr „normales“ Konto aufrufen. Interessanterweise war N26 in diesem Preissegment bislang überhaupt nicht vertreten. Die Kunden konnten stattdessen zwischen einem komplett kostenlosen Standardkonto und zwei „You“ und „Metal genannten Premium-Varianten für 9,90 Euro bzw. 16,90 Euro im Monat wählen.

Das Milliarden-Fintech bettet die Einführung von „N26 Smart“ in eine – zumindest, was die Namen angeht – größere Umstrukturierung der Modellpalette ein. So soll aus dem bisherigen „You“-Konto künftig das „N26 International“-Konto werden; das „Metal“-Konto heißt in Zukunft „N26 Unlimited“. Am Preis der beiden Premium-Konten werde ich nichts ändern, ist bei N26 zu hören. Allerdings könnten sich einige Features ändern. Details hierzu sollen Anfang nächsten Jahres öffentlich werden.

Das neue „Smart“-Konto wird sich vom kostenlosen Standard-Konto vor allem durch den telefonischen Support unterscheiden – einen Service, wie er bei klassischen Direktbanken für alle Kunden üblich ist. Dazu muss man wissen: Vor zwei Jahren hatte N26 den Telefon-Support für das Standard-Konto eingestellt und diesen dem teuersten Metal-Konto vorbehalten. Stattdessen sollten sich die Kunden fortan nur noch über die Chat-Funktion an die Bank wenden. Offensichtlich sind die Berliner inzwischen zu der Einsicht gelangt, dass es eine große Gruppe von Kunden gibt, die zwar keine Filiale mehr brauchen –  aber Service-Angelegenheiten immer noch lieber telefonisch als in einem Chat erledigen.

Als neues Feature enthält das „Smart“-Konto eine „Aufrundmöglichkeit“. Das bedeutet: Dem Kunden wird die Möglichkeit eingeräumt, bei jeder Kartenzahlung den Differenzbetrag zur nächsthöheren runden Summe auf ein separates Unterkonto zu buchen. Ansonsten bekommt das „Smart“-Konto diverse Eigenschaften der bisherigen Bezahlkonten. Dazu gehören eine physische Mastercard Debit, bis zu zehn Unterkonten und sogenannte „Shared Spaces“ für die Bezahlung gemeinsamer Projekte über mehrere Nutzer hinweg. Was im Vergleich zum bisherigen „You“- und zum bisherigen „Metal“-Konto fehlt, das sind u.a. diverse im Kontopreis inbegriffene Versicherungsleistungen.

Auch wenn das kostenlose Standard-Konto erhalten bleibt, wirkt die Einführung des „Smart“-Kontos doch so, als wolle N26 perspektivisch gesehen den Kostenlos-Ansatz peu à peu hinter sich lassen. In den vergangenen Jahren hatte die Challenger-Bank ein beeindruckendes Kundenwachstum hingelegt, nicht nur hierzulande, sondern beispielsweise auch in Frankreich oder Österreich. Unklar allerdings ist, mit wie vielen der offiziell fünf Millionen Kunden die Berlinern tatsächlich Geld verdienen oder wenigstens Erträge generieren.

 

Finanz-Szene.de hatte die Zahl der lukrativen Kundenbeziehungen vor rund einem Jahr auf etwa anderthalb Millionen geschätzt. Dazu passt, was im kurz darauf veröffentlichen 2018er-Abschluss der N26-Gruppe zu lesen war – nämlich dass die Kundenzahl zum damaligen Zeitpunkt auf testierter Basis erst über „über einer Million“. Zwar ist nicht zu 100% klar, wie sich die widerstreitenden Zahlen erklären lassen. Fest dürfte allerdings stehen: N26 hat über die zurückliegenden Jahre viele Kunden angelockt, mit denen sich nicht wirklich wirtschaften lässt. Das 4,90-Euro-Konto könnte der Versuch sein, sich künftig stärker auf qualitatives Wachstum zu konzentrieren – auch wenn N26-General Manager Georg Hauer betont: „Wir erwirtschaften in Deutschland mit allen bestehenden Kontomodellen Deckungsbeiträge, auch mit dem kostenlosen Konto“.

Dass der Fokus der deutschen Retailbanken generell von der reinen Kundengewinnung stärker in Richtung Profitabilität und kalkulierbare Ertragsströme richtet, ist indes kaum zu übersehen.

  • Die ING hat dem Neukundenwachstum augenscheinliche abgeschworen, Gebühren für inaktive Kunden eingeführt und fokussiert sich darauf, die Kunden zu möglichst vielen für sie profitablen Geschäften zu animieren (siehe hier)
  • Auch die Commerzbank, die nun mit der Integration der Comdirect endgültig ein „Hybridmodell“ aus Filial- und Online-Konten fährt, will nicht länger Neukunden um jeden Preis (siehe hier)
  • Bei Sparkassen – und Genobanken boomen ebenfalls Modelle, die die Profitabilität der Kundenbeziehung in den Mittelpunkt rücken und in denen das Konto nur noch für solche Kunden kostenlos ist, die an anderer Stelle Erträge generieren (siehe hier)

Da es jedoch schwierig ist, einen einmal für kostenlose Leistung gewonnenen Kunden in kostenpflichtige Modelle zu überführen, will N26 wechselwillige Kunden offenbar lieber von Anfang an mit einem kostenpflichtigen Modell ködern. „Es liegt auf der Hand, dass wir manche neuen Features zuerst über unsere Premium-Modelle ausrollen“, heißt es dazu bei N26. Im Klartext: Beim aktuell wie künftig kostenlosen Konto dürfte, was den Leistungsumfang angeht, das Ende bereits erreicht sein.

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