Analyse

Neobroker-Boom: Wie stark sind die Rivalen von Trade Republic?

25. Januar 2021

Von Christian Kirchner

Dass wir es da draußen mit einem veritablen Boom (okay, vielleicht könnte man auch von „Hype“ sprechen …) zu tun haben, daran dürfte es keinen Zweifel geben. Aber was ist das für ein Boom? Ist es wirklich ein Neobroker-Boom? Oder nicht doch nur ein „Trade Republic“-Boom? Also in dem Sinne, dass der deutsche Markt in den zurückliegenden Jahren ja auch keinen Neobanken-Boom erlebt hat (weder kunden- noch anbieterseitig), sondern lediglich einen N26-Boom.

Jedenfalls, was ja schon mal ein erstes Indiz ist: dass man überhaupt betonen muss, dass es neben Trade Republic noch andere Fintech-Broker da draußen gibt. Und zwar, in alphabetischer Reihenfolge und in der Hoffnung, keinen vergessen zu haben: Gratisbroker, Justtrade, den Scalable Broker und Smartbroker.

Wie also stehen diese Wettbewerber im Vergleich zum Marktführer da? Sind es bloße Copy Cats und Late Adopters? Oder haben sie im Schatten von Trade Republic ihr eigenes Profil und ihre eigenen Stärken entwickelt? Um das wichtigste schon mal vorwegzunehmen: Bei der Zahl der Kunden ist Trade Republic tatsächlich himmelweit voraus. Aber – aber anderen Kennzahlen (vor allem: bei den Assets under Management) schält sich zumindest ein Rivale als erstaunlich kompetitiv heraus.

Die große Analyse:

Gratisbroker

Gestartet? Ende 2019

Hat wie viele Kunden (offiziell)? Hat dazu bislang keine Angaben gemacht – auch nicht aktuell auf Nachfrage von Finanz-Szene.de.

Hat wie viele Kunden (von Finanz-Szene.de geschätzt)? Deutlich weniger als 50.000. Dafür jedenfalls spricht die geringe Menge an Google-Suchanfragen (kein perfekter, aber ein guter Proxy, siehe summarische Grafik am Ende des Texts …) und der Umstand, dass der Gratisbroker keinen „Depotwechsel-Service“ anbietet, also offenbar auf eine Klientel setzt, die bislang eher wenig Bezug zum Wertpapiergeschäft hat.

Im Angebot: Sehr selektive Auswahl: 4.000 Aktien, dazu 350 ETFs nur von DWS, Amundi und WisdomTree, dazu Direkthandel von 180.000 Derivaten von HSBC und HVB sowie 2.100 Fonds

Routet Order an diese Banken/Börsen: Nur an Gettex, den elektronischen Handelsplatz der Börse München. Hinzu kommt der Direkthandel mit Emittenten.

Desktop oder App? Nur Desktop (sieht man von der laut Apple Store kaum genutzten Secure-App für Transaktionsfreigaben ab)

Was fehlt im Angebot? Eine App

Finanz-Szene.de Einschätzung: Gratisbroker hat das am stärksten limitierte Angebot aller Neobroker, verlangt zudem – für manche junge Kundengruppen bereits prohibitive – Mindest-Ordergrößen von 500 Euro. Allem Anschein nach zielt der Gratisbroker auf eine spezielle Nischenklientel. Dafür spricht auch die jüngste Ankündigung (auf unsere Nachfrage hin), von Januar an bereits profitabel zu arbeiten.


Justtrade

Gestartet? Oktober 2019

Hat wie viele Kunden (offiziell)? Auf unsere Anfrage hieß es: „Kein Kommentar.“

Hat wie viele Kunden (von Finanz-Szene.de geschätzt)? Ende August gaben die Justtrade-Gründer in einem Interview mit „Biallo.de“ an, von dem zum Start ausgegebenen Ziel von 40.000 bis 50.000 Kunden sei man noch „deutlich“ entfernt. Wenig deutet darauf hin, dass die Lücke (wie groß sie auch immer gewesen sein mag) bereits geschlossen wurde. Auffällig: Für die „Justtrade“-App gibt es im Apple App-Store erst 58 und im Google-Store lediglich 81 Rezensionen. Das ist wenig.

Im Angebot: 7.300 Aktien, über 1.000 ETFs, 500.000 Zertifikate (im Direkthandel mit vier Emittenten) und 5 Kryptowerte.

Routet Order an diese Banken/Börsen: Nur Lang & Schwarz Exchange und Quotrix. Bankpartner ist die Sutorbank.

Desktop oder App? Beides.

Was fehlt im Angebot? ETF-Sparpläne

Finanz-Szene.de Einschätzung: Kann es sein, dass Justtrade zwar nicht so wahnsinnig viele Kunden gewinnt – diese aber sehr aktiv sind? Darauf zumindest deutet eine weitere Aussage in dem oben bereits zitierten Interview hin: Aus Basis des tatsächlichen Aktivitätsgrads der Kunden, so die beiden Gründer im August, werde man nur 10.000 bis 20.000 Kunden, um „profitabel“ zu arbeiten. sein (übrigens, auch wenn’s banal ist: Dass es im August noch keine 10.000 bis 20.000 Kunden waren, dürfte ein weiterer Hinweis darauf sein, dass es aktuell noch keine 40.000 bis 50.000 sein werden …)


Scalable Broker

Gestartet? Juni 2020

Hat wie viele Kunden (offiziell)? Keine Angaben

Hat wie viele Kunden (von Finanz-Szene.de geschätzt)? Dem Vernehmen nach gewinnt Scalable Capital momentan, wenn man das angestammte Robo-Geschäft und den Broker-Bereich addiert, eine hohe dreistellige Zahl an Kunden täglich. Wenn man die zuletzt im Herbst genannte Gesamtkundenzahl (100.000) mit früheren Angaben vergleicht, als Scalable noch ein reiner Robo-Advisor war, dann sieht man, dass sich das Kundenwachstum der Münchner seit dem Start des hauseigenen Neobrokers sehr deutlich beschleunigt hat – die Mehrzahl der Neukunden also aus dem Broker-Geschäft kommen dürfte (dafür spricht auch, dass sich bei Scalable App-Store-Bewertungen zuletzt fast alles um das Brokerage-Angebot drehte). Ohne es jetzt zu kompliziert machen zu wollen: Der Scalable Broker hat nach unseren Schätzungen mehrere Zehntausend, aber noch nicht ganz 50.000 Kunden.

Im Angebot: 4.000 Aktien, 1.300 ETFs (alle sparplanfähig, teils kostenlos) in einem simples Preismodell bei klassischen Ordern: Entweder 0,99 pro Trade oder Flatrate-Modelle zu 2,99 oder 4,99 Euro, dazu Depotwechsel hin zu Scalable.

Routet Order an diese Banken/Börsen: Gettex und seit Dezember auch klassisch Xetra. Scalable agiert allerdings lediglich als Anlagevermittler. Das eigentliche Geschäft mit der Depotführung betreibt im Hintergrund die Baader Bank.

Desktop oder App? Beides.

Was fehlt im Angebot? Allenfalls eine noch breite Auswahl der Handelsplätze.

Finanz-Szene.de Einschätzung: Scalable hat einen soliden Start als „Vollanbieter“ (App/Desktop, Depotwechsel, außerbörslicher und Xetra-Handel) im Neo-Broker-Segment hingelegt. Spannend dürfte werden, ob die Münchner ihr erfolgreiches White-Labelling im Robo-Markt für Drittanbieter auch im Brokerage-Bereich zu etablieren versuchen werden. Mögliche Zielgruppe: (Neo-)Banken.


Smartbroker

Gestartet? Ende 2019

Hat wie viele Kunden (offiziell)? Nach eigenen Angaben 80.000 aktuell – von denen laut einer Mitteilung aus dem Dezember Mitteilung 50.000 auch (schon) „aktiv“ waren

Hat wie viele Kunden (von Finanz-Szene.de geschätzt)? Smartbroker kommuniziert seine Zahlen offen, daher keine Schätzung nötig.

Aggregiertes Depotvolumen: Per Mitte Dezember waren es der damaligen Mitteilung zufolge 2,0 Mrd. Euro (nämlich durchschnittlich 40.000 Euro für jeden der 50.000 „aktiven“ Kunden), aktuell sind es nach Unternehmensangaben 2,3 Mrd. Euro.

Im Angebot: Alle Wertpapiere dieser Welt, da Smartbroker keine exklusiven Handelsplatz-Partner hat wie andere Neobroker. Dazu 600 ETF-Sparpläne, davon 270 kostenlos.

Routet Order an diese Banken/Börsen: Alle deutsche Börsen, dazu Direkthandel über Lang & Schwarz, Tradegate, Quotrix, Gettex und Xetra.

Desktop oder App? Nur Desktop.

Was fehlt im Angebot? Eine App (wobei diese jetzt gebaut werden soll)

Finanz-Szene.de Einschätzung: Der Smartbroker umwirbt ganz offensichtlich die wertpapieraffine Klientel klassischer Onlinbroker wie ING Diba, Comdirect oder Flatex. Siehe …

  1. der angebotene Wechselservice für komplette Depots,
  2. der Verzicht auf ein mobiles Angebot (was vor allem bei älteren Anleger verfängt bzw. nicht „hinderlich“ ist für das Geschäft),
  3. der Umstand, dass die aktiven Kunden nach Unternehmensangaben zuletzt im Schnitt auf 40.000 Euro pro Depot gekommen sein sollen. Das liegt sogar über dem Median des Wertpapiervermögens aller Depots in Deutschland (also auch inklusive der Filialbanken) von 37.900 Euro und deutet auf eine schon länger wertpapieraffine Klientel hin, die ihr Vermögen zum Smartbroker verlagert haben.

Trade Republic

Gestartet? Oktober 2018

Hat wie viele Kunden (offiziell)? „Weit mehr als 150.000“ (September 2020)

Hat wie viele Kunden (von Finanz-Szene.de geschätzt)? Mitte Dezember stellten wir die These auf, dass Trade Republic schon bei um die 500.000 Kunden (Herleitung siehe hier) stehen dürften. Die „Börsen-Zeitung“ berichtete kürzlich mit Verweis auf „Marktschätzungen“ von nunmehr 600.000 Kunden. Aus einem  und einer Bewertung auf Basis der letzten Teilverkäufe des Minderheitsaktionärs Sino von rund 630 Mio. Euro.

Aggregiertes Depotvolumen: Per Mittel April letzten Jahres kam Trade Republic bei damals „über 150.000 Kunden“ auf Assets under Management in Höhe von knapp 1 Mrd. Euro – also auf rund 6.000 Euro pro Kunde (und demnach signifikant weniger war als die 40.000 Euro pro „aktivem“ Kunden, von denen der Smartbroker jüngst sprach). Rechnet man die 6.000 Euro auf die laut „BÖZ“ mittlerweile 600.000 Kunden, dann wären es zuletzt also etwa 3,6 Mrd. Euro gewesen – wobei dies nur eine sehr grobe Näherung ist, da nicht bekannt ist, wie die Struktur der Neukunden seit dem „Corona-Trading-Boom“ ab März ist.

Im Angebot: 7.500 Aktien & ETFs, 1.300 Sparpläne, 40.000 Derivate.

Routet Order an diese Banken/Börsen: Lang & Schwarz-Exchange (LS Exchange); Fallback-System bei Tradegate

Desktop oder App? Nur App

Was fehlt im Angebot? Eine Alternative zum Handelsplatz-Zwang LS Exchange

Finanz-Szene.de Einschätzung: Trade Republic dürfte im Reich der Neo-Broker aktuell nach unseren sehr, sehr groben Schätzungen rund 80 Prozent der Depot-Neueröffnungen abschöpfen. Trade Republic hätte demnach seit dem Frühjahr rund 350.000 Kunden hinzu gewonnen, der Smartbroker seit dem Start vor einem Jahr 70.000 (diese Zahl ist „offiziell“), die übrigen Akteure Justtrade, Gratisbroker und der Scalable Broker allesamt indes vermutlich jeweils maximal 50.000. Diese Theorie stützt auch die simple Metrik der „Google Trends“, also der indizierten Suchanfragen nach dem entsprechenden Unternehmensnahmen (siehe Grafik weiter unten).

Allerdings: Wenn die von den Unternehmen gemachten Angaben korrekt sind, dann dürfte bei den Assets under Management der Abstand zwischen Trade Republic und dem Smartbroker sehr, sehr viel geringer als bei den Kundenzahlen. Ein Umstand, der mit Blick auf die künftige Entwicklung nicht unterschätzt werden sollte. Und die Frage aufwirft: Wie viele der angeblich 600.000 Trade-Republic-Kunden sind wirklich gute Kunden (zur Definition eines Kunden bei „Trade Republic“ siehe auch unser Stück „60 Millionen?! So viele Kunden haben unsere Fintechs wirklich“ neulich?

Quelle: Google Trends

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