Exklusiv

Revolte bei Sino. Und die Frage: Geht’s auch um Trade Republic?

20. April 2021

Von Christian Kirchner

Eigentlich müsste an diesem Freitag das friedlichste Aktionärstreffen des Jahres anstehen. Eingeladen zur digitalen HV hat die Sino AG, eine Düsseldorfer Wertpapierhandelsbank, deren Aktienkurs sich seit März 2020 mal eben verzehnfacht (!) hat, von 4,60 Euro auf mehr als 50 Euro. Doch statt auf Lob und Huldigung stehen die Zeichen auf Revolte! Aktionär wollen dem Mann, dem der sagenhafte Wertzuwachs zu verdanken ist – nämlich Vorstandschef Ingo Hillen – einen komplett neuen Aufsichtsrat vor die Nase setzen.

Was das Ganze so spannend macht: Hillen ist nicht nur bekannt als CEO von Sino. Sondern amtierte bis vor wenigen Monaten parallel als Geschäftsführer von Trade Republic, dem gehypten Berliner Neobroker, der bald zum nächsten deutschen Fintech-Unicorn aufsteigen könnte.

Tatsächlich ist Sino immer noch signifikant an Trade Republic beteiligt. Daher fällt auf, dass die Aktionärsrebellen als neue Aufsichtsrätin u.a. eine hochrangige Mitarbeiterin von HSBC Deutschland ins Spiel bringen. Wozu man wissen muss: HSBC ist nicht nur 24,9%-ige Anteilseignerin bei Sino – sondern auch die Abwicklungsbank von Trade Republic. Ebenfalls auffällig: Als weiterer Kontrolleur ist ein Manager vorgesehen, der sich selbst bei Linkedin als Investor der VC-Firma „Project A“ bezeichnet – die wiederum zu den wichtigsten Trade-Republic-Gesellschaftern gehört. Bloßer Zufall, heißt es bei „Project A“.

Geht es also wirklich nur um Sino? Oder nicht doch auch um Trade Republic?

Eine Aufdröselung:

Der Geniestreich eines Nischenakteurs

Wer den aktuellen Aufruhr verstehen will, muss ein paar Jahre zurückblicken und die Verbindung zwischen Sino und Trade Republic kennen.

  • 2004 geht die Sino AG an die Börse. Die Firma ist auf „Heavy Trader“ spezialisiert und führt viele Jahre lang eine Existenz in der Nische mit eher schrumpfendem Kerngeschäft.
  • 2017 ändert sich alles. Die Sino AG beteiligt sich im August jenes Jahres mit 67% (!) am Vorläufer dessen, was heute Trade Republic ist. Sie gehört damit zu den Gründungsinvestoren des Neobrokers, dessen App Anfang 2019 an den Start geht.
  • 2020 erlebt der Wertpapierhandel einen enormen Boom. Trade Republic rückt in den Fokus von Investoren und Öffentlichkeit. Parallel beginnt die Kursexplosion bei den Aktien der Sino AG.

Der naheliegende Grund für den Wertzuwachs bei der Sino AG: Mit dem Handelsboom steigt der Wert von Trade Republic, der aktuell heißesten Adresse im deutschen Neobroker-Markt (siehe auch hier). Wer es sich nicht leisten kann (oder will), dort direkt als Investor einzusteigen, kann indirekt von dieser Entwicklung profitieren, indem er beim Anteilseigner Sino AG einsteigt. Dessen Aktien werden im schwach regulierten Freiverkehr gehandelt.

Zwar hat die Sino AG über die Zeit bereits Teile ihrer Aktien an Trade Republic veräußert. Damit erzielte die Gesellschaft nach eigener Rechnung Erlöse von 21 Mio. Euro – eine stattliche Summe, wenn man bedenkt, dass die Gesamtinvestition nach eigener Rechnung von Sino ursprünglich gerade einmal rund 3 Mio. Euro betragen hat. Aktuell hält die Sino AG aber noch immer 13,7% an Trade Republic (bzw. 7,1%, doch dazu später mehr).

So eine Entwicklung weckt Begehrlichkeiten. Und womöglich auch Sorgen darüber, wie gut es um die Corporate Governance dieses großen Anteilseigners von Trade Republic bestellt ist.

Mehr Kontinuität – oder mehr Kontrolle?

Klar ist: Vorstandschef und Kopf des Unternehmens Sino AG ist seit 20 Jahren Ingo Hillen. Zwar wurde ihm im Juni des vergangenen Jahres ein gewisser Karsten Müller zur Seite gestellt. Doch man kennt sich: Müller ist Anwalt und ausweislich seines Profils auf LinkedIn 15 Jahre lang Syndikus der Firma gewesen. Zugleich fungierte er seit Dezember 2018 als Geschäftsführer von Trade Republic, ähnlich wie Hillen, der diese Rolle von 2018 bis 2020 innehatte. Kurzum: Die Sino AG ist Ingo Hillen und Ingo Hillen ist die Sino AG.

Womit wir beim Aufsichtsrat wären: Dieser besteht zur Zeit aus drei Herren: Marcus Krumbholz – der dem Gremium vorsitzt – und den einfachen Mitgliedern Stefan Middelhoff und Götz Röhr (Geschäftsführer der HSBC Transaction Services GmbH). Ihre Amtszeit läuft mit der anstehenden Hauptversammlung aus.  „Es sind daher drei Aufsichtsratsmandate neu zu besetzen. Die drei bisherigen Amtsinhaber sollen wiedergewählt werden“, heißt es in der Einladung zur Hauptversammlung unter Tagesordnungspunkt 6.

Manch ein Investor und Geschäftspartner hat da ganz offensichtlich andere Vorstellungen. Am 8. April ließ ein Rechtsanwalt namens Dr. Torben Illner der Sino AG einen Gegenantrag zukommen – in dem er drei völlig neue Aufsichtsräte zur Wahl vorschlägt. Als da wären: Rabea Bastges (siehe oben und siehe unten), Hans-Jürgen Even (siehe oben und siehe unten) sowie Bernd Gegenheimer.

Die Begründung für diesen Schritt läuft dem Sinn nach darauf hinaus, dass die bestehenden Aufsichtsräte der Gesellschaft zu nahe stünden: „Eine solche langjährige Verbundenheit hindert potentiell eine effektive und unabhängige Kontrolle des Vorstands durch den Aufsichtsrat“, heißt es.

Der aktuelle Aufsichtsrat (dem laut HV-Beschlussvorlage eine Erhöhung seiner Grundentschädigung um 50% winkt) reagierte wie zu erwarten. Er winkte ab, hält nichts von dem Ansinnen der Rebellen.

Die drei Gegenkandidaten? Schweigen

Nun könnte man das Ganze als Petitesse abtun. Doch bei den alternativen Kandidaten handelt es sich um Manager mit spannenden Profilen:

  • Rabea Bastges ist „Leiterin Strategie & Stabsleitung CEO“ bei HSBC Trinkhaus & Burkhardt AG – also jenem Finanzinstitut, das als Transaktionsbank sowohl der Sino AG als auch Trade Republic aufs engste verbunden ist und 24,9% an Sino hält.
  • Hans-Jürgen Even ist Multi-Investor und (siehe oben) ausweislich seines Linkedin-Profils unter anderem Investor bei „Project A“,
  • Bernd Gegenheimer war zehn Jahre Vorstandschef der ICF Kursmakler Bank, ehe er sich Anfang 2021 mit einer Gesellschaft namens „Umbrella Capital“ selbstständig machte.

Was ist da los? Anfragen lassen sowohl die drei Kandidaten als auch Antragsteller Illner unbeantwortet, HSBC Trinkaus wollte sich nicht äußern. Auch bei der Sino AG will dazu niemand etwas sagen.

Es kursieren zwei Erklärungsansätze für die Rebellion. Die erste lautet: Die Sino AG war gut ein Jahrzehnt lang ein Winz-Unternehmen mit einem schrumpfenden Kerngeschäft. Die 2019er Eckdaten: 5,8 Mio. Euro Bilanzsumme, je rund 5 Mio. Euro Kosten und Erlöse, 124.000 Euro Verlust, Marktkapitalisierung: unter 10 Mio. Euro. Mit der Trade-Republic-Investition ist der Firma allerdings ein Geniestreich gelungen, der den Börsenwert auf 112 Mio. Euro gesteigert hat. Da brauche es andere, bessere Führungsstrukturen – so steht es schließlich auch im Gegenantrag.

Die zweite Sichtweise: Die Sino AG ist eine Möglichkeit für Investoren, an Trade-Republic-Anteile zu kommen, indirekt – oder auch direkt, wenn man der Firma Trade-Republic-Anteile abkauft. Denn das ist weiter möglich: Auch im laufenden Jahr sollten „Anteilsverkäufe eine hohe Liquidität und gestärktes Eigenkapital“ schaffen, heißt im Bericht für das Geschäftsjahr 2019/20 (das zum 30.9.2020 endete). Dort wird die Beteiligung explizit „opportunistisch“ genannt.

633 Mio. Euro ist Trade Republic wert – und vielleicht mehr

Wie viele Anteile stehen noch für Verkäufe zur Verfügung? Formal gehörten der Sino AG zum Bilanzstichtag 30. September 2020 noch 20,9% an der Trade Republic AG. Nach Vollzug bereits vereinbarter Transaktionen sind es inzwischen nur noch 13,7%. Dieser Anteil dürfte in absehbarer Zeit weiter sinken. Der Grund: Dem Management von Trade Republic wurden in der Vergangenheit Aktienoptionen gewährt, die sich – wie es im Umfeld von Trade Republic schon vor Wochen hieß – mit Sicherheit materialisieren dürften. Dies würde den Pool an Aktien der Trade Republic vergrößern und damit den Anteil der Sino AG verwässern, auf voraussichtlich 7,1%.

Diesen 7,1% billigt der Sino-AG-Geschäftsbericht einen Wert von 45 Mio. Euro zu. So gerechnet, wäre das komplette Unternehmen Trade Republic 633 Mio. Euro wert. Manche Marktbeobachter taxieren das Berliner Fintech inzwischen allerdings auf 1 Mrd. Euro und mehr. Dann wäre das Sino-Paket noch deutlich mehr wert. Oder anders gesagt: Die Sino AG wäre in ihrem Kern sozusagen eine riesige Trade-Republic-Aktie (Zufall, dass der Sino-Kurs allein an den vergangenen fünf Handelstagen nochmals um fast 20% gestiegen ist?).

Wie weit diese Kalkulation realistisch oder zu konservativ ist, dürfte ein Thema auf der Hauptversammlung werden. Desgleichen das nächste Funding bei Trade Republic, das offenbar bald bevorsteht: Jedenfalls ist im Sino-AG-Geschäftsbericht mit Datum 6. März 2021 von „einer bereits angestoßenen und in Kürze zu erwartenden weiteren planmäßigen Kapitalerhöhung der Trade Republic“ die Rede. 

Die Abstimmung über eine Dividende von nicht weniger als 2,92 Euro je Aktie für das abgelaufene Geschäftsjahr 2019/2020? Die dürfte nur Formsache sein.

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