Scalable Capital bringt Neo-Broker an den Start

15. Juni 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Der größte deutsche Robo-Advisor Scalable Capital steigt in den Markt für nahezu kostenloses Wertpapier-Trading ein. Das geht aus einer Mitteilung hervor, die das Münchner Fintech am Montag verschickt hat. Das Pricing ist eine Kampfansage an den Berliner Neo-Broker Trade Republic sowie an etablierte Wettbewerber wie die Comdirect oder Flatex. So bietet das Preismodell „Free Broker“ ein kostenloses Depot; für jede Order werden 99 Cent berechnet (bei Trade Republic ist es momentan noch 1 Euro). Daneben gibt es eine Art „All cou can trade“ Modell für 4,99 Euro monatlich. Dieses „Prime Broker“ genannte Angebot beinhaltet der Mitteilung zufolge eine unbegrenzte Zahl an Trades und beliebig viele ebenfalls kostenlose Sparpläne. Bei jährlicher Abbuchung fallen auf den einzelnen Monat heruntergerechnet sogar nur 2,99 Euro an.

Konkret fungiert Scalable laut vorliegenden Dokumenten allerdings lediglich als Anlagevermittler. Das eigentliche Geschäft mit der Depotführung betreibt im Hintergrund die Baader Bank. Dass sich Scalable Capital in den zwar noch jungen, aber bereits hart umkämpften „Gratis-Brokerage“-Markt vorwagt, zeigt das Potenzial, das die Fintech-Branche dem neuen Modell beimisst. Der Ansatz stammt ursprünglich aus den USA, wo Marktführer Robinhood mit mittlerweile rund 8,3 Mrd. US-Dollar bewertet wird. Hierzulande machte Trade Republic (Launch: Anfang 2019, Gesamtfunding mittlerweile: >50 Mio. Euro) das Thema salonfähig, es folgten Anbieter wie Justtrade, Smartbroker oder Gratisbroker. Vergangene Woche gab zudem der niederländische Trading-Spezialit Bux bekannt, einen eigenen „Kostenlos-Broker“ in den deutschen Markt schicken zu wollen. Anfang dieses Jahres wollte der US-Pionier Robinhood eigentlich in UK und bald darauf auch in Deutschland an den Start gehen; dieser Launch verzögerte sich jedoch.

Wie das „Kostenlos-Brokerage“ funktioniert und wie die Anbieter mit diesem Geschäftsmodell trotzdem Geld verdienen wollen, hatte Finanz-Szene.de vor einem Jahr am Beispiel von Trade Republic aufgedröselt (das allerdings das Geschäft selbst als Bank betreibt). Kurz gesagt läuft der Ansatz meist darauf hinaus, dass die Anbieter in den meisten Fällen mit nur einem Handelsplatz kooperieren – und für die dort ausgeführten Trades eine Art Kickback erhalten. Bei Trade Republic ist dieser Handelspartner die „LS Exchange“ (sprich: Lang & Schwarz aus Düsseldorf), bei Scalable Capital ist es die elektronische Handelsplattform Gettex, die zur Börse München gehört. Mit anderen Worten: Mal eben ein paar Daimler-Aktien über Xetra kaufen, ist bei den wenigsten Gratis-Brokern möglich.

Dass Scalable Capital nicht schon früher ins Trading-Geschäft eingestiegen ist, begründete Gründer Erik Podzuweit gegenüber Finanz-Szene.de damit, dass man die Kräfte zunächst auf andere Felder haben konzentrieren wollen. Tatsächlich sind die ursprünglich als reiner B2C-Robo gestarten Münchner mittlerweile auch im B2B-Bereich durchaus erfolgreich unterwegs. So nutzt zum Beispiel die österreichische Raiffeisen-Gruppe die Whitelabel-Lösung von Scalable ebenso wie die spanische Santander-Tochter Openbank. Podzuweit bestreitet nicht, dass die Brokerage-Lösung auch dafür gedacht ist, den eigenen Whitelabel-Kunden in Zukunft eine noch breitere Produktpalette anbieten zu können. Im Mittelpunkt allerdings, so betont der Scalable-Chef, stehe zum Anfang das Endkundengeschäft. „Wir sind überzeugt, dass günstiges Retail-Brokerage hierzulande enormes Potenzial hat und dieser Markt gerade erst am Beginn seiner Entwicklung steht.“

Was auffällt: Während sich die meisten Geldanlage-Fintechs in den Anfangsjahren auf ein einziges Produkt konzentrierten, weiten die führenden Player ihre Angebotspalette sukzessive aus. So offeriert Scalable – gestartet als reiner digitaler Vermögensverwalter – seinen Kunden mittlerweile auch Zugang zu Tages- und Festgeldangeboten (und jetzt eben auch zu Aktien, ETFs und ETF-Sparplänen); der Berliner Konkurrent Liqid stellt neuerdings ebenfalls Sparpdoukte in sein virtuelles Schaufenster.

Umgekehrt setzte der Einlagenbroker Raisin („Weltsparen“) längst auf ein Robo-ähnliches Modell namens „Weltinvest“, während der Rivale Deposit Solutions („Zinspilot“) im Investmentbereich mit dem Berliner Robo-Advisor Quirion kooperiert. Branchenkenner gehen davon aus, dass sich dieser Trend in den nächsten Jahren fortsetzen wird – schließlich ist sinnig, die einmal (und oftmals teuer) gewonnenen Kunden auch zum Kauf weiterer Produkte zu bewegen. Wer weiß: Vielleicht kommt, sagen wir, Trade Republic ja demnächst mit einem Robo-Angebot um die Ecke.

Freilich: Die Fintechs – ursprünglich angetreten, um die Banken herauszufordern – machen sich mit dieser Strategie inzwischen auch untereinander Konkurrenz. Sogar die Gefahr der Selbst-Kannibalisierung besteht. So wägen viele digitalaffine Kunden auf der Suche nach langfristigen Anlagemöglichkeiten zwischen Robo-Advisor und einem (in der Regel noch günstigeren) ETF-Sparplan ab – Scalable Capital bietet jetzt beide Produkte an. „Wir sehen das nicht als Kannibalisierung sondern als Ergänzung unseres Angebots“, sagt Podzuweit indes. „Und noch wichtiger: Die Entwicklung findet ohnehin statt. Neo-Broker werden in ein paar Jahren ein selbstverständliches Angebot sein.“

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