Exklusiv

Scalable Capitals großer Coup mit der britischen Barclays-Bank

14. Juli 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Scalable Capital hat das bis dato mutmaßlich größte B2B-Mandat eines deutschen Fintechs überhaupt an Land gezogen. Nach Informationen von Finanz-Szene.de steht die Technologie des Münchner Robo Advisors hinter einer neuen digitalen Investment-Lösung, die die britische Großbank Barclays angeblich noch in dieser Woche offiziell vorstellen wird. Auf der Website des Geldinstituts wurden in den vergangenen Tagen bereits umfangreiche Informationen zu dem Produkt veröffentlicht. Demnach scheint es sich bei der „Plan & Invest“ genannten Lösung um ein Hybrid-Modell aus automatisiertem Robo-Tool und aktivem Asset-Management zu handeln.

Für Scalable Capital markiert der Deal mit Barclays den vorläufigen Höhepunkt einer öffentlicher bislang noch wenig wahrgenommenen Entwicklung: Gestartet 2014 als lupenreines B2C-Fintech haben sich die Münchner in den vergangenen 24 Monaten peu à peu zum Technologie-Lieferanten für namhafte europäische Großbanken gewandelt. Den Anfang machte die im Herbst 2018 verkündete Kooperation mit der spanischen Santander. Diese ließ die Robo-Lösung ihrer Online-Tochter Openbank auf Whitelabel-Basis von Scalable bauen. Anfang dieses Jahres folgte als nächster großer ausländischer Kunde die österreichische Raiffeisen-Gruppe. Darüber hinaus ist bekannt, dass im deutschen Markt die Targobank bei ihrem digitalen Investment-Angebot auf die Technologie des bayerischen Startups setzt.

Scalable-Gründer Erik Podzuweit, der sich zu dem Barclays-Coup gestern nicht äußern wollte, hatte den Anteil der B2B-Aktivitäten am gesamten Umsatz kürzlich gegenüber Finanz-Szene.de mit „bereits gut 40%“ beziffert. Definiere man die Erlöse, die aus der Kooperation mit der ING Deutschland rühren, ebenfalls als B2B-Geschäft, dann liege der Anteil sogar bei rund 70%, hatte Podzuweit erläutert. (Zum Hintergrund: Bei dem Gespräch mit Podzuweit Mitte Juni ging es eigentlich um den Start des neuen Scalable-Neobrokers. Auf die Frage, warum der Launch des Brokerage-Angebots nicht früher erfolgt sei, hatte Podzuweit geantwortet, man habe sich zunächst auf den Aufbau des Whitelabel-Robo-Geschäfts konzentrieren wollen. In diesem Zusammenhang fielen dann die nun erstmals von uns zitierten „gut 40%“ bzw. „rund 70%“).

Im Umkehrschluss bedeuten diese Zahlen freilich auch: Obwohl Scalable Capital im Endkundengeschäft so sichtbar ist wie – mit Ausnahme von N26 – kaum ein anderes deutsches Finanz-Startup, kommt selbst bei diesem Fintech der überwiegende Teil der Einnahmen mittlerweile aus Kooperationen mit Banken und anderen Partnern. Zu dieser Diagnose passt, dass man bei den Münchnern zuletzt nicht mehr wirklich das Gefühl hatte, sie würden das eigene B2C-Geschäft auf Biegen und Brechen pushen wollen.

So ist Scalable mit einem verwalteten Vermögen von gut 2 Mrd. Euro zwar weiterhin der mit Abstand größte Robo Advisor hierzulande. Um von 1 Mrd. Euro auf die besagten 2 Mrd. Euro zu kommen, hatte der Marktführer allerdings 19 Monate gebraucht (Mai 2018 bis Dezember 2019) – während zuvor die Verdopplung von 500 Mio. Euro auf 1 Mrd. Euro nur 6 Monate (November 2017 bis Mai 2018) in Anspruch genommen hatte. Drei weitere Indizien für die relative Zurückhaltung im B2C-Bereich:

  1. Das eigene Endkunden-Angebot in UK läuft aufrund der hohen Kunden-Akquise-Kosten seit langem nur noch auf Sparflamme
  2. Aus der Schweiz zog sich Scalable vergangenes Jahr unter Verweis auf regulatorische Hürden zurück
  3. Laut den jüngsten im Bundesanzeiger einsehbaren Abschlüssen verbrannte die Scalable Capital GmbH 2017 und 2018 zusammengerechnet lediglich rund 16 Mio. Euro; zum Vergleich: Das „B2C-All-in“-Fintech N26 kam im selben Zeitraum auf einen Cashburn von gut 105 Mio. Euro

Darüber hinaus drängt sich im Lichte des Barclays-Deals noch eine weitere Deutung auf – nämlich dass der großvolumige Einstieg des US-Giganten Blackrock bei Scalable Capital im Mitte 2017 schon damals eher eine B2B- als eine B2C-Stoßrichtung hatte. Ist letzten Endes Blackrock der Türöffner zu Banken wie Santander oder Barclays?

Jedenfalls: Wenn selbst der klare Marktführer so stark auf B2B setzt, darf das als klare Indiz gelten, in welche Richtung die Robo-Advisor-Branche insgesamt zieht. Investify beispielsweise lieferte jüngst eine Whitelabel-Lösung für das bekannte Finanzportal Biallo (ein Modell, das an den von Scalable gebauten „Oskar“-Robo der Finanzen.net-Gründer erinnert); Growney bezeichnet sich selber nicht mehr nur als „digitale Anlageberatung für Privatkunden“, sondern zusätzlich als „Technologie-Lieferant für das Wealth- und Asset Management“; Quirion schielt auf B2B-Kooperationen und hat seine Lösung immerhin schon mal beim Hamburger Einlagen-Broker Deposit Solutions platziert; und Player wie Elinvar, Fincite oder WeAdvise konzentrierten sich ohnehin immer schon auf B2B.

In der Regel wird der B2B-Robo bei solchen Modellen an den Umsätzen beteiligt – ein Ansatz, von dem man auch beim Deal zwischen Scalable und Barclays ausgehen darf. Wie groß das Potenzial dieser Kooperationen ist, zeigt eine einzige Zahl: Alleine im britischen Heimatmarkt kommt Barclays auf 24 Mio. Kunden; ein größeres B2B-Mandat dürfte es im globalen Robo-Advisor-Markt noch nie gegeben haben. Und: Auch die Gebühren sind durchaus üppig bemessen: Zwischen 1,39% und 1,59% ruft Barclays laut einer von der Website bereits herunterladbaren Kostenübersicht (siehe dieses PDF hier) beim Endkunden auf. Das ist deutlich mehr, als bei reinen Robo Advisorn üblich. Bei Scalable Capital freilich dürfte – sollte tatsächlich ein „Revenue Share“ ausgehandelt worden sein – hiervon ein eher geringer Teil übrig bleiben.

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing