Exklusiv

So viel Umsatz macht das Core-Banking-Fintech Mambu wirklich

Bezogen auf den deutschen Bankenmarkt ist ja immer von zwei zentralen IT-Dienstleistern die Rede. Nämlich von der Finanz Informatik für die Sparkassen. Und von der Atruvia für die Genossen. Wenn man so will, gibt es allerdings noch einen dritten. Nämlich Mambu für die Fintech-Banken.

Schließlich setzen praktisch alle hiesigen Challenger (N26, Solarisbank, Raisin Bank, C24 Bank) bei ihrer Kern-IT auf den Berliner Cloud-Banking-Spezialisten – wenn auch in stark unterschiedlichem Umfang und selbstverständlich lange nicht so allumfassend, wie das in den beiden Verbünden der Fall ist. Jedenfalls: Auch wenn Deutschland für Mambu nie ein Kernmarkt war, so trugen die hierzulande ergatterten Neobank-Mandate trotzdem dazu bei, die Saga vom heimlichen deutschen Fintech-Champion zu nähren. Und so verwunderte auch nicht, dass sich Mambu im Dezember 2021 nicht nur ein Funding über 235 Mio. Euro sicherte – sondern das auch noch zu einer gigantischen Bewertung von rund 5 Mrd. Euro.

Das „Handelsblatt“ schrieb damals unter Berufung auf interne Unterlagen, die Taxierung beruhe „auf einem prognostizierten Umsatz von 165 Mio. US-Dollar basierend auf Aufträgen für das Jahr 2022“. Was einerseits nicht unplausibel klang. Andererseits aber doch ambitioniert. Schließlich war Mambu im Jahr 2020 (siehe hier) gerade mal auf Erträge von rund 31 Mio. Euro gekommen. Und so stehen nun also seit mittlerweile 24 Monaten all diese sehr, sehr großen Zahlen im Raum.

Doch niemand weiß, wie die Lage wirklich ist.

Hier der Versuch, die Wissenslücke zumindest halbwegs zu füllen – und zwar anhand des 2021-Zahlenwerks der niederländischen Muttergesellschaft Mambu B.V., welcher im dortigen Handelsregister einsehbar ist. Bitte sehr:

––––––––

1.) Sind die Abschlüsse aus 2020 und 2021 vergleichbar?

Nur bedingt. Zum einen umfasst der Abschluss nur die Zeit ab Gründung der holländischen Holding, also den Zeitraum vom 25. Januar bis zum 31. Dezember 2021. Zum anderen bilanziert das Fintech neuerdings nicht mehr nach HGB, sondern nach dem internationalen Rechnungslegungs-Standard IFRS 2. Und das wird vor allem bei den Kosten noch einmal wichtig (siehe unten).

–––––––––––––––––––

2.) Wie sieht die 2021er-GuV* aus?

in Mio. Euro 2021
Revenue 54,6
Cost of sales -14
Gross profit 40,6
Sales & marketing expenses -12,3
General & admin. expenses -193,4
Operating loss -165,1
Net finance cost -0,8
Loss before tax -165,9
Income tax expense -1,9
Foreign currency transl. differences 0,3
Total comprehensive loss -167,5

Quelle: Abschluss der Mambu B.V.

–––

*Enthält den Zeitraum vom 25. Januar bis zum 31. Dezember

–––––––––––––––––––

3.) Wie haben sich Umsatz und Erträge entwickelt?

In den gut elf Monaten, die der Abschluss umfasst, erwirtschaftete Mambu Umsätze in Höhe von knapp 55 Mio. Euro und somit rund 75% mehr als 2020, als die (nach HGB bilanzierten) Umsatzerlöse bei 31 Mio. Euro lagen. Die Umsatzkosten („Cost of Sales“), zu denen es 2020 kein Pendant gibt, betrugen 14 Mio. Euro. So belief sich der Rohertrag („Gross profit“) 2021 auf 40,6 Mio. Euro, die Bruttomarge lag bei 74%. Wir gehen übrigens davon aus, dass in dem Abschluss die Umsätze der Holding-Töchter konsolidiert sind – ob es darüber hinaus noch Umsätze gibt, die der Abschluss nicht ausweist, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, da Mambu dies auf Anfrage nicht kommentieren oder erläutern wollte.

Der weit überwiegende Teil der Umsätze, nämlich rund 53 Mio. Euro, stammt dabei aus Lizenz- und Servicegebühren für Mambus cloud-basierte Kernbanken-Software. Laut Abschluss gingen die sogenannten „annualisiert wiederkehrenden Umsätze“ („Annualized recurring revenue“) im Vergleich zum Vorjahr um 80% nach oben.

Da nach IFRS auch künftige realisierbare Umsätze über 2021 hinaus angegeben werden, ist zumindest ein vager Rückschluss auf 2022 möglich: Per Ende 2021 bezifferte Mambu die „revenue expected to be recognized within one year“ auf 67,6 Mio. Euro. Für den Zeitraum „more than one year“ sind es 183,5 Mio. Euro. Diese Umsatzzahl korrespondiert in der Größenordnung grob mit den seinerzeit vom „HB“  aufgeführten 165 Mio. US-Dollar – wobei aus dem Abschluss nicht hervorgeht, wie weit hier in die Zukunft gerechnet wurde.

–––––––––––––––––––

4.) Wie ist die Kostenstruktur?

Schon im 2020er-Abschluss hatte Mambu mit 17,4 Mio. Euro auffällig hohe „Aufwendungen aus bezogenen Leistungen“ angegeben. Im 2021er-Abschluss nach IFRS werden die Kosten nun genauer aufgedröselt – der zweitgrößte Aufwandsblock (siehe Grafik) sind demnach 14 Mio. Euro „Hosting costs“, womit die Kosten der Infrastruktur für die cloud-basierten Systeme gemeint sein dürften.

Der bei weitem größte Kostenblock sind allerdings die „Employee benefits“, die mit satten 179 Mio. Euro (!!) immerhin 81 % der horrenden Gesamtkosten („Total cost“) von 220 Mio. Euro ausmachen.

–––––––––––––––––––

5.) Warum explodieren die Personalkosten?

2020 lag der nach HGB bilanzierte Personalaufwand der Mambu GmbH bei vergleichsweise beschaulichen 4,2 Mio. Euro für 43 Beschäftigte. In ihrem 2021er-Abschluss nach IFRS zählt die Mambu B.V. zwar bereits 728 Beschäftigte, die gestiegenen Kosten erklärt das aber nur zu einem Teil. Die folgende Tabelle zeigt, an welcher Stelle der Aufwand exponentiell steigt:

in Mio. Euro 2021
Wages & salaries 53
Termination benefits 1
Social security contributions 5
Pension contributions 1
Cash-settled share-based payments 106
Equity-settled share-based payments 11
Other 1

Quelle: Mambu B.V.

Demnach entfielen 117 Mio. Euro – also 65% der Personalkosten – auf sogenannte "Share-based payments". Zu denen heißt es im Lagebericht: "The adoption of the IFRS 2 policy created a cost of EUR 117.9 million." Ohne jetzt zu weit in die Untiefen der Rechnungslegung hinabzusteigen, ist nach unserem Verständnis hier folgendes passiert: Wie viele andere Fintechs hat auch Mambu in den vergangenen Jahren mit Vergütungsbestandteilen gearbeitet, die vom Unternehmenswert abhängig sind und die Mitarbeitern nach bestimmten Kriterien (etwa nach einer bestimmten Zeit im Unternehmen) als Anteile oder in anderer Form ausgezahlt werden – sodass Management und Beschäftigte zum Beispiel im Falle eines Exits profitieren würden.

Die IFRS-2-Richtlinie nun sieht vor, dass diese Vergütungsbestandteile als Personalaufwand über mehrere Jahre verteilt zu einem hypothetischen Marktpreis (der nach verschiedenen Bewertungsmodellen berechnet werden kann) bilanziert werden müssen. Und das auch, wenn die Kriterien für die Auszahlung bzw. ein sogenannter "Liquiditätsfall" (sprich Verkauf oder Börsengang) noch gar nicht eingetreten sind – und auch noch nicht hundertprozentig sicher ist, dass sie eintreten werden. Bei Mambu geht es überwiegend um die "Virtual Share Incentive Plans" (VSIP), welche hier unter "Cash" fallen – und die somit entsprechend als Verbindlichkeiten in die Bilanz gebucht werden. Es handelt sich also nicht um Zahlungen, die bereits an Mitarbeiter geflossen sind, sondern um solche, die in der Zukunft noch fließen könnten. 

–––––––––––––––––––

6.) Wie steht es um die Profitabilität?

Das EBIT beziffert der Abschluss am Ende auf minus 165,5 Mio. Euro und gibt als wesentliche Einflussfaktoren für das negative Ergebnis die Umstellung auf IFRS 2 ebenso wie "investments in sales and marketing activities" an.

Lässt man den absurd hohen Aufwand für die Anteilsprogramme mal kurz beiseite, fällt allerdings auf: Die durchschnittlichen Löhne und Gehälter plus Sozialabgaben sind pro Kopf leicht gesunken. Zahlte Mambu 2020 insgesamt 4,2 Mio. Euro für 43 Beschäftigte, also im Schnitt rund 98.000 Euro pro Mitarbeiter, waren es 2021 noch 81.000 Euro pro Person – worin sich andeuten könnte, dass auch hier schon etwas mehr auf die Kosten geachtet wurde (es kann durch die neue Rechnungslegung und den fehlenden Monat allerdings auch noch zig andere Gründe dafür geben).

–––––––––––––––––––

7.) Was finden Investoren an Mambu?

Die Zahlen sind auch deswegen interessant, weil sie genau den Zeitraum abdecken, in dem Mambu seine 2021er-Finanzierungsrunde über 235 Mio. Euro abschloss – und dabei mit einer Bewertung von 4,9 Mrd. Euro zum zweitwertvollsten hiesigen Fintech nach N26 aufstieg. Nun war Ende 2021 die Welt der Fintech-Investments bekanntermaßen noch eine andere, und ein "Operativer Verlust" von über 160 Mio. Euro fiel damals wahrscheinlich nicht so ins stark ins Gewicht wie die Wachstumsaussichten, die bei Mambu in die richtige Richtung deuteten:

  • Als Anbieter von Kernbanken-Systemen ist Mambu der reinste SaaS-Anbieter unter den größeren deutschen Fintechs: 97% der Umsätze waren wiederkehrende Umsätze aus dem Lizenzgeschäft.
  • Mambus "Net Revenue Retention" (damit ist der Mehrumsatz von Bestandskunden abzüglich des verlorenen Umsatzes gemeint) lag 2021 bei über 100%.
  • Das Geschäftsmodell ist internationalisierbar: Ende 2021 umfasste die Mambu-Holding elf Tochterunternehmen – neben der deutschen GmbH und einer ebenfalls in Holland ansässigen Technologie-Tochter hat das Unternehmen Dependancen in Rumänien, Litauen, Großbritannien, den USA, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Singapur, Schweiz, Brasilien und Australien. 56% des Umsatzes entfielen auf die EMEA-Region (also Europa, den Nahen Osten und Afrika).

–––––––––––––––––––

8.) Fazit und Ausblick

Ob es für Mambu unter dem neuen Profitabilitäts-Mantra so glatt weitergeht wie in den Anfangsjahren, ist fraglich. Denn auch wenn die Vergütungsprogramme die Bilanz bislang vornehmlich auf dem Papier verhageln – die Kosten bleiben hoch. Der "Operating Cashflow" war 2021 mit minus 42 Mio. Euro satt negativ. Zwar ist in den avisierten Umsätzen nochmal ein deutliches Wachstum absehbar – um die Kosten zu senken, müsste Mambu aber auch seine Incentive-Programme umstrukturieren, was sich im Abschluss auch andeutet. Dort heißt es:

"In October 2022 the Group started the conversion of VSIPs (cash-sett1ed virtual share-based arrangements) to equity-settled share-based arrangements. A small subset of VSIPs will be converted to cash-settled share-based arrangements under the ESOP plan. The Group aims to complete the conversion by the end of February 2023."

Es gibt auch andere vage Anzeichen dafür, dass auch Mambu sich auf die neue Zeit einstellt: Im Juni schieden die letzten Gründer aus der Geschäftsführung aus, das Fintech baute sein Management wiederholt um (siehe unseren Personalien-Ticker aus dem November) – und auch in der zweiten Führungsebene gab es einige Abgänge (darunter auch den des Vertriebschefs für die EMEA Region, Scott Wilson). Laut Linkedin-Statistik liegt die Beschäftigtenzahl per Anfang Dezember 20% unter dem Vorjahreswert, während die Zahl der Neueinstellungen drastisch zurückgegangen ist.

Rechtehinweis

Die Artikel von Finanz-Szene sind urheberrechtlich geschützt und nur für den jeweiligen Premium-Abonnenten persönlich bestimmt. Die Weitergabe – auch an Kollegen – ist nicht gestattet. Wie Sie Inhalte rechtssicher teilen können (z.B. via Pressespiegel), erfahren Sie hier.

Danke für Ihr Verständnis. Durch Ihr Abonnement sichern Sie ein Stück Journalismus!

To top