Tinkoff und Solarisbank wagen den Frontalangriff auf N26

8. Juni 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Erstmals überhaupt wagt eine große internationale Challenger-Bank den Frontalangriff auf N26 im deutschen Markt. Wie Finanz-Szene.de (vermutlich nicht als einziges Medium …) vorab erfahren hat, geht am heutigen Montag „Vivid Money“ live, eine ambitionierte und mit einer zweistelligen Millionensumme finanzierte neue Mobile-Bank, hinter der das russische Milliarden-Fintech Tinkoff steht. Dass „Vivid Money“ als explizite Attacke auf N26 konzipiert ist, lässt sich daraus ableiten, dass das Kernteam seinen Sitz in Berlin hat und sich der Launch vorerst auf den hiesigen Markt beschränkt. „Deutschland bietet riesiges Potenzial, nicht nur im Banking-, sondern auch und gerade im Investmentbereich“, sagte uns Gründer Artem Yamanow.

Die Ernsthaftigkeit des Projekts ergibt sich aus den Eckdaten. So hatte die an der London Stock Exchange (LSE) notierte Tinkoff-Bank im Februar in einem offiziellen LSE-Dokument mitgeteilt, zunächst „bis zu 25 Mio. Euro“ in ein neues, auf Westeuropa fokussiertes neues Fintech investieren zu wollen (von Deutschland war damals noch nicht die Rede). Als Initial-Funding ist eine solche Summe mehr als auskömmlich. In der Pressemitteilung zum Launch ist zudem von 130 Mitarbeitern die Rede, die „Vivid Money“ bereits beschäftige. Auch das klingt nach oberer Regalreihe. Zur groben Einordnung: Die Berliner KMU-Challenger-Bank Penta gab ihre Beschäftigtenzahl zum Zeitpunkt ihrer Serie-A-Finanzierung einst mit rund 40 an. Und die Check24-Bank, die im Oktober livegehen will, kommt momentan auf rund 80 Leute.

Anders als die britische Challenger-Bank Revolut – die auf dem deutschen Markt seit Jahren eher halbgar unterwegs ist, nämlich mit Passporting-Konstrukt, britischer IBAN und ohne vernünftige lokale Präsenz – geht Tinkoff bei seinem Deutschland-Projekt in die Vollen. Als Partner für die regulatorische Infrastruktur wurde das Berliner Whitelabel-Fintechs Solarisbank ausgewählt. Auf der Kartenseite kooperiert „Vivid Money“ mit Visa – wobei Visa sich schon vor längerer Zeit an der Solarisbank beteiligt hatte. Auch hier bildet sich eine klare Frontstellung heraus. Denn N26 setzt seit der Gründung ausschließlich auf Mastercard.

Die große Frage wird nun lauten: Wie will sich Tinkoff von N26 und anderen hiesigen Konkurrenten wie der ING Diba, der DKB oder der Comdirect abheben? Auf der Zahlungsverkehrsseite könnte dies schwierig werden. Schließlich bildet N26 die Bedürfnisse jener digitalaffinen Klientel, die auch „Vivid Money“ ansprechen will, dann doch weitestgehend ab (auch wenn es natürlich Nerds gibt, die einem erklären können, warum z.B. Bunq von den Features her 1000-mal besser sei als N26 – und auch wenn die „Vivid Money“-App, wie uns Yamanow im Zuge des Interviews vorführte, die ein oder andere Spezialfunktion hat, die N26 vermutlich nicht hat). Wie also dann?

Tatsächlich versteht sich „Vivid Money“ deutlicher stärker als die N26-App nicht nur als Banking-, sondern auch als Investment-Tool. Jedenfalls in der Theorie. So sollen die Kunden für Bestellungen bei Partner-Unternehmen wie Netflix, Lieferando oder Rewe-Online sogenannte Cashbacks erhalten (gedeckelt auf maximal 20 Euro im Monat) – die wiederum an die Wertentwicklung bestimmter Aktien geknüpft werden. „Wir möchten Menschen dazu ermutigen und befähigen, mehr aus ihrem Geld zu machen – etwa indem sie in den Wertpapierhandel einsteigen“, sagt Yamanow hierzu.

Das Problem allerdings ist: Zum Launch sind die eigentlichen Spar- und Investment-Features noch gar nicht einsatzfähig. Sie sollen der „Vivid Money“-App erst in einigen Monaten hinzugefügt werden. Der eigentliche Clou (nämlich ein Angebote in den deutschen Markt zu bringen, das die Brücke von N26 zu Fintech-Brokern wie Trade Republic schlägt) fällt damit vorerst aus. Da darüber hinaus auch Kreditangebote fehlen, ist „Vivid Money“ zunächst einmal nur eine (Yamanows Vorführung zufolge freilich sehr gut gemachte) Konto- und Bezahl-App. Ob das reichen wird, um im ersten Jahr bereits 100.000 Kunden zu gewinnen, wie es den Machern vorschwebt, bleibt abzuwarten.

Was gibt es sonst noch zu sagen gibt?

  • In der Standard-Variante ist das Angebot kostenlos, in der Premium-Ausführung kostet es 9,90 Euro monatlich
  • Jeder Kunde erhält eine Visa-Debit-Karte, auf der keine Identifizierungsdaten (Kartennummer, Ablaufdatum, Prüfnummer) zu sehen sind
  • Die kostenlosen Abhebungen sind auf 200 Euro in der Standard- und 1000 Euro in der Premium-Variante begrenzt
  • Das Unternehmen hinter der App ist die „Vivid Money GmbH“ und hat ihren Sitz in Berlin
  • In Berlin ist auch eines der beiden Kernteams angesiedelt. Es kümmert sich um Kundenbetreuung, Finanzen, Compliance, HR und das Backoffice. Der überwiegende Teil der Mitarbeiter sitzt allerdings in Moskau, wo „Produkt“ und „Entwicklung“ angesiedelt sind

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