Exklusiv

Andrang, Chaos, Shitstorm: Trade Republic versinkt im Trading-Hype

28. Januar 2021

Von Christian Kirchner

(Dieser Artikel wurde aufgrund tagesaktueller Ereignisse aktualisiert, zuletzt Freitag, 8:52 Uhr: Käufe wieder zugelassen bei Trade Republic)

Rebellierende Millennials, Kursexplosionen, überforderte Broker und am Abend ein Kaufverbot: Es sind epische Tage am Aktienmarkt und vor allem bei den bei kurzfristigen Spekulanten beliebten Neo-Brokern – wobei vor allem Trade Republic. Quasi binnen 24 Stunden geriet das Berliner Fintech von einem beispiellosen Boom in einen Shitstorm. Die wichtigsten Ereignisse eines Tages, der in die Börsengeschichte eingehen wird im Überblick:

 

  • Am gestrigen Donnerstag Vormittag gerieten die Kunden von Trade Republic erstmals in Schwierigkeiten. Die zahllosen Kauf- und Verkaufsaufträge vor allem von Aktien der US-Retail-Kette „Gamestop“ sowie einigen weiteren über Social-Media-Plattformen als Top-Spekulation gehandelten Werten brachten den Neo-Broker offenbar an seine Kapazitätsgrenzen. Order gingen nicht durch oder konnten nicht geändert werden bei Werten, die aktuell binnen Stunden 100% gewinnen oder 50% verlieren.“Zurzeit ist ein Handel aufgrund von technischen Störungen des Handelsplatzes nur eingeschränkt möglich“, hieß es am Donnerstagmittag in einer Meldung innerhalb der „Trade Republic“-App. Man arbeite „mit Hochdruck daran, Dir wieder den Handel vollumfänglich zu ermöglichen.“
  • Trade Republic bestätigte die Probleme auf Nachfrage, Kunden könnten wegen einer „außerordentlichen Überlastung der angebundenen Handelsplätze“ die Trading -App nicht wie gewohnt nutzen. „Hintergrund ist das extrem hohe Handelsaufkommen in normalerweise illiquiden Titeln wie beispielsweise GameStop Corp., AMC Entertainment  Inc., BlackBerry Limited, Nokia Corp. (…), die laut Medienberichten derzeit Gegenstand von heftigen, koordinierten Kursspekulationen sind.“ Sowohl der Standard-Handelsplatz LS Exchange als auch der Backup-Handelsplatz Tradegate seien zeitweise überfordert gewesen.
  • Gegen Mittag offenbarte sich ein weiteres Problem: Trade Republic konnte zum wiederholten Male wegen mutmaßlicher Engpässe bei der Videoidentifikation die Nachfrage nach tausenden Depoteröffnungen nicht bedienen. Offenbar ist es so, dass das Berliner Fintech vom Kundeninteresse regelrecht überrannt wird. Schon in den Vortagen beklagten Kunden in sozialen Medien stundenlange Wartezeiten. Es gebe tausende Interessenten, die vor ihnen an der Reihe seien, um die Identifikation als finalen Schritt der Depoteröffnung durchzuführen. Bei einem testweisen Onboarden am Donnerstagmittag konnte Finanz-Szene.de das Phänomen reproduzieren: Sobald nach Eingabe aller persönlicher Daten die Video-Identifikation beginnt, erhalten Kunden Informationen über die Wartezeiten. „Warteschlangenposition: 2557. Die durchschnittliche Wartezeit beträgt derzeit 2 Stunden“ hieß es um 12:53 Uhr. Trade Republic nutzt hier die Dienstleistung des Fintechs WebID Solutions, hat aber offenbar – selbst von dem sprunghaften Anstieg der Interessenten überrascht – nicht rechtzeitig weitere Kapazitäten nachbuchen können.
  • Am Abend schließlich unterband Trade Republic den Kauf der aktuell bei Spekulanten populärsten Aktien – ein massiver Markteingriff und quasi die Spiegelung eines Leerverkaufsverbots, nur auf eigene Faust vom Broker verhangen: Bestimmte Aktien dürften nicht mehr gekauft, sondern nur noch verkauft werden. Entsprechend kollabierten auch die Kurse zum Vortag. Betroffen sind die Werte Gamestop, AMC, Blackberry, Nokia, Express Inc. und Bed, Bath & Beyond. Die Situation sei „beispiellos“, erklärte Trade Republic zur Begründung, und man verhänge das Kaufverbot „wegen der damit verbundenen Risiken für Dich.“ Als Reaktion auf diese Maßnahme entlud sich am Abend in den sozialen Medien ein regelrechter Shitstorm über Trade Republic. Bei der Finanzaufsicht Bafin gingen nach Finanz-Szene.de-Informationen etliche Beschwerde-Anrufe ein. Eine Bafin-Sprecherin kündigte eine routinemäßige Überprüfung der Vorgänge an, erklärte aber, die Bafin habe nicht selbst das Kaufverbot verhangen. Bei anderen Brokern wie etwa der ING und DKB waren die Titel am Abend noch handelbar. (Nachtrag Freitag 8:51h: Trade Republik teilte in einer eMail an Kunden am Freitag um 8:19 Uhr mit, den Handel mit den genannten Werten wieder zuzulassen)
  • In den USA unterbanden ebenfalls zahlreiche Neo-Broker den Kauf der Spekulationsobjekte Gamestop, AMC und Co, so etwa der populärste Neobroker Robinhood, bei dem einige Nutzer sogar von Zwangsliquidationen berichteten – der Broker verkaufte die betroffenen Aktien ohne Rücksprache mit den Kunden. Die Social-Media-Communities, in der die Spekulationswelle ihren Anfang nahm, wertet die Kaufverbote als einseitige, unfaire Markteingriffe. Hintergrund des Hypes: In einem Trading-Forum des US-Social-Media-Diensts Reddit regte ein Nutzer vor einigen Tagen an, doch die Aktien der US-Retail-Kette Gamestop zu kaufen. Das Unternehmen hatte operative Probleme und war ins Visier von Leerverkäufern geraten. Das Kalkül des Reddit-„Schwarms“, der quasi stündlich über Tage wuchs: Treibt die Masse die Kurse nach oben, machen die Leerverkäufer – vor allem Hedge-Fonds – hohe Verluste, man selber aber Gewinne. Genau so kam es: Die Aktie lag bis Donnerstag mehr als 2000% im Plus, Hedge-Fonds haben nach Berechnungen des US-Datendienstleisters „S3 Partners“ inzwischen Verluste von fast 20 Mrd. Euro angehäuft, die Sache hat sich komplett verselbständigt.
  • Jetzt geht es für die Neobroker um sehr viel: Robinhood, Trade Republic und Co. sind angetreten, das Brokerage-Geschäft zu revolutionieren, indem man Geldanlage auch für sehr kleine Anlagebeträge und weitgehend gebührenfrei möglich macht – weil ihr Geschäftsmodell aus Rückvergütungen von jenen Adressen besteht, an die man die Order durchleitet. Robinhood wird auf rund 13 Millionen Nutzer geschätzt, Trade Republic, eine Art „Klon“ von Robinhood und First-Mover in Deutschland, auf rund 600.000 Kunden. Beide leben vor allem von aktiver Kundschaft – die sie indes mit ihrem Kaufverbot gerade verärgert haben und sich damit womöglich Reputationsprobleme eingehandelt haben: Ein Anbieter, der im Moment maximaler Kursausschläge bei bestimmten Aktien einseitig die Regeln ändert und damit zum Kursverfall der von Kunden gehandelten und gehaltenen Wertpapiere beiträgt, dürfte von Kunden kaum als vertrauenswürdig wahrgenommen werden – und ihnen die Lust an weiteren, für die Anbieter lukrativen Spekulationen nehmen.

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