Exklusiv

Wir haben die Trade-Republic-Zahlen. Und die sehen fast sensationell aus

12. Oktober 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Dass Trade Republic das Fintech der Stunde ist – wegen dieser Erkenntnis allein würden Sie sicherlich nicht behelligen, liebe Leserinnen und Leser. Denn: Implizit hatten wir das ja letzte Woche schon berichtet (zur Erinnerung: Wir schrieben, dass sich die Mitarbeiterzahl binnen weniger Monate auf rund 200 vervielfacht hat, womit sich der erst im Mai 2019 gelaunchte Berliner Neobroker bereits auf Augenhöhe mit Groß-Fintechs wie Deposit Solutions, Wefox oder Auxmoney befinden dürfte).

Bleibt die Frage, weswegen wir Sie dann behelligen.

Also: Wir sind am Wochenende auf den 2018/2019er-Abschluss (Stichtag: 30. September 2019) von Trade Republic gestoßen. Und der enthält die alles entscheidende Zahl, wenn es um das Verständnis des Geschäftsmodells geht. Satte 2,50 Euro bis 3,00 Euro setzt der (vermeintliche) Kostenlos-Broker nämlich pro durchschnittlichem Trade um. Was wir für immens halten. Denn legt man diesen Wert auf das mutmaßliche aktuelle Geschäftsvolumen an, dann kommt man auf Umsätze, die für ein derart junges Finanz-Startup fast sensationell anmuten (reicht Trade Republic sogar an N26 heran???) – und die den Comdirects und ING Dibas dieser Welt durchaus Angst machen dürften.

1.) Was lässt sich mit dem „Kostenlos“-Ansatz überhaupt verdienen?

Bezogen auf die 2018/2019er-Zahlen ist das Geheimnis gelüftet. So heißt es im Geschäftsbericht wörtlich: „Es wurden im abgelaufenen Geschäftsjahr über 250.000 Handelsgeschäfte über die App der Trade Republic ausgeführt und abgewickelt. Das führte im Geschäftsjahr zu Provisionserlösen in Höhe von rund TEUR 728.“ Mit anderen Worten: Der Berliner Fintech-Broker dürfte irgendwas zwischen 2,50 Euro und 3 Euro mit jedem Trade seiner Kunden umsetzen. Wie das bei Transaktionen, die für den Kunden angeblich nahezu kostenlos sind, überhaupt geht – das hatten wir vor längerer Zeit schon einmal detailliert aufgedröselt. Trade Republic selber schreibt in seinem Abschluss kurz und knapp, die Provisionserträge stammten aus „Abwicklungskosten-Zuschüssen“ (das fließt Trade Republic hintenrum zu) und „Fremdkostenpauschale“ (die kommt vornerum vom Kunden). Für die Feinschmecker: Die Provisionsaufwendungen (=Abwicklungskosten) beliefen sich auf 556.000 Euro.

2. Wie hoch war bei Trade Republic der Cashburn?

Erstaunlich niedrig. Per September 2019 addierte sich der Bilanzverlust (also die kumulierten Jahresfehlbeträge seit Gründung) auf gerade einmal 4,8 Mio. Euro. Und das bei einem Startup mit …

  • a) … damals schon fünfstelliger Kundenzahl (dazu weiter unten mehr)
  • b) … erworbener Lizenz als Wertpapierhandelsbank und
  • c) … schon wahrnehmbaren Erträgen (diese summierten sich 2018/2019 auf knapp 1 Mio. Euro, weil zu den 728.000 Euro aus Provisionen auch noch „sonstige betriebliche Erträge“ wesentlich aus dem Verkauf einer Domain in Höhe von 228.000 Euro kamen).

Zur Erinnerung und Einordnung: Bei N26 hatten wir einst errechnet, dass der Aufbau zwischen 20 Mio. und 25 Mio. Euro verschlungen hat (siehe hier) – schon das schien uns günstig, wenn man bedenkt, dass bei, sagen wir, der Apobank allein der Wechsel des Kernbanken-Anbieters mit einer grob geschätzt mittleren dreistelligen Millionensumme zu Buche geschlagen haben dürfte (siehe hier). Oder, noch ein Beispiel, wie günstig es sein kann, Bankgeschäfte von der grünen Wiese aus zu starten: Die Solarisbank kam für die Entwicklung wesentlicher Core-Banking-Komponenten mit grob errechneten gut 2 Mio. Euro aus (siehe hier).

3.) Wie waren die Erwartungen für das soeben zu Ende gegangene Geschäftsjahr 2019/2020?

Trade Republic rechnete mit „Provisionserlösen von mehr als 9,0 Mio. Euro und einer Kundenzahl im sechsstelligen Bereich“ –  wobei: Der Abschluss wurde (obzwar erst dieser Tage veröffentlicht) schon im Februar unterzeichnet – also vor Corona und somit also auch vor dem durch die Corona-Krise erzeugten oder zumindest verstärkten Retail-Trading-Boom. Es scheint daher so gut wie gewiss, dass die Provisionserlöse über den prognostizierten 9 Mio. Euro gelegen haben.

Aber wie viel darüber? Dazu weiter unten mehr …

4.) Wie viel Geld haben Investoren denn nun in Trade Republic gepumpt?

Also, in Umlauf sind ja viele Zahlen. Für uns stellt es sich so dar: Im Geschäftsbericht ist von einer Kapitalrücklage von 8,3 Mio. Euro die Rede sowie von zusätzlichen 7,8 Mio. Euro, die nach Ende des Geschäftsjahrs ins Unternehmen geflossen seien. Dazu kommen dann noch jene 40 Mio. Euro Eigenkapital, die es in der jüngsten Runde gewesen sein sollen – womit man bei rund 56 Mio. Euro wäre. Oder haben wir uns verrechnet?

5.) Wie hoch sind bzw. waren die Assets under Management?

Im OMR-Podcast hatte Trade-Republic-Gründer Christian Hecker die Höhe der verwalteten Vermögen jüngst mit rund 1 Mrd. Euro zu Jahresbeginn Anfang 2020 beziffert. Das kann aber so nicht stimmen. Denn laut der Pressmitteilung, mit der Trade Republic am 17. April 2020 seine große Funding-Runde verkündete, lagen die „Assets under Management“ zu diesem Zeitpunkt erst bei „knapp einer Milliarden Euro“ (per September 2019 waren es übrigens erst 70 Mio. Euro)

Offenbar ist es so:

  • Trade Republic ist bis Februar 2020 in einem erstaunlichen, aber noch nicht phänomenalem Tempo gewachsen
  • Danach (sprich: mit Corona) ging die Kurve plötzlich steil nach oben, bei den Assets genauso wie bei den Kunden. Kam das Fintech per Mitte Februar laut Geschäftsbericht auf eine „hohe fünfstellige Kundenzahl“, so waren es Mitte April laut der Funding-PM schon „mehr als 150.000“. Binnen zwei Monaten sind also mehr als 50.000 Kunden hinzugekommen, man darf wohl sogar von irgendwas zwischen 60.000 und 75.000 ausgehen
  • Teilt man die „knappe Milliarde“ bei den verwalteten Vermögen nun durch die „mehr als 150.000 Kunden“, dann lagen die durchschnittlichen AuMs pro Kunde im April bei – sehr bemerkenswerten – grob gesagt 6000 Euro

6.) Welche aktuellen Datenpunkte zu Trade Republic gibt es?

Schwierig. In einer Trade-Republic-Pressemitteilung von Anfang September heißt es, es gebe jetzt „weit mehr als 150.000“ Kunden, nachdem es Mitte April „mehr als 150.000“ Kunden waren. Diese Angabe kann eigentlich nur dreierlei bedeuten:

  • Das zwischen Februar und April brutale Wachstum hat sich danach radikal verlangsamt (unwahrscheinlich)
  • Wir erhalten morgen einen Anruf die Sprecherin, die uns mitteilt, dass „weit mehr als 150.000 ja auch eine Million oder fünf Millionen oder 100 Millionen bedeuten kann“ (bitte nicht)
  • Trade Republic will für den Moment keine andere Zahl als die 150.000 in der Welt haben, weil der kommunikative Masterplan vorsieht, demnächst mit einer völlig neuen Wow-Zahl (500.000?) den Markt zu schocken

Für letzteres spricht …

7.) Kommt Trade Republic auf geradezu sensationelle Umsatzzahlen?

… dass einer der Hauptgesellschafter von Trade Republic, nämlich der börsennotierte (und damit einigermaßen wahrheitsverpflichtete) Düsseldorfer Traditionsbroker Sino, jüngst in einer Ad-hoc von einem …

  • … „in allen Bereichen starken Wachstum“ bei Trade Republic berichtete
  • … und dass der Vorstand „mit der operativen Entwicklung der Trade Republic weiterhin sehr zufrieden“ sei
  • … und dass das mit dem „auch nach April 2020 weiterhin in allen Bereichen starken Wachstum […] auch und gerade“ für die Kundenzahlen gelte

Die Betonung des „weiterhin“ (!) „starken“ (!) Wachstums „auch und gerade“ (!) in Bezug auf die Kundenzahlen könnte darauf hindeuten, dass sich das Wachstum seit Mitte April im Vergleich zur Phase von Mitte Februar bis Mitte April nicht wesentlich abgeschwächt hat. Wenn also damals in zwei Monaten 50.000 bis 75.000 Kunden den Weg zu Trade Republic fanden, dann scheint nicht ausgeschlossen, dass es in den sechs Monaten seitdem weitere 150.000 (sprich: 3 x 50.000), wenn nicht mehr waren. So dass man eingedenk der Tatsache, dass es Mitte April schon „mehr als 150.000 Kunden“ waren, inzwischen ernsthaft von 300.000 bis 350.000 Kunden ausgehen darf (auch wenn das ein bisschen spekulativ sein mag).

Machen wir weiter:

  • Bei der Comdirect tätigte der durchschnittliche Depotkunde im ersten Halbjahr 29,8 Trades (also 5 pro Monat)
  • Flatex geht aufs Jahr von mehr als 70 Mio. Transaktionen bei dann 1,2 Mio. Kunden aus (was streng vereinfacht ebenfalls auf 5 Trades pro Kunde und Monat hinausläuft)

Nun gibt es gute Gründe für die Annahme, dass Comdirect- und Flatex-Kunden mehr handeln als Trade-Republic-Kunden (sie sind erfahrenere und vielleicht auch leidenschaftlichere Trader), es gibt aber auch gute Gründe für die gegenteilige Annahme (bei Trade Republic kostet der einzelne Trade weniger). Egal: Gehen wir bei Trade Republic konservativerweise von leicht geringerer Trading-Aktivität aus, also 4 pro Monat.

Nun ist noch zu berücksichtigen, dass der durchschnittliche Erlös pro Trade (darauf deuten öffentliche Verlautbarungen hin) inzwischen gesunken ist und eher bei 2 Euro bis 2,50 Euro liegt also bei 2,50 Euro bis 3 Euro. So lässt sich folgende Annahme aufstellen:

Wenn 325.000 Kunden (der Mittelwert von 300.000 Kunden und 350.000 Kunden) im Schnitt 4x monatlich handeln und mit jedem einzelnen dieser Trades macht Trade Republic 2,25 Euro Provisionserlös, dann wären das fast 3 Mio. Euro monatlich – und also annualisiert irgendwas um die 35 Mio. Euro. Das wären ähnlich hohe Provisionserlöse wie sie N26 laut dem aktuellsten veröffentlichten Geschäftsbericht (2018) zuletzt gemacht hat.

Mag sein, dass die Schätzung ein gutes Stück zu hoch ist. Und klar – den hohen Provisionserlösen standen 2018/2019 auch merkliche Provisionsaufwendungen gegenüber. Und trotzdem bleibt die Grundaussage: Für ein derart junges Fintech dreht Trade Republic allem Anschein nach ein ziemlich, ziemlich großes Rad.

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!


*Der ursprünglich am Samstag veröffentlichte Artikel wurde am Sonntag noch einmal geschärft und erweitert. Dabei haben wir auch zwei Fehlannahme beseitigt: 1.) Wir waren zunächst davon ausgegangen, dass sich die im 2018/19er-Abschluss genannte „hohe fünfstellige Kundenzahl“ auf den 30. September 2019 beziehe. Sie bezieht sich aber auf den 17. Februar 2020 – das ist der Tag, an dem der Abschluss unterzeichnet wurde. 2.) Wir hatten unsere Hochrechnungen zunächst auf Basis eines Provisionserlöses pro Trade von weiterhin knapp 3 Euro aufgestellt statt 2,25 Euro anzusetzen.

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing