Analyse

Vom traurigen Schicksal eines deutschen Unicorn-Machers

21. Mai 2020

Von Christian Kirchner

Eigentlich ist der Frankfurter Fintech-Investor Finlab mächtig stolz auf seine Beteiligung am Hamburger Einlagen-Broker Deposit Solutions. Kaum ein Interview (siehe hier), kaum eine sonstige öffentliche Verlautbarung, in der es nicht um das angeblich zweite deutsche Fintech-Unicorn neben N26 geht.

Auch als Finlab jüngst die Veröffentlichung seines 2019er-Finanzberichts bekanntgab, wurde wieder explizit auf die augenscheinliche Lieblings-Beteiligung verwiesen: „Deposit Solutions hat sich ebenfalls sehr erfreulich entwickelt“, stand in der Pressemitteilung. Und im begleitenden „BÖZ“-Interview ließ sich Finlab-Vorstand Juan Rodriguez wie folgt zitieren: „Jeder sucht ein Einhorn, wir haben eins.“

Mithin: Eigentlich sollte man erwarten, dass Deposit Solutions auch im eigentlichen Finlab-Finanzbericht eine bedeutende Rolle spielt. Indes – als sich „Finanz-Szene.de“ das 63-seitige Dokument dieser Tage mal etwas genauer ansah, stellten wir zu unserer Verwunderung fest, dass der Name „Deposit Solutions“ auf den 63 Seiten nicht ein einziges Mal auftaucht. Und auch sonst finden sich (sofern wir uns nicht verguckt haben) in dem Bericht keinerlei Hinweis auf die Beteiligung. Was bilanzrechtlich völlig okay ist. „Im Jahresfinanzbericht sind generell keine nennenswerten bzw. ausführlichen Erwähnungen zu einzelnen Beteiligungen enthalten. Die Berichterstattung erfolgt vielmehr gemäß den IFRS und HGB Regularien“, erklärt uns Finlab auf Nachfrage.

Was aber irgendwie auch ein bisschen komisch ist. Denn, nur zur Erinnerung: Im vergangenen September hatte sich Finlab aus Anlass des Deutsche-Bank-Einstiegs bei Deposit Solutions sogar genötigt gesehen hatte, eine Mitteilung herauszugeben, in der stand, dass Deposit jetzt „mit über 1 Mrd. Euro bewertet“ werde. Eine Einschätzung, die seitdem als „Common Sense“ in praktisch allen Medien konsequent wiedergekäut wird – obwohl weder die Deutsche Bank noch Deposit selbst die Milliarden-Bewertung je offiziell bestätigt haben. Und obwohl einer der wichtigsten Deposit-Investoren, nämlich die Schweden von Kinnevik, den Wert des Hamburger Startups weiterhin und zuletzt zum Ende des Q1 2020 mit „nur“ rund 380 Mio. Euro veranschlagen – nämlich 250 Mio. Schwedische Kronen für den sechsprozentigen Anteil.

Auf Nachfrage teilt Finlab mit, die Anteile an der Deposit Solutions GmbH „werden im Jahresfinanzbericht nach IFRS mit dem Fair Value in Höhe von rund EUR 70 Mio. bewertet.“ – das entspräche bei Finlabs 7-Prozent-Anteil einer glatten Milliarde für Deposit Solutions.

Was ist das los? Beziehungweise, mal ganz doof gefragt: Warum ist Finlab als amtlich ausgewiesener Unicorn-Macher an der Börse eigentlich nicht mehr wert als jene 83 Mio. Euro, die  per gestern als Marktkapitalisierung vermerkt wurden? An der Corona-Krise jedenfalls scheint’s nicht zu liegen. Denn Ende 2019, also nach der Unicorn-Meldung, aber vor Corona, lag der Börsenwert sogar nur bei 78 Mio. Euro. Wohingegen es 2017, also zu einer Zeit, als Deposit Solutions noch weit vom Unicorn-Status entfernt war, sogar schon mal 150 Mio. Euro waren. Müsste einer Beteiligungsfirma vom steigenden Wert ihrer wichtigsten Beteiligung nicht irgendwie profitieren? Anstatt dass sozusagen das Gegenteil der Fall ist?

Der Reihe nach:

  • Was nicht aus dem Finanzbericht, wohl aber aus dem Handelsregister hervorgeht: Finlab – nochmal zur Erinnerung: aktueller Börsenwert 83 Mio. Euro – hielt zuletzt noch 7% an Deposit Solutions, was gemessen an der offiziell kommunizierten Bewertung von „über 1 Mrd. Euro“ einem Wert von mehr als 70 Mio. Eur0 entsprechen müsste
  • Darüber gehören Finlab 45,5% an einer anderen börsennotierten Beteiligungsfirma, nämlich Heliad Equity Partners. Legt man deren Marktkapitalisierung von zuletzt 49 Mio. Euro zugrunde, wäre allein Finlabs Anteil 22 Mio. Euro wert. Womit man (Deposit + Heliad) schon bei über 90 Mio. Euro wäre.
  • Interessanterweise hält aber nun Heliad auch 9,9% am börsennotierten Online-Broker Flatex. Dessen Bewertung von 592 Mio. Euro zum Richtmaß genommen, besitzt Heliad also Flatex-Aktien im Wert von 59 Mio. Euro. – mehr als der komplette Heliad-Börsenwert. Alleine über die Flatex-Beteiligung ist Finlab also noch mal ein paar Millionen „reicher“ (so man allen Bewertungen glaubt) als die mindestens 90 Mio. Euro.
  • Darüber hinaus gibt es laut Finlab-Website nun noch 18 weitere Finlab-Beteiligungen, die mitunter durchaus namhaft sind. Der Identity-Spezialist Authada und das Buchhaltungs-Fintech Fastbill gehören dazu, ebenso wie beispielsweise die Fintechs Kapilendo und Awamo sowie eine ganze Reihe von mehr oder weniger ambitionierten Krypto-Playern, darunter Blockchain Helix und Iconic Holding (freilich nicht zu verwechseln mit der Allianz-Tochter Iconic Finance bzw. der Zuckerberg-Unternehmung Iconiq Capital). Müssten nicht auch diese 18 Beteiligungen oder zumindest einige von ihnen einen gewissen Wert haben?

Tatsächlich billigt der Finlab-Finanzbericht den eigenen „Finanzanlagen“ per Ende 2019 einen Wert von 134,5 Mio. Euro zu – wobei dieser Posten dank fetter Zuschreibungen im Jahresverlauf sogar um 43 Mio. Euro gestiegen ist.

Die Aktionäre indes übersehen das alles! Oder aber: Sie trauen dieser großartigen Story nicht so richtig. Was auch damit zusammenhängen könnte, dass ein Investor wie Finlab bei der Bewertung seiner Beteiligungen offenbar gewisse Freiheiten genießt. So ist im Finanzbericht, Punkt 3.16, zu lesen.  „Der Jahresabschluss enthält Werte, die zulässigerweise unter Verwendung von Schätzungen und Annahmen ermittelt worden sind. Die verwendeten Schätzungen und Annahmen basieren auf historischen Erfahrungen und anderen Faktoren wie Planungen und – nach heutigem Ermessen – wahrscheinlichen Erwartungen und Prognosen zukünftiger Ereignisse.“ Klingt nach Spielraum.

Die Bewertung der Finanzanlagen erfolgt dabei anhand der „Fair Value Hierarchie 2“. Übersetzt heißt das: Es muss  gewisse Anhaltspunkte geben, nach denen Finlab den beizulegenden Zeitwert seiner Anlagen bestimmt. Auch das klingt nach reichlich Spielraum.

Mal abwarten, ob und wann die Finlab-Aktionäre endlich anspringen.

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