Kurz gebloggt

Warum uns die Crowd-Kampagne von Tomorrow skeptisch macht

17. September 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Possierliche Frühphasen-Fintechs wie die Hamburger Neobank Tomorrow stehen bei Finanz-Szene.de normalerweise unter Artenschutz.

Indes: In dem Moment, da so ein possierliches Frühphasen-Fintech anfängt, potenziell arglose Kleinanleger in Genussrechts-Konstruktionen hineinzuquatschen, müssen wir (sorry!!!) dann aber doch mal ein bisschen genauer hinschauen. Zumal wenn einer der Gründer den Anlegern via „Süddeutsche Zeitung“ eine Verzwanzigfachung ihres Einsatzes in Aussicht stellt. (Verzwanzigfachung!!! So viel zum „nachhaltigen“ Ansatz, dem sich Tomorrow angeblich verschrieben hat).

Nun ist es – dies sei betont – nicht so, dass wir über Tomorrow ganz fürchterliche Dinge zu berichten hätten. Aber: Auf ein paar kleinere Auffälligkeiten, über die wir ansonsten hinweggesehen hätten, wollen wir die Kleinanleger dann doch hinweisen:

  1. Tomorrow hat letzten Herbst von professionellen Investoren 8,5 Mio. Euro erhalten; in der jetzigen Runde sollen (wollen?) die VCs dagegen nur noch 2 Mio. Euro beisteuern, während der Rest per Crowd-Kampagne von den Kleinanlegern kommen soll. Normalerweise ist es bei Startups (zumal bei solchen, die eine Verzwanzigfachung ihrer Bewertung anstreben) so, dass die VCs ihren Einsatz von Runde zu Runde erhöhen. Hier also nicht.
  2. Die gestern via „Handelsblatt“ verkündeten Pläne für eine Auslandsexpansion im Jahr 2021 bedeuten nichts anderes, als dass sich die letztes Jahr via „Handelsblatt“ verkündeten Pläne für eine Auslandsexpansion im Jahr 2020 nicht materialisiert haben – obwohl entsprechende Country-Manager-Jobs schon Anfang des Jahres ausgeschrieben waren.
  3. Tomorrow ist in den zehn Monaten seit der im letzten November verkündeten 8,5-Mio.-Euro-Runde im Schnitt um 2300 Kunden monatlich gewachsen. Das mag man mehr oder weniger okay finden, zumal vor dem Hintergrund der Corona-Krise (die ja vieles rechtfertigt, vielleicht auch die gestoppte Auslandsexpansion). Allerdings: Das erklärte Ziel lautete, irgendwann zwischen Frühjahr 2022 und Frühjahr 2024 bei 1 Mio. Kunden zu sein. Wenn es aktuell 40.000 Kunden sind (so die offizielle Angabe), dann ergibt sich, dass das Millionenziel beim jetzigen Wachstumstempo erst irgendwann Mitte der 2050er-Jahre erreicht würde.

Das Gute freilich ist, so dachten wir zumindest in unserer Naivität: Wenn Tomorrow jetzt die Kleinanleger anbaggert, dann gibt’s einen ordentlichen Prospekt, aus dem man konkrete Informationen über die Verfassung des Fintechs ziehen kann. Indes – auf Nachfrage erklärt Tomorrow, dass es in dem gewählten Konstrukt „keine formellen Pflichten“ hinsichtlich Offenlegung bzw. Prospekt gebe. Man werde allerdings eine „Broschüre“ veröffentlichen, in der auch „eine Reihe an Kennzahlen und Hintergründen“ offengelget würden.

Wir sind gespannt!

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