Analyse

Was dran ist an der Nummer mit Deutsche Bank und Scalable Capital

Es ist alles sehr vage. Aber eben auch – ziemlich spektakulär! „Die Deutsche Bank zeigt Interesse an Scalable Capital“, schreibt das „Handelsblatt“ (Paywall). Was natürlich aufhorchen lässt, auch wenn einstweilen unklar bleibt, worin das Interesse denn eigentlich konkret besteht. Geht es um eine Kooperation? Eine Beteiligung? Eine Übernahme gar? Weiß man nicht (wie gesagt: alles sehr vage!). Aber immerhin scheint festzustehen: Die beiden Lager haben miteinander gesprochen. Schreibt jedenfalls das „HB“. Und wird in Finanzkreisen so bestätigt.

Dazu muss man nun wissen: Der neue Privatkundenchef der Deutschen Bank, Claudio de Sanctis, tüftelt ja gerade an der neuen Strategie. Dass man da Gespräche in alle Richtungen führt – normal. Zumal:

  • Als Scalable Capital Mitte der 2010er-Jahre zunächst als reiner Robo-Advisor an den Start ging, hat die Deutsche Bank ja gleich mal einen Klon gebaut: „Robin“. Der allerdings nie reüssierte.
  • Inzwischen: Ist Scalable auch Neobroker, ein Feld, in dem die Deutsche Bank kaum etwas entgegenzusetzen hat (wer oder was war nochmal Maxblue?).
  • Plus: Hatte der De-Sanctis-Vorgänger Karl von Rohr nicht für 2024 ein „app-basiertes Angebot für Kunden mit Anlagebedarf“ angekündigt?
    Es gibt also plausible Gründe, warum sich die Deutsche Bank das Fintech wenigstens mal anguckt.

Wobei: Wer sagt denn überhaupt, dass die Initiative zu den Gesprächen von der Deutschen Bank ausging? Lässt sich die ganze Nummer nicht auch aus der Perspektive Scalables denken? Folgender Satz im „Handelsblatt“ lässt jedenfalls so ein bisschen aufhorchen: „Gerüchten zufolge interessieren sich neben der Deutschen Bank auch noch weitere Banken für den Neobroker.“

Ist es am Ende etwa so, dass Scalable von sich aus die Fühler ausstreckt?

Auch hier gilt: Dass Scalable mit Banken spricht, ist das normalste der Welt. Zumal die Münchner in ihren frühen Jahren (also den Robo-Jahren) auch schon diverse Kooperationen mit großen Banken eingegangen waren, namentlich mit der ING Diba (siehe hier), der Santander (siehe hier), der britischen Barclays (siehe hier) und der österreichischen Raiffeisen-Gruppe (siehe hier). Wiewohl der Fokus der Münchner in den letzten Jahren auf dem unmittelbaren B2C-Geschäft lag, so haben sie dem B2B-Geschäft nie offiziell abgeschworen.

Allerdings, wie gesagt: Dabei ging es immer um Kooperationen. Nie um eine Beteiligung. Oder gar noch mehr.

Die aktuelle Lage: Scalable ist nach allem, was man weiß, zuletzt sehr ordentlich gewachsen. Von 10 Mrd. Euro auf 15 Mrd. Euro „Assets under Management“ innerhalb von nicht mal zwölf Monaten. Welches Interesse sollten die immer noch recht jungen Gründer Erik Podzuweit und Florian Prucker haben, ihr Unternehmen im jetzigen Stadium mit einer großen Bank zu verbandeln?

Gleichwohl – und das ist in der Tat ein möglicher Schwachpunkt von Scalable: Der Cashburn der Münchner war gemessen an der Ertragskraft zuletzt so hoch wie bei kaum einem anderen deutschen Fintech. Wobei „zuletzt“ heißt: 2021 – aktuellere Geschäftsberichte liegen noch keine vor. Im Zuge einer üppigen Funding-Runde hatte sich die Kapitalrücklage von Scalable in jenem Jahr auf fast 240 Mio. Euro erhöht. Rund 45 Mio. Euro schleppte das Fintech zu jenem Zeitpunkt allerdings schon an Verlustvortrag mit sich herum. Und 2021 kamen dann noch mal satte 55 Mio. Euro an Cashburn obendrauf. Sodass sich das Eigenkapital per Ende 2021 auf dann doch nur 139 Mio. Euro belief.

Für 2022 wiederum erwartete das Management dann einen „ansteigenden Jahresverlust“ – also mehr als die 55 Mio. Euro, die es 2021 schon waren. Womit ein merklicher Teil des Eigenkapitals aufgebraucht gewesen wäre.

Frage: Hat Scalable womöglich ein Funding-Problem?

Antwort: Abgesehen von unserer kleinen Rechenübung spricht nicht wirklich viel für diese These.

Denn:

  • Anders als die meisten anderen Fintechs hat Scalable auch nach dem Boom-Jahr nie wirklich in einen Konsolidierungs-Modus geschaltet. Die Mitarbeiterzahlen sind laut Linkedin-Daten heute sogar etwas höher als vor zwei Jahren; und am Marketing scheinen die Münchner auch nicht zu sparen (man denke an die aufwendigen Plakat-Aktionen letztes Jahr oder an das aktuelle 4%-Zins-Angebot). Einen solchen Offensiv-Kurs im Wissen um eine drohende Funding-Knappheit zu fahren, wäre schon fast fahrlässig.
  • Im Jahresmittel 2021 dürfte Scalable schätzungsweise mit Kundengeldern in Höhe von 5 Mrd. Euro unterwegs gewesen sein; inzwischen sind es (wie gesagt) 15 Mrd. Euro. Auch wenn der Umsatz je Euro AuM heute niedriger sein dürfte als vor zwei Jahren (weil Brokerage weniger abwirft als Robo), so dürfte der Umsatz inzwischen doch sehr, sehr viel höher sein als 2021, als es erst gut 30 Mio. Euro waren. Sprich: Sollten die Kosten einigermaßen stabil geblieben sein, steht diesen Kosten inzwischen sehr viel mehr Umsatz gegenüber. Der Cashburn hätte sich also reduziert
  • Eigentlich galt Scalable fundig-seitig immer als vergleichsweise stabil, weil mit dem US-Riesen Blackrock ein finanzkräftiger Ankerinvestor mit drin hängt.

Denkbar ist vieles, sicher ist nichts. Aber dass sich Scalable der Deutschen Bank an den Hals wirft, erscheint uns weniger plausibel als das Szenario einer inhaltlichen Kooperation (bei der es möglicherweise dann auch um eine Minderheitsbeteiligung gehen könnte).

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