Analyse

Was ist die Ratio hinter der Fusion von Raisin und Deposit?

25. Juni 2021

Von Caspar Schlenk und Heinz-Roger Dohms

Wenn man sich dieser Tage fragte, welches von den großen deutschen Finanz-Startups denn jetzt noch nicht zu den Unicorns zählt, dann blieb man vor allem an zwei Namen hängen:

  • Raisin, also der auch als „Weltsparen“ bekannte Einlagenbroker aus Berlin
  • Sowie Deposit Solutions, der auch als „Zinspilot“ bekannte Einlagenbroker aus Hamburg

Und so kam es denn gestern Abend, wie es kommen musste: Raisin und Deposit Solutions haben – nein, gefundet haben sie nicht. Sondern: Die beiden jahrelang in inniger Abneigung verbundenen Erzrivalen haben ihren Zusammenschluss verkündet! Was ist die finanzielle Dimension des Deals (der aus zwei Noch-Nicht-Unicorns tatsächlich ein Nun-doch-Unicorn machen dürfte)? Wer hat den Lead? Welche industrielle Ratio steckt dahinter? Und welche Fallstricke lauern?

Eine Ad-hoc-Analyse:

Die Grundkonstellation

Für Tim Sievers und Tamaz Georgadze muss es ein merkwürdiges Gefühl gewesen sein. Fast zehn Jahre lang waren sie ärgste Konkurrenten: Sievers baute Deposit Solutions auf, Georgadze den Rivalen Raisin. Anfangs gab es noch einen dritten Player, nämlich Savedo, hervorgegangen aus der Berliner Fintech-Schmiede Finleap. Savedo allerdings schlüpfte bald bei Deposit unter. Übrig blieb ein Zweikampf. Und eine durchaus würzige Rivalität.

Und nun? Sind Sievers und Georgadze gemeinsam und lächelnd auf einem Foto zu sehen und verkünden nach rund zwölfmonatigen Verhandlung die bislang größte deutsche Fintech-Fusion (etwas größer als Smava/Finanzcheck, würden wir jedenfalls vermuten). Der Zusammenschluss erhöht die Chancen, das aus Deutschland heraus ein Einlagenbroker mit globalen Ambitionen entsteht. Denn auch wenn der Fokus der beiden Fintechs bislang auf Europa liegt, beide haben sich zuletzt (mit einigen Startschwierigkeiten) auch an den US-Markt herangetastet. Bislang separat, nun also im Verbund.

Die Größenordnung

Raisin wurde bei seiner letzten großen Finanzierungsrunde im Mai 2019 mit grob 670 Mio. Euro veranschlagt. Zur Bewertung von Deposit Solutions kursieren unterschiedliche Zahlen, der schwedische Großinvestor Kinnevik taxiert die Hanseaten laut Q1-Abschluss aktuell mit umgerechnet 432 Mio. Euro. Da bei dem Zusammenschluss keinerlei Cash fließt und es auch kein frisches externe Funding gibt, lässt sich der neue Unternehmenswert der „Raisin DS“ genannten fusionierten Firma nur schätzen. Angesichts der enormen Bewertungssteigerungen bei etlichen anderen großen deutschen Fintechs zuletzt darf man davon ausgehen: Würde Raisin DS nächste Woche funden, dann wohl zu einer Milliardenbewertung.

Wer der größere der beiden Partner ist, wurde gestern nicht kommuniziert. Die Namensgebung deutet allerdings darauf, dass Raisin mehr Gewicht mitbringt; ein weiteres Indiz hierfür: Deposit-Gründer Sievers wird sich nach einer mehrmonatigen Übergangsphase aus der operativen Führung zurückziehen.

Interessant: Erstmal überhaupt haben sich Raisin und Deposit gestern zum Ist-Stand der über ihre Plattformen vermittelten Einlagen geäußert. Es seien: rund 20 Mrd. Euro. Wenn man davon ausgeht, dass hiervon p.a. vielleicht 0,2% bis 0,3% bei den Brokern hängen bleiben, dann ergäben sich hieraus Umsatzerlöse von 40 Mio. bis 60 Mio. Euro. Das würde auch ganz grob (ein 35- bis 50%iges Wachstum vorausgesetzt) zu den einzigen jemals veröffentlichten Geschäftzahlen der beiden Fintechs passen. Diese stammen aus dem Jahr 2017. Damals hatte Raisin 11,9 Mio. Euro umgesetzt, Deposit kam auf 5,7 Mio. Euro.

Das Plattform-Kalkül

Nach der Plattformlogik konzentriert sich der Markt langfristig oft auf wenige oder gar nur einen Spieler. Genau diesen Effekt erhoffen sich nun auch Georgadze und Sievers. Die neue Firma Raisin DS soll die Angebote beider Plattformen integrieren. Damit haben die Kunden von „Weltsparen“ und „Zinspilot“ künftig mehr Zielbanken zu Verfügung, bei denen sie ihr Fest- und Tagesgeld anlegen können. Bei den Zielbanken handelt sich meist um ausländische Institute, die höhere Zinsen als hiesige Geldhäuser bieten. Insgesamt 160 diese Banken seien künftig Teil des gemeinsamen Angebots. Deutlich mehr, als die beiden Portale bislang stand-alone aufbieten können.

Neben den Zielbank haben Raisin und Deposit auch weitere Bankpartner – nämlich solche, die ihre Kunden an einen der beiden Anbieter vermitteln oder die einer der beiden Einlagenplattformen auf Whitelable-Basis ins eigene Angebot integriert haben. Ein Beispiel hierfür ist die Deutsche Bank. Auch diesen Partnern stehen künftig (zumindest in der Theorie) mehr Zielbanken zur Verfügung, was entsprechend mehr Geschäft bringen soll, weil die Angebote insgesamt attraktiver sind.

Das Konkurrenz-Kalkül

Die beiden Fintechs müssen künftig nicht mehr gegeneinander pitchen und erhalten in der Theorie schneller und effizienter die Aufträge. Die Gefahr für die Kunden besteht freilich darin, dass Raisin DS durch seine quasi-monopolistische Marktstellung (selbst ein Gigant wie Check24 bezieht die Technologie von Deposit Solutions …) versucht sein könnte, die eigene Marge zu erhöhen. Doch Tamaz Georgadze wiegelt ab: „Wir haben langfristige Verträge mit den Partnern und werden die Konditionen für sie nicht verschlechtern.“

Das Marketing-Kalkül

Zinspilot, Weltsparen und Savedo sollen als Marken bestehen bleiben. Doch der Fokus wird in Deutschland wohl auf „Weltsparen“ und international auf „Raisin“ liegen. Damit lassen sich die Werbemittel künftig effizienter einsetzen, zumal der Konkurrenzdruck wegfällt. Es stellt sich allerdings die Frage nach neuen Konkurrenten. Denkbar wäre zum Beispiel, dass Check24 das Feld intensiver (und mein eigener Technologie) beackert als bislang. Über eine eigene Banklizenz und ein Konto verfügt das Münchner Unternehmen bereits.

Das Investoren-Kalkül

Raisin und Deposit Solutions verfügen beide über renommierte Geldgeber: Bei Deposit Solutions ist unter anderem Peter Thiel an Bord, bei Raisin sind es Hedosophia und Ribbit Capital. Gerade der umtriebige und umstrittene Investor Thiel hat sich mit seinen verschiedenen Fonds ein beeindruckendes Fintech-Portfolio in Europa aufgebaut. Er konkurriert dabei mit Hedosophia, hinter dem der scheue Medien-Unternehmer Ian Osborne steht. Beide verfügen über ein exzellentes Netzwerk und machen bereits einige Deals zusammen – beispielsweise N26 oder Bitpanda. Gut denkbar, dass sie auch mit Raisin DS einiges vorhaben …

Das Funding-Kalkül

„Es geht nicht darum, Kosten zu sparen, sondern darum, die Wachstumsgeschwindigkeit zu erhöhen“, sagt Sievers. Vor diesem Hintergrund ist davon auszugehen, dass Raisin DS in einigen Monaten noch einmal viel Geld aufnehmen wird, um speziell die US-Expansion zu beschleunigen

Bislang sind zusammen erst rund 400 Millionen Dollar in beide Firmen geflossen – gemessen an den großen deutschen Fintech-Finanzierungsrunden der vergangenen Wochen eher wenig. Erfolge auf dem wichtigen US-Markt könnten den Wert der neuen Firma massiv steigern und die Fantasie der Wagniskapitalgeber beflügeln, solange sich die Stimmung nicht abkühlt.

Der Führungs-Fallstrick

Sievers kommentiert seinen bereits angekündigten Rückzug aus der operativen Führung wie folgt: „Die neue gemeinsame Firma braucht – wie jedes Tech-Unternehmen – einen starken CEO. Ich habe mich entschieden, nach mehr als zehn Jahren rauszugehen, bleibe aber im Beirat und erheblicher Gesellschafter.“ Wie schwer (oder leicht?) dieser Schritt Sievers fällt, bleibt unklar. Sinn allerdings macht die Entscheidung auf alle Fälle. Doppelsitzen generell mögen bei Fintechs funktionieren. Eine Doppelspitze Georgadze/Sievers auf Dauer eher nicht.

Der Fokus-Fallstrick

Einen gemeinsamen Takt für die beiden Firmen zu finden – das ist jetzt erst einmal die wesentliche Aufgabe. Die Top-Manager haben sich in den letzten Monaten besser kennengelernt, nun folgen die Belegschaften (zusammen kommen Raisin und Deposit übrigens auf gut 500 Mitarbeiter). Kultur und die Arbeitsweisen müssen sich anpassen.

Zugleich entsteht ein äußerst kompliziertes Gebilde. Zur Erinnerung: Raisin betreibt nicht nur ein Zinsportal, sondern auch ein Investment-Angebot mit ETFs, ein Riester-Angebot, betreut B2B-Partner, hat eine eigene Bank gekauft, die auch als Partner für andere Fintechs auftritt. Deposit Solutions hat Zinspilot, Savedo und die US-Marke Savebetter – sowie etliche B2B-Partnerschaften.

Den Speed hoch zu halten – wie es sich die beiden CEOs versprochen haben – und gleichzeitig zwei Organisationen mit dieser Komplexität zusammenzuführen, das wird nicht leicht.

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing