Was Sie zum Fintech-Deal des Jahres noch wissen müssen

3. September 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Dass große Fintechs groß funden, daran hat man sich hierzulande ja mittlerweile gewöhnt. Dass allerdings ausgerechnet der Düsseldorfer Marketplace-Lender Auxmoney die größte Finanzierung des Jahres einheimst, das überrascht dann doch. Denn: Eigentlich war Auxmoney-Gründer Raffael Johnen bislang eher der Sparfuchs unter den deutschen Fintech-CEOs. Nicht mal aggregiert 50 Mio. Euro haben die Rheinländer seit der Gründung 2007 verfeuert. So viel geht bei N26 in sechs Monaten durch den Kamin. Und nun 150 Mio. Euro? Wofür???

Kurz gesagt: Wir hätten da eine Idee – und sollte das auch die Idee des Raffael Johnen sein, was wir fast so ein bisschen vermuten, dann wäre es fürs Geschäftsmodell ein Stück weit transformativ. Unser großes FAQ zum Fintech-Deal des Jahres:

Wie viel hat Centerbridge für Auxmoney bezahlt?

Das ist unklar. Klar ist: Insgesamt erhält Auxmoney 150 Mio. Euro frisches Eigenkapital. Der Großteil dieses Geldes kommt von Centerbridge.  On top hat Centerbridge diversen Altgesellschaftern deren Abteile abgekauft – das Geld, das hierfür floss, ist in die 150 Mio. Euro also nicht eingerechnet. Durch die Alt- und Neuanteile zusammen kommt Centerbridge nun erklärtermaßen auf die Mehrheit. Wie hoch der Anteil der Amerikaner genau ist, wurde nicht kommuniziert. Auch die Bewertung lässt sich vorerst nicht errechnen.

Was macht den Deal ungewöhnlich?

Eher ungewöhnlich ist, dass Centerbridge auf einen Schlag die Mehrheit an Auxmoney erwirbt, die Amerikaner das größte deutsche Kreditportal also gewissermaßen übernehmen. „Natürlicher“ gemessen an der bisherigen Funding-Historie von Auxmoney (und gemessen an vergleichbaren hiesigen Fintechs) wäre gewesen, wenn irgendwas zwischen 30-40 Mio. Euro geflossen wären und Centerbridge dafür, sagen wir, 15-20% bekommen hätte.

Musste Auxmoney frisches Geld aufnehmen?

Grundsätzlich ja, würden wir vermuten. Der letzte veröffentlichte Abschluss stammt von 2017. Damals kam Auxmoney auf 8,0 Mio. Euro Eigenkapital und 11,3 Mio. Cashbestand bei 2,6 Mio. Euro Schulden. Gemessen am Jahresfehlbetrag von 5,5 Mio. Euro (Tendenz: sinkend) war das damals noch eine kommode Situation. Doch selbst wenn man davon ausgeht, dass der Fehlbetrag 2018  und 2019 weiter gesunken ist, wäre das Finanzpolster wohl spätestens im laufenden Jahr (siehe weiter unten: Die Folgen von Corona …) dünn geworden. Also: Plausiblerweise ist davon auszugehen, dass Auxmoney in diesem Jahr frisches Geld brauchte. Aber freilich keine 150 Mio. Euro!!! Es geht nicht um eine Notfinanzierung. Sondern um eine Wachstumsfinanzierung.

Wozu braucht Auxmoney so viel Geld (I)?

Gute Frage. Zumal die Düsseldorfer, siehe oben, seit der Gründung 2007 vergleichsweise wenig Cashburn zu beklagen hatten. Nur mal als theoretisch Spielerei: Legt man die genannten 5,5 Mio. Euro Jahresfehlbetrag von 2017 zugrunde, dann käme Auxmoney bei stabil bleibendem Cashburn mit den 150 Mio. Euro bis ins Jahr 2047 aus …

Also nochmal …

Wozu braucht Auxmoney so viel Geld (II)?

  • Internationalisierung? Wird nicht ausgeschlossen, ist aber ein Thema, bei dem Gründer und CEO Johnen bislang aus guten Gründen eher skeptisch war
  • Akquisitionen? Werden erwogen. Und würden Sinn machen in einem Markt, der vor dem Hintergrund der Corona-Krise gewiss vor einer Konsolidierung steht. Darf also niemanden überraschen, wenn’s demnächst schon passiert. Aber braucht’s hierfür wirklich 150 Mio. Euro? Und auf Vorrat?
  • Organisches Wachstum? Klar. Gemessen an den Kreditbüchern der Banken ist Auxmoney (neu vermitteltes Kreditvolumen in 2019: rund 700 Mio. Euro, mehr weiter unten) immer noch ein winzig kleiner Player. Entsprechend groß ist das Wachstumspotenzial – doch um das zu heben, braucht es erst mal Marketing-Moneten. Aber 150 Mio. Euro?

Also nochmal:

Wozu braucht Auxmoney das Geld (III)?

„Hallo Herr Johnen, kann es sein, dass Auxmoney jetzt ein eigenes Kreditbuch aufbaut?“

Nein, ganz so offensiv haben wir unser Telefonat mit dem CEO gestern nicht eingeleitet. Man will ja nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Aber natürlich war das die Frage, auf die wir in dem Gespräch hinauswollten …

Denn, zum Hintergrund: Auxmoney ist ein reiner „Marketplace Lender“. Also eine Plattform, über die Geldgeber (Versicherungen, Pensionsfonds, Family Offices …) Kredite an Geldnehmer (Konsumenten, Selbständige, kleine Unternehmen …) ausreichen. Aufs eigene Buch nimmt Auxmoney nichts. Jedenfalls bislang nicht.

Nur mal gesponnen: Letztes Jahr wurden über Auxmoney, wie gesagt, 700 Mio. Euro Neugeschäft vermittelt. Dieses Jahr (siehe unten) wird’s wegen Corona weniger sein, aber wenn nächstes Jahr die Konjunktur wieder anzieht und Auxmoney (siehe oben) die Sache mit dem organischen Wachstum ernst nimmt, dann ist ein Neugeschäfts-Volumen von, sagen wir, 1 Mrd. Euro für 2021 sicherlich keine utopische Größe. Jetzt mal angenommen, da sind ein paar Investoren, die sagen: Eigentlich finden wir das Marktplatz-Modell ja ganz spannend. Aber wenn wir nicht das ganze Risiko übernehmen müssten, sondern nur 90% – dann würden wir uns damit wohler fühlen. Und wären bereit, sagen wir, 500 Mio. Euro zu investieren.

Hieße: Die restliche 10% -Tranche müsste Auxmoney als Marktplatz selbst aufs Buch nehmen. Wären 50 Mio. Euro. Gemessen an den 150 Mio. Euro frischem Kapital gut zu stemmen. Und schooon läge das Neugeschäft auf der Plattform nicht mehr bei 1 Mrd. Euro. Sondern bei 1,5 Mrd. Euro. Kleiner Hebel. Großer Effekt.

Wie gesagt, alles nur gesponnen. Aber natürlich haben wir Herrn Johnen die Frage mit dem Kreditbuch im Laufe des gestrigen Telefonats gestellt. Und was hat er geantwortet?

„Wir werden unserem Marktplatz-Modell in jedem Fall treu bleiben.“

Wie interpretieren Sie das, liebe Leserinnen und Leser? Unsere Interpretation lautet. Ein Dementi sieht anders aus. Denn er hätte ja auch antworten können: „Nein, wir haben auf keinen Fall vor, uns selber an Krediten zu beteiligen.“ Hat er aber nicht gesagt.

Was ist denn jetzt eigentlich das Ding mit Centerbridge?

Also, auch wenn Johnen betont, dass er und das Management-Team nicht nur 1.) an Bord bleiben, sondern sich 2.) auch mit eigenem Geld an der 150.-Mio.-Euro-Runde beteiligt haben und 3.) selbstverständlich weiterhin die alleinige operative Verantwortung tragen …

… kein US-Investor sichert sich mal eben für 150 Mio. Euro die Mehrheit an einem deutschen Fintech, um fortan zu sagen: Schau’n mer mal!

Sondern: Centerbridge ist nicht nur ein finanzieller, sondern auch ein strategisch orientierter Private-Equity-Investor, der nicht mit der Gießkanne investiert, sondern sich weltweit sehr gezielt bei Unternehmen aus der Finanzindustrie engagiert. Heißt: Centerbridge wird sich aktiv einbringen in das, was da jetzt entwickelt werden soll.

In dem Zusammenhang ist spannend, dass neben dem eigentlichen Management und dem bei Auxmoney „Board“ genannten Quasi-Aufsichtsrat noch ein weiteres Gremium installiert wird, nämlich ein „Strategic Advisory Board“, wie uns Johnen gestern erklärte. Zwei Mitglieder dieses demnächst mehrköpfigen und dann auch international aufgestellten Gremiums stehen bereits fest. Nmmlich:

  • Frank Matern, der frühere Deutschland-Chef von McKinsey
  • Axel Wieandt, Ex-Deutschbanker und Ex-HRE-Chef

Hierzu sagt Johnen: „Unser Strategic Advisory Board wird über tiefgreifende Finanzexpertise, exzellente Marktkenntnisse und ein breites internationales Netzwerk verfügen. Mit diesen Kompetenzen wird das Gremium ein wichtiger Begleiter unseres weiteren Wachstums.“

Wie steht Auxmoney eigentlich operativ da?

Johnen macht keinen Hehl daraus, dass das vermittelte Neugeschäft in diesem Jahr sinken wird (unsere Vermutung: … sogar ein gutes Stück sinken wird). Er führt das vor allem darauf, dass die Kreditbedigungen vor dem Hintergrund der Corona-Krise deutlich verschärft worden seien. Aber – und das betont er im Gespräch mehrmals: Die Ausfälle seien seit März kaum gestiegen – und zwar unabhängig von etwaigen Stundungen. Dieses Niveau werde in den nächsten Monaten zwar nicht zu halten sein. Aber: Johnen sagt, man plane damit, dass die Ausfälle lediglich „leicht“ ansteigen.

Johnens Fazit der zurückliegenden sechs Monaten lautet: „Wir haben jetzt erstmals unter Beweis stellen können, dass sich unser Risikomodell auch in konjunkturell schwierigen Zeit bewährt.“ Das kann man ihm glauben oder nicht. Dass Centerbridge und andere Investoren diese Woche 150 Mio. Euro in Auxmoney investiert haben, deutet aber darauf hin: Sooo schlecht kann es um den größten deutschen Marketplace Lender nicht bestellt sein.

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