Deep Dive

Wertpapier-Boom ebbt ab. Wie hart trifft’s Trade Republic?

10. August 2021

Von Heinz-Roger Dohms

Manchmal kommt alles zusammen. Ein smartes Team. Eine zündende Idee. Ein schlüssiges Produkt. Und ein Trend („Trading-Boom“), der besagtem Produkt urplötzlich tausende, zehntausende, hunderttausende Kunden zuführt. Und wenn dann auch noch das Timing stimmt, und zwar perfekt, dann kann das passieren, was hierzulande am 20. Mai passierte. Da vermeldete der Berliner Neobroker Trade Republic eine Funding-Runde, wie es sie in der deutschen Fintech-Branche noch nicht gegeben hatte: 750 Mio. Euro, zu einer Taxierung von 4,3 Mrd. Euro.

Nur zwei Jahre nach dem Launch war Trade Republic plötzlich mehr wert als N26. Und grob halb so viel wie die Commerzbank. Phänomenal!!!

Doch nun, zweieinhalb Monate später?

Aufmerksame Leser werden mitbekommen haben, dass Finanz-Szene.de erstmals am 7. Juli (-> War’s das mit dem Trading-Hype?) die Möglichkeit einer Trendumkehr in den Raum gestellt hat. Anfang vergangener Woche präsentierten wir Ihnen unter Verweis auf die Neukundenzahlen des Online-Brokers Flatex dann ein weiteres entsprechendes Indiz (-> Trading-Boom stockt). Indes: Wir wollten es genauer wissen. Und haben also recherchiert. Und vor allem gerechnet. Das Ergebnis?

Voilà:

1.) Baader Bank

Zwar handeln die Deutschen noch immer in einem Ausmaß, wie man es noch vor 24 Monaten nicht für möglich gehalten hätte. Aber (aber!!!): Zugleich sind die Transaktionszahlen verglichen mit dem Jahresbeginn zuletzt regelrecht eingebrochen. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Münchner Wertpapier-Spezialist Baader Bank, die als Depotführer unter anderem von Scalable Capital agiert (zur Erinnerung: Scalable ist die hiesige Nr. 1 unter den Robo-Advisern und die Nr. 2 oder Nr. 3 unter den Neobrokern). Im zweiten Quartal generierte Baader nicht mal halb so hohe Gesamterträge wie noch von Januar bis März. Das mag zwar nicht allein am Wertpapiergeschäft liegen (Baader beackert auch andere Geschäftsfelder) – aber ein ungutes Signal ist es trotzdem …

2. Euwax

… Dasselbe gilt für die Stuttgarter Spezialbörse Euwax, seit jeher ein guter Proxy für die Aktivität von Privatanlegern insbesondere im Zertifikatehandel. Die mag zwar nicht zu den größten Profiteuren des Trading-Booms (der Anfang 2020 einsetzte, darum beginnen unsere Zeitreihen immer mit dem Q1 2020) gezählt haben. Aber: Dass die Euwax jüngst ihre niedrigsten Dreimonatswerte seit Beginn eben jenes Booms ablieferte, das erstaunt dann doch …

3.) Sino

… Einer der ganz großen Profiteure des Wertpapier-Booms war dagegen ohne Zweifel der Düsseldorfer Heavy-Trader-Spezialist Sino. Bis vor zwei Jahren ein reiner Nischenplayer (in Q4 2019 beispielsweise kamen die Rheinländer gerade mal auf 120.000 Transaktionen), wurde aus Sino quasi über Nacht eine Gewinnmaschine. Bereits im Q1 2020 konnte der Wertpapierhändler die Zahl der abgewickelten Transaktionen fast verdreifachen, seinen Höhepunkt erlebte der Hype zu Beginn dieses Jahres: 438.000 Trades von Januar bis März, absoluter Rekord! Doch dann: Nur mehr 262.000 Trades von April bis Juni, ein Rückgang um rund 40% …

4. FlatexDegiro

… Ähnlich heftig (Rückgang: 41%), nur auf deutlich höherem Niveau, erwischte es Flatex bzw. FlatexDegiro, wie man ja neuerdings korrekterweise sagen muss. Das verminderte Neukundenwachstum bei den Frankfurtern (siehe oben) ist also nicht das einzige Indiz, dass die Euphorie nachlässt – bei den Transaktionen sieht es genauso aus ….

5.) dwp Bank

… Interessant in diesem Kontext: Bei der dwp Bank, also beim Wertpapier-Abwickler der Sparkassen und Genobanken, betrug das Minus im Frühjahrsquartal gemessen am Vorquartal nur 18%. Allerdings: Die beiden Verbünde hatten zuvor vom großen Trading-Boom da draußen auch kaum profitiert. Sollte der Wertpapier-Hype seinen Peak tatsächlich schon überschritten haben (was wir nicht behaupten wollen), dann ließe sich vielleicht folgende These aufstellen: Sparkassen und Genos haben gegen Ende noch ein bisschen was mitgenommen (worauf ja auch der enorme Nettoabsatz beim genossenschaftlichen Fondsanbieter Union Investment im ersten Halbjahr hindeutet), dann war es aber auch schon wieder vorbei …

6.) Commerzbank

… Überhaupt muss man sagen: Nicht nur die Nischenplayer und Spezialanbieter haben etwas Federn gelassen, sondern auch die (wertpapieraffinen) Großbanken. Das eine Beispiel: die Commerzbank mit ihrem zur reinen Marke herabgestuft Onlinebroker Comdirect. Zwar weist die Commerzbank nicht aus, wie viel von den Provisionen ihrer Privat- und Firmenkundenbank aus dem Wertpapiergeschäft kommen.

Aber wenn man sich anschaut, wie das Provisionsergebnis im Q1 2021 zunächst (jedenfalls verglichen mit dem direkten Vorquartal) hochgeschossen ist, nur um im Q2 wieder merklich zu fallen, dann liegt folgende Deutung auf der Hand: Ein nicht unerheblicher Teil dieses Aufs und Abs ist dem Trading-Boom bzw. dessen Abebben zuzuschreiben. Erinnert sei in diesem Zusammenhang auch an unsere große Analyse zu den Coba-Q2-Zahlen: Die Commerzbank hat zuletzt gar keinen so schlechten Job gemacht. Was am Ende fehlte, das wäre (zumindest für die Optik) noch ein Hauch Trading-Boom gewesen …

7.) ING Diba

… Fast dasselbe lässt sich über die ING Diba sagen (siehe hier unsere Analyse zu deren Q2-Zahlen). Auch hier überraschte das vergleichsweise maue Quartalsergebnis nicht wirklich. Denn dass das Zinsergebnis abrutscht, davon hatte man ebenso ausgehen können wie von leicht steigenden Kosten. Was indes überraschte, das war der dann doch wieder schwächere Provisionsüberschuss – mutmaßlich eine Mehr-oder-weniger-eins-zu-eins-Funktion des im Vergleich zum Vorquartal bescheidenen Wertpapiergeschäfts. So weit ist es also gekommen: Die Ergebnisse gestandener Großbanken wie der Commerzbank oder der ING Diba hängen an den Launen der Retail-Trader …

8. Trade Republic

… Womit wir zum Ende unserer Analyse nun endlich zu Trade Republic kommen. Als einziger der hier aufgeführten Player veröffentlichen die Berliner keinerlei Transaktionsvolumina. Allerdings gibt es einen mutmaßlich guten Proxy – nämlich die Trading-Zahlen des Düsseldorfer Handelsplatzes LS Exchange. Dabei handelt es sich sozusagen um die Haus-und-Hof-Börse von Trade Republic. Weshalb man umgekehrt davon ausgehen darf, dass ein beträchtlicher Teil des Trading-Volumens auf der LS Exchange von Trade Republic kommt (der Aufstieg des Handelsplatzes vollzog sich quasi parallel zum Aufstieg des Berliner Neobrokers).

Jedenfalls: Die LS Exchange (bzw. der dahinter stehende Wertpapier-Spezialist Lang & Schwarz) hat zwar noch keine Q2-Zahlen veröffentlicht. Allerdings kursieren im halböffentlichen Raum dicke, von Kennern als glaubhaft eingestufte Excel-Tabellen zu ihren Handelsdaten. Und schaut man sich die an, dann ergibt sich für das zweite Quartal gemessen zum Vorquartal ein Rückgang von 37%, also vergleichbar mit der Entwicklung bei FlatexDegiro oder Sino. Allerdings: Anders als bei Sino und Flatex war bei der LS Exchange das Q2 2021 das immerhin eindeutig zweitbeste Quartal in der von uns betrachteten Periode. Wenn man also das erste Q1 2021 als Ausreißer betrachtet (Es war das Quartal mit dem Gamestop-Irrsinn und dem Reddit- bzw. Meme-Trading-Hype, siehe hier), dann ist das Wachstum an der LS Exchange immer noch intakt. Was aber nicht zwingend bedeutet, dass es aus Sicht der Trade-Republic-Gesellschafter auch stark genug ist,

Was heißt das alles also nun für das momentan höchstbewertete deutsche Fintech?

Fazit

… Also: Geht man mal frech (und versehen mit allen „Wirklich wissen tun wir es nicht“-Disclaimern dieser Welt) davon aus, dass die Trade-Republic-Kurve zumindest grob so aussieht wie die LS-Exchange-Kurve, dann bietet sich folgendes Fazit an:

Trade-Republic-CEO Christian Hecker hat zuletzt diverse Interviews gegeben, die (wenn wir es in unseren eigenen Worten und etwas verkürzt wiedergeben) darauf hinauslaufen, dass die Kernklientel eben nicht die Reddit-Trader seien, sondern eher die modernen Wertpapiersparer. Sprich: Vermögensaufbau statt Gamification. Oder wie das „Handelsblatt“ wörtlich und ergeben formulierte: „Die Altersvorsorge (der deutschen Sparer) liegt dem Trade-Republic-Mitgründer besonders am Herzen.“

Nun sei mal dahingestellt, ob das auch die Story ist, die Hecker seinen Investoren erzählt. Die Zahlen jedenfalls (also die Zahlen der LS Exchange) zeigen: Die wirklich fetten Umsätze gab es im Gamestop/Reddit-Quartal von Januar bis März. Im Q2 dagegen dürfte Trade Republic seinen ersten Wachstumsknick erlebt haben; und nun folgt das Q3, das urlaubsbedingt normalerweise eher zu den schwächeren zählt (auch hierzu kursieren übrigens erste Zahlen, die eher auf Q2-Niveau als auf Q1-Niveau liegen).

Mithin: Wäre nicht schlecht, wenn Trade Republic seine Q1-2021-Zahlen dann im vierten Quartal oder spätestens in der ersten Jahreshälfte 2022 wieder annähernd erreicht oder besser noch toppt. Und zwar am besten sogar ohne neuen Gamestop-Hype.

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