Kurz gebloggt

Wie aus Crowddesk ein rasant wachsendes Fintech wurde

10. November 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Anfang dieses Jahres wollten Johannes Laub und Jamal El Mallouki dann endlich zum großen Funding ansetzen. Doch stattdessen kam Corona. Was tun? Erste Option: Die Sache durchziehen – halt mit kräftigem Abschlag bei der Bewertung. Zweite Option: Die Expansionspläne eindampfen – was freilich bedeutet hätte, Leute zu entlassen. Dritte Option: Das eigene Tool nutzen – immerhin sind Laub und El Mallouki die Gründer von Crowddesk, einem rasant wachsenden deutschen Fintech, das eine Whitelabel-Software für Crowd-Finanzierungen aller Art entwickelt hat (und das unter anderem bei der DKB zum Einsatz kommt).

Laub und El Mallouki entschieden sich für die vierte Option. Sie gingen zu ihrer Bank. Und nahmen einen Kredit auf.

Zwei Fintech-Gründer, die einen Bankberater konsultieren und dann auch noch freimütig davon erzählen? Das ist schon mal ungewöhnlich.* Was ebenfalls ungewöhnlich ist: Crowddesk sitzt nicht in Berlin, wie all die anderen. Sondern in Frankfurt. Und noch ein Distinktionsmerkmal: Obwohl Laub und El Mallouki schon seit neun Jahren da draußen herumwuseln, obwohl sie sogar schon mal einen ziemlich fetten Rückschlag erlitten haben (okay, das haben andere auch) und obwohl sie gemessen am prozentualen Mitarbeiteranstieg das zuletzt wachstumsstärkste deutsche Finanz-Startup** hinter Trade Republic waren – eines haben Laub und El Mallouki (siehe oben und abgesehen von ein bisschen Seed-Money) bis heute nicht getan: richtig gefundet.

Wie, bitteschön, geht das?

Was heute Crowddesk heißt, hieß früher mal „LeihDeinerStadtGeld.de“. Jahrelang hatten Laub und El Mallouki an dieser Idee gearbeitet. Auch weil kommunales Crowdfunding nicht nur nach sinnstiftender Idee, sondern irgendwie auch nach riesengroßem Markt klang. Es gab dann sogar ein Pilotprojekt. 80.000 Euro für die neue Funkgeräte für die Feuerwehr von Oestrich-Winkel. Zinssatz: 0,76%. Laufzeit: sechs Jahre. Klang sehr sympathisch. Aber irgendwie setzte sich das Modell nicht richtig durch. Abgesehen von Oestrich-Winkel kamen Laub und El Mallouki mit keiner Kommune ins Geschäft.

„Wir dachten, in der Kommunalfinanizerung hätte unser Modell den größten Hebel. Rückblickend betrachtet war das ein bisschen zu optimistisch“, sagt Gründer Laub. „Darum haben wir uns irgendwann gefragt: Warum bieten wir unsere unsere Technologie und unser rechtliche Konzept nicht anderen Anbietern an?“ Aus LeihDeinerStadtGeld wurde Crowddesk. Aus B2C wurde B2B. Aus Misserfolg wurde Umsatz.

Der erste große B2B-Partner wurde Anfang 2017 die GLS Bank. Bald darauf folgten die DKB und vereinzelte Volksbanken. Abgesehen von klassischen Geldinstituten kooperiert Crowddesk auch mit Finanzanlage-Vermittlern wie Fondsdiscount oder mit Emissionshäusern wie BVT. Dabei geht es nicht nur um typische Crowd-Projekte, sondern auch um klassische Anlageformen wie Wertpapiere, geschlossene Fonds oder Private Placement. „Im Grunde zählen alle Finanzdienstleister, die regelmäßig in der Kapitalvermittlung unterwegs sind, zu unseren potenziellen Kunden“, sagt El Mallouki. Daneben kommt die Crowddesk-Software auch bei Unternehmen zum Einsatz, die selber Kapital aufnehmen wollen. Prominentester Kunde ist bislang ein nordeuropäischer Windanlagen-Hersteller.

Entfernt ist das, was Crowddesk macht, mit dem vergleichbar, was auf B2C-Ebene der Hamburger Immobilien-Crowd-Finanzierer Exporo macht. Oder anders ausgedrückt: Wenn Exporo das N26 für Schwarminvestments ist, dann ist Crowddesk die Solarisbank für Schwarminvestments. Dazu passend nennt sich Crowddesk „Software as a Service“-Anbieter. So wie die Solarisbank am liebsten „Banking as a Service“-Anbieter genannt werden will. Interessant: Auch der einstmals wichtigste Konkurrent von Exporo, nämlich Zinsland, nutzte die Technologie von Crowddesk. Bis 2019. Da wurde Zinsland von Exporo übernommen.

Über die zurückliegenden 24 Monate wurden über die Crowddesk-Software Projekte im Umfang von 87 Mio. Euro vermittelt. Irgendwas um die 1% davon dürfte bei dem Frankfurter Fintech hängen bleiben. In seine testierten Zahlen will sich Crowddesk nicht gucken lassen. Aber immerhin so viel geben Laub und El Mallouki preis: Die sogenannten „Monthly Recurring Revenues“ (quasi: der Monatsumsatz, mit dem Crowddesk auf Basis laufender Verträge kalkuliert) hätten im September bei 173.000 Euro gelegen. Macht auf zwölf Monate hochgerechnet rund 2 Mio. Euro.

Dem Bundesanzeiger lässt sich entnehmen: 2016 erwirtschaftete Crowddesk sogar schon mal einen Überschuss von 159.000 Euro, 2018 ebenfalls, da waren es 158.000 Euro. Dazwischen lag 2017 ein Verlust von 106.000 Euro, auch 2019 schrieb das Unternehmen rote Zahlen. „Verlust haben wir in den Jahren gemacht, in denen wir auch kräftig investiert haben“, so Laub

Tatsächlich wird mit den schwarzen Zahlen nun erst einmal Schluss sein. Dass Crowddesk sukzessive – und  trotz Corona – die Belegschaft aufstockt, zeigte jüngst die „Fintech-Jobmarkt-Analyse“ von Finanz-Szene.de, basierend auf Angaben bei Linkedin. Demnach bauten die Frankfurter ihre Belegschaft zwischen Oktober 2019 und September 2020 um 28 auf 63 Mitarbeiter aus (offiziell gibt Crowddesk die Zahl seiner FTEs mit 55 an …). „Dass sich unser Produkt am Markt bewährt, haben wir in den zurückliegenden Jahren zur Genüge unter Beweis gestellt“, sagt El Mallouki. Jetzt geht es darum zu skalieren, Sales und Marketing auszubauen, auch in die Techologie noch weiter zu investieren. Wir brauchen da jetzt einfach noch mehr Brainpower.“

Der Seed-Finanzierung Anfang 2018 und dem Bankkredit Anfang dieses Jahres (beide Finanzierungen lagen irgendwo um die 1 Mio. Euro oder knapp drüber) solle darum nun das erste richtige Funding folgen. In den nächsten Wochen wollen die beiden Gründer auf die ersten VC-Investoren, „wir streben in jedem Fall ein achtstelliges Funding“ an, sagt Laub, und damit auch klar ist, was das bedeutet, schiebt El Mallouki noch einmal nach: „Also mindestens 10 Mio. Euro.“

Dass das klappen könnte, liegt übrigens auch daran, dass Crowddesk zu Jahresbeginn darauf verzichtete, selber die Crowd anzuzapfen. Dann nämlich wäre der Gesellschafterkreis jetzt ziemlich unübersichtlich – ein Szenario, dass Venture-Capital-Investoren eher nicht so schätzen.


*Der Vollständigkeit halber: Es handelte sich um eine mittelgroße deutsche Geschäftsbank, die Kreditsumme lag im niedrigen siebenstelligen Bereich, der Konditionen waren okay, der Prozess nicht ganz so prickelnd.

** Genau genommen sind auch Lendico und finAPI schneller gewachsen als Crowddesk. Als Konzerntöchter (Lendico gehört zur ING Deutschland, finAPI zur Schufa) würden wir beiden allerdings keinen Startup-Status zugestehen wollen.

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing