Analyse

Zeitgold: In was, bitte, hat die Deutsche Bank da investiert?

11. Mai 2021

Von Caspar Schlenk

Die Pandemie grassierte bereits, als das Berliner Startup Zeitgold im Mai 2020 eine spektakuläre Finanzierungsrunde verkündete. 27 Mio. Euro, eingeworben unter anderem von der Deutschen Bank (die sich ein Jahr zuvor schon einmal an einem Funding von Zeitgold beteiligt hatte).

Krise? Welche Krise!

Dabei zeichnete sich damals schon ab, dass die Pandemie die Zielgruppe von Zeitgold treffen würde: Das Fintech hatte eine Buchhaltungs-Software für kleine Cafés und Restaurants entwickelt. Die Auswirkungen der Krise könne man nicht voraussehen, sagte der Gründer Stefan Jeschonnek damals zum Branchenmagazin t3n. „Wir rechnen aber weiterhin mit einer guten Entwicklung.“

Knapp drei Monate später, Ende Juli, folgte die Kehrtwende. Zeitgold feuerte 75 der insgesamt 120 Mitarbeiter und stampfte seine Buchhaltungs-Software ein, um stattdessen von nun an eine Steuer-Software zu entwickeln.

Eigentlich ist so ein „Pivot“ in der Startup-Welt nichts Ungewöhnliches. Aber nur wenige Wochen nach einem derart großen Funding??? Schon damals sorgte die Entscheidung in der Berliner Startup-Szene für Kopfschütteln. Und in Frankfurt fragten sich fintech-affine Beobachter: In was, bitteschön, hatte die Deutsche Bank da denn investiert? Und auf welcher Grundlage?

Frisch veröffentlichte Geschäftszahlen belegen nun: Bereits vor der Corona-Krise konnte Zeitgold kaum Umsätze vorweisen. Stattdessen stiegen die Verluste.

Dabei hatten die Gründer mit dem Versprechen geworben, mithilfe „Künstlicher Intelligenz“ die Buchhaltung zu digitalisieren. Doch zunächst einmal: Sollten die Besitzer von Restaurants und Cafés ihre Rechnungen in eine Box packen, die dann von Zeitgold-Mitarbeiter abgeholt wurde. Zettelwirtschaft als Vorstufe zur „KI“, sozusagen. „Die Unterlagen werden dann digitalisiert und mit Hilfe von künstlicher Intelligenz und Algorithmen in eine logische Reihenfolge und Ablage gebracht“, hieß es damals in einem Medienbericht. In einer App sollte man seine Belege einfach organisieren können.

Der Vertrieb stellte sich als schwierig heraus. „Zeitgold hat die eigene Sales-Ziele oft nicht geschafft“, heißt es aus dem Investorenumfeld, obwohl diese nicht sonderlich hoch gewesen seien. Dies schlug sich auch in den Erträgen nieder. 2019 – im Geschäftsjahr vor der Pandemie – lag der Umsatz bei gerade mal 1,38 Mio. Euro. Auch im Geschäftsbericht gesteht Zeitgold ein, man habe die eigenen Ziele nicht erreicht.

Bei einem schwerfälligen Vertrieb hörten die Probleme jedoch nicht auf. Die produktbezogenen Kosten waren extrem hoch, bei 1,38 Mio. Euro Umsatz erzielte die Firma ein Rohergebnis von minus 4 Mio. Euro. Wofür das Geld draufging? Naja, nicht zuletzt: Für das Einsammeln der Belege. Für deren Digitalisierung. In einem mittlerweile gelöschten Blogpost zum Pivot geben die Gründer dies zu: „Wir haben in den letzten Jahren enorme Fortschritte bei der Automatisierung von wiederkehrenden Buchhaltungsfällen gemacht. Aber wir müssen auch einsehen, dass es uns angesichts der komplexen und sensiblen Natur von Finanzdaten nicht gelungen ist, mit unserem Hauptprodukt eine Lösung anzubieten, ohne weiter beträchtliche Investitionen in manuelle Arbeit zu leisten.“ Dies mache es unmöglich, das Produkt zu „skalieren und es wirtschaftlich tragfähig zu betreiben“.

Seine Kunden konnte Zeitgold nicht überzeugen. „Ich fand die Abbruchrate der Kunden erstaunlich hoch“, sagt ein Geldgeber. Und auch Ladenbesitzer berichteten in einem „Gründerszene“-Bericht anschaulich von ihren Problemen. Belege seien von der Software regelmäßig falsch oder doppelt erfasst und vereinzelt sogar Überweisungen auf fremde Bankkonten veranlasst worden, heißt es in dem Artikel. „Es ist das absolute Chaos entstanden“, berichtete eine Ladenbesitzerin. Bereits beim Kurierdienst wurde offenbar versucht Kosten einzusparen. Denn die Ausgaben von Zeitgold waren insgesamt schlicht sehr hoch: Der Personalaufwand lag 2019 bei 6,5 Mio. Euro, der Jahresfehlbetrag hatte sich auf 15 Mio. Euro gesteigert.

Vertriebsprobleme oder Produktbeschwerden kommen häufiger bei Fintech-Startups vor. Doch es ist ungewöhnlich, dass alles zusammenkommt: 1.) Geringe Erträge; 2.) Probleme mit dem Produkt; und 3.) Hohe Verluste – wohlgemerkt bei einer Finanzierungssumme von insgesamt rund 50 Mio. Euro. Der ursprüngliche Plan lautete, von der Gastronomie in neue Branchen vorzudringen. Doch aus diesem Plan wurde nichts. Es fiel die Entscheidung für den Pivot.

Ein Rätsel bleibt die Finanzierungsrunde, auch wenn statt der verkündeten 27 Mio. Euro nur 22,3 Mio. Euro an frischem Geld in die Firma flossen, wie aus dem Geschäftsbericht hervorgeht. Bei dem Rest handelte es sich um Wandeldarlehen, die in Eigenkapital konvertiert wurden.

In 2020 sollte der Umsatz als Folge des Pivots sogar nochmal um 20% sinken, heißt es in dem Geschäftsbericht. Die Zeitgold-Gründer („Ihr alle wisst, wie sehr Transparenz und Offenheit den Kern unserer Kultur ausmachen“) reagierten nicht auf Anfrage.


Mitarbeit: Thomas Borgwerth

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