Exklusiv

Zieht sich Russen-Oligarch aus deutschen Fintechs zurück?

3. April 2022

Von Heinz-Roger Dohms

Der indirekt bei mehreren Kredit-Startups hierzulande investierte russischstämmige Unternehmer Oleg Boyko ordnet allem Anschein nach seine Beteiligungen neu – mit Folgen auch für die Eigentümerstruktur der deutschen Fintechs Vexcash, Cashcape und Spotcap. Im Kern scheinen die Transaktionen auf ein zumindest vordergründiges “De-Investment” hinauszulaufen. Gleichwohl bleibt einstweilen diffus, ob der Oligarch Boyko die Kontrolle über seine Beteiligungen wirklich komplett aufgibt.

Im Zusammenhang mit den aktuellen westlichen Sanktionen taucht Oleg Boyko nicht auf. Allerdings findet sich Boyko auf der sogenannten “Putin-Liste”, die das US-Finanzministerium Anfang 2018 veröffentlicht hatte. Dort sind Manager russischer Staatsfirmen sowie “Oligarchen” aufgeführt, die zum damaligen Zeitpunkt angeblich eine “Nähe” zum russischen Präsidenten aufwiesen. Das offiziell “Caatsa-Report” genannte Dokument ist keine Sanktionsliste.

Bei einer der Gesellschaften, hinter denen zumindest teilweise Boyko stehen soll, handelt es sich um die “4finance Group”. Der “4finance Group” gehört unter anderem das Berliner Fintech Vexcash, wie dessen Vorstand Vladimir Kudryashov auf Nachfrage von Finanz-Szene.de bestätigte. Die Vexcash AG weist für 2020 Umsatzerlöse von 9,7 Mio. Euro und einen Jahresüberschuss von 1,7 Mio. Euro aus. Damit zählt das 2010 gegründete Startup, das Kurzzeit-Kredite übers Internet vergibt, nicht nur zu den größeren Fintechs hierzulande – sondern auch zu den wenigen profitablen.

Rund die Hälfte der “4finance”-Anteile (und damit indirekt rund die Hälfte der Vexcash-Anteile) lagen bislang offiziell bei Vera Boyko, der Mutter Viktor Boykos. Wie aus einer kürzlich veröffentlichten Mitteilung des Unternehmens hervorgeht, soll die Boyko-Mutter ihren 49%-Stake an “4finance” Mitte März auf zunächst 27% reduziert haben. In den kommenden Wochen, hieß es, seien weitere “De-Investitionen” geplant, so dass der Anteil schließlich auf Null sinke.

Knapp 10% der Anteile gehen an Verwandte, die “ukrainische Staatsbürger” seien

Die “De-Investitionen” der Boyko-Mutter stehen erklärtermaßen im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine. In der offiziellen Mitteilung der “4finance Holding” heißt es zwar, die Transaktionen seien schon im vergangenen Jahr “initiiert” worden. Die “Ereignisse in der Ukraine” allerdings hätten die Vorgänge “beschleunigt”.

Jeweils 3,3% der Anteile sind der Mitteilung zufolge auf drei Verwandte namens Taras Boiko, Denys Boiko und Kateryna Boiko übertragen worden. Bei allen dreien handele es sich um “ukrainische Staatsbürger”, so die Mitteilung. Weitere 9,9% der Anteile sollten zudem an einen Wohltätigkeitsfonds zur Förderung des Behindertensports übergehen – wobei nicht mitgeteilt wurde, wer wiederum dahintersteht (Boyko selber war in der Vergangenheit wiederholt als Förderer des Behindertensports aufgefallen). Unklar bleibt vorerst auch, wer die verbleibenden 29% der Vera-Bojko-Anteile erhalten soll. Einen Teil bekomme das Management, steht in der Mitteilung lediglich.

Etwas schwieriger sind die Verbindungen Oleg Boykos zu Cashcape (einem Anbieter, der mehr oder weniger dasselbe macht wie Vexcash) sowie Spotcap (einem Whitelabel-Anbieter für Kredit-Software, siehe unser Stück -> Nur noch B2B: Spotcap verkauft Kreditgeschäft an Ferratum) nachzuvollziehen. Laut unseren Recherchen stellen sich die Dinge wie folgt dar:

  • Schon 2016 war Boyko übereinstimmenden Medienberichten zufolge beim Rocket-Internet-Fintech Spotcap eingestiegen – allerdings anders als bei Vexcash lediglich als Minderheitsgesellschafter. Nach verschiedenen Management-Wechseln in den vergangenen Jahren firmiert der oben bereits erwähnte Vexcash-Vorstand Kudryashov inzwischen auch als Spotcap-Geschäftsführer. In dieser Funktion teilte er uns kürzlich mit, die Mehrheit an Spotcap liege mit mehr als 60% der Anteile immer noch bei Rocket Internet sowie Holtzbrink Ventures und Access Industries. “4finance” soll demzufolge weiterhin nur einen Minderheitsanteil halten. Allerdings würden die “Veränderungen in der UBO-Struktur” (UBO steht für “Ultimate Beneficial Owner”) auch für den Minderheitsanteil bei Spotcap Anwendung finden. Sprich: Auch hier soll es irgendeine Form von “De-Investment” seitens Boykos geben.
  • Hinter Cashcape wiederum steht die vor einigen Jahren aus dem Umfeld des Bankenberaters zeb* hervorgegangene Quantic Finance GmbH. Bei dieser war 2019 zunächst als Minderheitsgesellschafter eine auf Zypern gemeldete Tirona Limited eingestiegen – die laut einem luxemburgischen Handelsregister-Auszug mit der “4finance Holding” verknüpft ist, also ebenfalls dem Boyko-Clan zuzuordnen sein dürfte. Wie nun aus deutschen Handelsregister-Auszügen hervorgeht, hatte Tirona Limited die Anteile an der Quantic Finance GmbH im vergangenen Jahr aufgestockt und hielt daraufhin zwei Drittel der Anteile. Auf Anfrage von Finanz-Szene.de teilte Quantic-Finance-Geschäftsführer Jan Weitzel mit, in der “UBO” von Cashcape gingen “ähnliche Restrukturierungen” vonstatten wie im Fall Vexcash/4finance. Sprich: Demzufolge würde der Boyko-Clan auch hier die Besitzverhältnisse neu ordnen.

Auf das operative Geschäft der drei Fintechs haben die Vorgänge, soweit wir erkennen können, bislang keine Auswirkungen.

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