01/07/20: Wirecard, ING, Flatex, Fidor, Commerzbank, Naga, N26

1. Juli 2020

Schwer zu sagen, wann Wirecards öffentliche Selbstdarstellung vollends ins Absurde abgeglitten ist  – aber vermutlich war es das Wochenende des 23./24. August 2019 (siehe unsere damalige Kommentierung „Sollen wir den Wirecard-Chef spaßeshalber mal beim Wort nehmen?“). Markus Braun hatte damals per Twitter (so viel zum Thema Ad-hoc-Pflicht …) verkündet, sein Unternehmen habe „allein in den letzten vier Wochen drei Deals unterschrieben, die für sich genommen das Potenzial haben, das gesamte Transaktionsvolumen zu übertreffen, das 2018 über Wirecard abgewickelt wurde“. Als Finanz-Szene.de nachfragte, wie das denn sein könne, drang aus dem Unternehmen nicht etwa eine Relativierung, sondern die Bekräftigung, dass sich „das Umsatzpotenzial der neuen Partnerschaften in zwei Jahren materialisieren könne“. Unbeantwortet indes blieb (wie eigentlich immer, wenn beim Fisch mal Butter sollte): Wer sind die drei neuen Partner?

Vor diesem Hintergrund ist wieder mal wohltuend, wie die „Financial Times“ Stück für Stück die Luft aus der Nummer lässt. So berichteten die Kollegen gestern Nachmittag unter Berufung auf interne Dokumente, im ersten Halbjahr 2017 hätten rund 100 Kunden für die Hälfte des globalen Umsatzes gesorgt. Insgesamt habe Wirecard im Herbst desselben Jahres rund 107.000 (zumeist kleine) Kunden geführt – das wäre etwa die Hälfte dessen, was damals kommuniziert wurde. Auch soll der „FT“ zufolge das Transaktionsvolumen mit 18 Mrd. Euro nur knapp halb so groß gewesen sein wie offiziell berichtet (37,9 Mrd. Euro). Der heraus gezogene Umsatz habe bei 292 Mio. Euro (statt der verlautbarten 616 Mio. Euro) gelegen. Klingt irgendwie plausibel. Financial Times (Paywall)

Bleiben wir in der realen Welt: Die ING Deutschland hat gestern eine sehr spannend klingende Kooperation mit Amazon bekanntgegeben. Und zwar wird die E-Commerce-Plattform ihren hiesigen Profi-Verkäufern künftig Kredite der orangesten aller orangen Frankfurter-Banken. Volumen? Zwischen 10.000 Euro und 750.000 Euro. Laufzeit? Bis zu drei Jahre. Falls Sie sich jetzt fragen, was auch wir uns gestern gefragt haben, liebe Leserinnen und Leser – nämlich: Warum macht Amazon das nicht selbst? Wir haben uns schlau gemacht. Ergebnis: Amazon hat zwar diese komische Luxemburger Lizenz (E-Money?); für Kreditvergabe hierzulande reicht die aber nicht aus. Merke: Die GAFAs mögen alles können. Alles dürfen tun sie gottseidank (noch) nicht. Und was heißt das alles nun für die deutsche ING? Und deren 2018 erworbene digitale Kreditplattform Lendico? Unser „Kurz gebloggt“: Finanz-Szene.de

Sehr geehrter Herr Frank Niehage, CEO von Flatex: Das war doch nur ein Scherz gestern! Wenn Sie wüssten, wie lieb wir Ihren fluffigen Onlinebroker in Wirklichkeit haben … Frieden?

News

Der BGH hat einer Klage der Verbraucherzentralen gegen die Deutsche Bank stattgaben. Diese darf ihr Basiskonto ab sofort nicht mehr wie bisher für 8,99 Euro im Monat anbieten (dpa/SZ) +++ In der Debatte um den angeblich geplanten Abbau von 7000 Stellen bei der Commerzbank hat Betriebsrats-Chef Uwe Tschäge die Position der Arbeitnehmerseite untermauert: „Betriebsbedingte Kündigungen darf es nicht geben, dafür werden wir kämpfen“ (HB/Paywall) +++ An der Börse übrigens schlagen sich die Berichte über massive Stellenstreichungen kaum nieder. Die Coba-Aktie schloss gestern bei 3,95 Euro, nur lumpige 18 Cent überm Freitags-Schlusskurs +++  Die NordLB kommt beim angekündigten Abbau von 2800 Stellen ohne Kündigungen aus (WirtschaftsWoche) +++ Die Fidor Bank hat sich gestern mit einigen letzten Hinweise von ihren o2-Banking-Kunden verabschiedet (teltarif.de) +++ Das Hamburger Fintech Naga hat am Montag eine Barkapitalerhöhung angekündigt und am Dienstag gleich den „erfolgreichen“ Vollzug der Vorab-Platzierung verkündet. Volumen: 4,5 Mio. Euro. +++ Wer sich die Mühe, die diversen gestern und vorgestern verschickten Naga-Mitteilungen komplett zu lesen, trifft irgendwo weit hinten auch auf die vorläufigen 2019er-Zahlen:  Ebitda minus 9,2 Mio. Euro,  Jahresergebnis minus 13,4 Mio. Euro (hierhier und hier) +++ N26 hat inzwischen erste Mitarbeiter aus der Kurzarbeit zurückgeholt (BÖZ/Bloomberg) +++ Der frühere General Counsel von N26, Robert Kilian, heuert bei Osborne Clark an. Zum zeitlichen Umfang der Tätigkeit wollte sich die Kanzlei nicht äußern. (Mitteilung)

Wirecard-News

Die Wirecard-Aktie, die am Freitag bis auf 1,13 Euro abgerutscht war, ist gestern auf 6,90 Euro gestiegen. Unsere ganze starke Vermutung: Fundamentaldaten +++ Die US-Tochter von Wirecard hat sich gestern selber zum Verkauf gestellt (Spiegel) +++ Wirecard hat seinem Ex-CEO Braun gestern die außerordentliche Kündigung ausgesprochen (Wiwo) +++ Apple hat die Wirecard-Marke Boon und den britischen Kreditkarten-Spezialisten Curve aus Apple Pay gestrichen (Apfeltalk)

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing