26/02/20: Wirercard, Bafin, Ernst & Young, James Freis, Houlihan Lokey

26. Juni 2020

Irgendwann (und vielleicht schon in den nächsten Tagen) wird herauskommen, was sich da eigentlich abgespielt hat in 85609 Aschheim zwischen dem vergangenen und diesem Donnerstag. Aber mal simpel gedacht: Die Meldung, Wirecard habe die US-Investmentbank Houlihan Lokey beauftragt, eine Finanzierungs-Strategie zu entwickeln – sie stammt vom vergangenen Freitag. Dagegen kam die Nachricht, die Gläubigerbanken hätten jetzt eigene Sanierungsberater beauftragt (nämlich FTI Consulting), erst am Dienstag. Kann es sein, dass der neue Wirecard-Chef schlicht 3-4 Tage Informationsvorsprung gegenüber den Banken hatte – und dass daher der unterschiedliche Blick auf die Dinge kam? Oder anders gesagt: Kann es sein, dass die FTI-Consulting-Leute noch das Ausmaß des Fake-Geschäfts zu ergründen suchten, während die Houlihan-Lokey-Leute schon einen Schritt weiter waren: Wo, bitteschön, finden sich inmitten dieses Fake-Meeres denn eigentlich die Inseln real existierenden Geschäfts?

Versetzen wir uns mal in die Lage des besagten „neuen“ Wirecard-Chefs, also in die Lage des Amerikaners James Freis: Anfangs Mai (im Zuge des damals verkündeten Vorstandsumbaus) hieß es, der frühere Deutsche-Börse-Manager werde bei Wirecard zum 1. Juli Vorstand für Recht und Compliance. Irgendwer (womöglich der AR-Chef, der ja auch mal bei der Deutschen Börse war???) könnte ihm damals so was gesagt haben wie: „Schau, James, das ist zwar ein einziger Augiasstall hier – aber mit den richtigen Leuten, also mit Leuten wie Dir, kriegen wir das ausgemistet.“ Vorige Woche Donnerstag hieß es dann plötzlich: Schau James, der Marsalek ist weg, Du musst schon jetzt den Vorstand machen. Und einen Tag später dann: Schau James, der Braun ist auch weg, jetzt bist Du der Chef.

Es folgten der Samstag und der Sonntag, an denen sich Freis (so malen wir uns das jedenfalls aus) mit den Beratern – neben Houlihan Lokey soll noch eine zweite Investmentbank mandatiert gewesen sein – über die Bücher beugte. Das Ergebnis muss ernüchternd gewesen sein. Denn: Am Montagfrüh, 2.48 Uhr, kam jene Ad-hoc, in der Wirecard endlich von der monatelang und sogar noch übers letzte Wochenende verfochtenen These abrückte, man sei zum Opfer des eigenen Chaosdaseins geworden (und damit letztlich zum willfährigen Opfer von Betrügern). Stattdessen musste Wirecard bzw. musste Freis in der nächtlichen Meldung einen gigantischen Bilanzbluff im Umfang von 1,9 Mrd. Euro einräumen.

Es folgten: Der Montag, der Dienstag und der Mittwoch – also nochmal drei Tage, an denen theoretisch Dinge gefunden worden sein könnten, die Freis, als er im Frühjahr zu Wirecard gelockt wurde, so eher nicht bewusst gewesen sein dürften. Und vielleicht hat sich der Amerikaner Freis ja dann mal umgeguckt unter „seinen“ Leuten aus der ersten und zweiten Führungsebene und sich gefragt: Ist unter diesen ganzen Deutschen hier (die beiden Österreicher waren ja schon weg …) eigentlich irgendeiner, dem ich vertrauen kann, wenn ich hier in den nächsten Wochen den großen Zampano machen soll? Und ist es vor diesem Hintergrund eine gute Idee, nächste Woche erst einmal 5000 Leuten (Anm. der Red.: Wenn’s so viele denn wirklich sind, wer weiß das schon?) ihr Gehalt zu überweisen. Grober Kostenpunkt: 5000 x 5000 Euro, also die nächsten 25 Mio. Euro, die pfffffffffffff …

Heike Pauls, die legendäre Wirecard-Analystin der Commerzbank, hatte die Ankunft von Freis im Mai euphorisch einen „Game Changer“ genannt. Aber womöglich gelangt ja selbst so ein amerikanischer „Game Changer“ irgendwann an einen Punkt, an dem er sich denkt: Wisst Ihr was, ihr durchgedrehten Deutschen – ohne mich.

Briefing (II)

Jedenfalls: Der gestrigen Ad-hoc von 10.27 Uhr folgte um 13.39 Uhr eine zweite Wirecard-Mitteilung, in der der Insolvenzantrag wie folgt begründet wurde: „Der Vorstand ist zu der Überzeugung gelangt, dass in der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit eine positive Going Concern Prognose nicht gestellt werden kann. Damit ist die Fortführbarkeit des Unternehmens nicht sichergestellt.“ Darüber hinaus wurde in der Mitteilung auf kommende Woche auslaufende Kredite im Gesamtvolumen von 1,3 Mrd. Euro verwiesen, wobei jedoch nicht explizit gesagt wird, dass die Banken diese Kredite nicht verlängert hätten.

Was auffällt: Abgesehen von den 1,3 Mrd. Euro fehlen in der zweiten Mitteilung (genau wie in der ersten) jedwede Zahlen. Damit gibt es zwar eine formaljuristische Begründung für die Insolvenz (drohende Zahlungsunfähigkeit, drohende Überschuldung, fehlende Going-Concern-Prognose) und gefühlt auch eine vulgärökonomische (großes Loch). Was wirklich Sache ist, weiß man aber trotzdem nicht. Eine (steile) These: Hat die Bafin die Wirecard AG geopfert, um die Wirecard Bank (also die mit den Kundeneinlagen) zu retten. Oder sind die Zahlen, die bislang im Markt sind, nicht die, die gestern zur Insolvenz-Entscheidung geführt haben?

Also: Wir haben einfach mal angefangen zu rechnen. Und das Ergebnis – natürlich unter äußerstem Vorbehalt – sieht so aus: 1.) „Das Loch“ bzw. „Das zu befürchtende Loch“ dürfte fast zwingend und womöglich sogar deutlich größer sein als die bislang bekannten 1,9 Mrd. Euro; 2.) Die absolute Höhe der Schulden ist eher nicht das Problem; und 3.) Irgendwas an der Entwicklung der Zahlen in den letzten 6-9 Monaten ist komisch. Denn dass Wirecard sich von unseren guten, kreditgebenden deutschen Banken jahrelang hat aushalten lassen, um mit dem Geld operative Verluste zu kaschieren – das liegt auf der Hand. Aber was war da im letzten Dreivierteljahr los? Unsere Rechnung: Finanz-Szene.de

Na, haben Sie sich die Rechnung gespart? Recht so. Dafür gibt’s noch was anderes Feines. Gestern Nachmittag hat sich nämlich endlich auch Ernst & Young zu Wort gemeldet, also Wirecard’s langjähriger Wirtschaftsprüfer, der die mutmaßlichen Bilanzmanipulationen bis 2018 immer brav testiert hatte. Also: Ernst & Young spricht von einem „umfassenden Betrug“ und formuliert in seiner Mitteilung folgenden raunenden Satz: „Es gibt klare Anzeichen dafür, dass das ein aufwendiger und ausgeklügelter Betrug war, in den unterschiedlichste Parteien rund um die Welt aus verschiedenen Institutionen involviert waren.“ Interessant! Denn unser Eindruck war bislang eher der eines um ein paar Helfer und Helfershelfer erweiterten Old-Boys-Netzwerks. Aber wer weiß …

Ernst & Young hält sich jedenfalls zugute, dass es „auch mit umfangreich erweiterten Prüfungshandlungen […] unter Umständen nicht möglich [ist], diese Art von konspirativem Betrug aufzudecken.“ Unter Umständen. Aha. Genau diese Umstände werden zu klären sein.

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