29/06/20: Wirecard, KfW, Baufi24, BdB, Umweltbank, Deutsche Bank

29. Juni 2020

Die große Tragik bei dem Ihnen sicherlich bekannten Fußball-Trainer war ja damals: Hätte er die Haarprobe nicht abgeben – womöglich wäre die Sache niemals aufgeflogen (und er selber doch noch Bundestrainer geworden) … Und damit zurück zu Wirecard: Eine erfundene Aktivposition ist keine Drogenablagerung im Haupthaar. Sie verschwindet mit dem erteilten Testat nicht einfach so, wie der letzte Koksrest mit einem der nächsten Friseurbesuche verschwindet. Sondern: Wenn so eine erfundene Aktivposition einmal da ist, dann ist sie da und bleibt das auch. Es sei denn, man macht sehr viel sozusagen nachholendes Geschäft (aber das fehlende reale Geschäft ist ja genau das Problem …) oder man schreibt die erfundene Position ab – was aber natürlich auch doof ist. Mit anderen Worten: Bilanzielle Fake-Positionen werden über die Zeit im Zweifel nicht kleiner, sondern eher immer noch größer. Heißt: Anders als bei dem Fußball-Trainer damals wäre der große Wirecard-Fake irgendwann von selber aufgeflogen, nämlich in dem Moment, wo der Cash ausgegangen wäre …

Die Frage ist nur: Wann? Wie lange hätte Wirecard ohne den KPMG-Sonderprüfbericht noch irgendwelche LBBWs und INGs und KfWs (zur KfW weiter unten mehr …) und Alt & Lustigs und Hufelds & Röselers und Softbanks und Ratingagenturen und Anleiheinvestoren und Sell-Side-Tölpel und Commerzbanken und ABN Amros und Raiffeisens gefunden, die das Spielchen mitgemacht bzw. finanziert hätten? Wenn man jedenfalls glaubt, was übers Wochenende zu lesen war, dann hätte das Ganze durchaus noch ein Weilchen so gehen können …

Ein Auszug: 1.) Laut „Financial Times“ (Paywall) hat sich Ernst & Young weder 2016 noch 2017 noch 2018 direkt bei der Singapurer OCBC Bank rückversichert, dass die dort angeblich deponierten Wirecard-Treuhandgelder dort auch wirklich lagerten; 2.) Laut „FAS“ (Print) hatten trotz konkreten Verdachts sowohl die Bafin als auch die vermeintliche „Bilanzpolizei“ DPR (das Kürzel steht für „Deutscher Papiertiger für Rechnungsprüfung“) jeweils nur einen Mitarbeiter für die Causa Wirecard abgestellt; 3.) Laut „Handelsblatt“ (Paywall) verdichten sich die Hinweise, dass nicht nur Bilanzpositionen erfunden, sondern auch echte Gelder in fragwürdige Kanäle geflossen sein könnten; 4.) Laut „Süddeutscher Zeitung“ hat Interims-Chef James Freis intern durchblicken lassen, er habe kein Verständnis dafür, dass Prüfern die Unregelmäßigkeiten bei Wirecard nicht aufgefallen sind …

Wiewohl, lieber James, bei allem Mitleidsbonus: Der KPMG-Prüfbericht war ja draußen, bevor Du Dich am 8. Mai zum künftigen Wirecard-Vorstand ausrufen ließt – auch das kann leider nicht verschwiegen werden … Womit wir schließlich bei dem Mann angekommen wären, der bis zu jenem 8. Mai den großen „Aufräumer“ gab, von dem man seitdem aber fast noch weniger gehört hat als von einem gewissen Burkhard Ley (Wirecard-CFO 2006 bis 2017) und von einem gewissen Wulf Matthias (Wirecard-AR-Chef 2008 bis 2019) – wir sind also bei Thomas Eichelmann, dem gegenwärtigen AR-Chef.

Was genau den AR (inklusive Eichelmann) letzten Endes veranlasst hat, bildlich gesprochen die Haarprobe abzugeben, als er im vergangen Oktober den KPMG-Prüfbericht in Auftrag gab – wir wissen es nicht. Was wir hingegen wissen: Eichelmann ist ganz sich kein Gewinner des Falls Wirecard. Bzw.: Bezogen auf sein eigenes Vermögen ist er sogar ein großer Verlierer. Denn: Wussten Sie, dass Eichelmann mehrere sogenannte „Barrier Reverse Convertible“- Zertifikate im Nennwert von geschätzt jeweils 300.000 Euro hielt? Und jetzt raten Sie mal, was mit einem dieser Papiere letzte Woche passiert ist – und weswegen … Unsere Recherche: Finanz-Szene.de

Kurz-News: Auch die KfW hat bei Wirecard reichlich Geld im Feuer, nämlich über die Tochter Ipex exakt 100 Mio. Euro. Ein Totalverlust droht. (Börsen-Zeitung) +++ Wirecard hat sich am Samstag an Kunden und Partner gewandt. Hier der Wortlaut: DGAP +++  Als Konsequenz aus dem Wirecard-Skandal kündigt die Bundesregierung den staatlichen Auftrag für die weiter oben schon erwähnte „Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung“. (bild.de) +++ Die „FT“ stellt zu Recht fest, dass dies einen Bedeutungsgewinn – ausgerechnet – für die Bafin bedeutet (FT/Paywall) +++ Laut „Süddeutscher Zeitung“ dürfte ebendiese Bafin in den nächsten Tagen ein „Moratorium“ über die Wirecard Bank verhängen … +++ … Danach werde die BdB-Einlagensicherung die Kontrolle über das Institut übernehmen …  +++ … Im Anschluss komme es wahrscheinlich nicht zu einer Auffanglösung, sondern zu einer Insolvenz der Bank (Süddeutsche) +++ Laut „BÖZ“ fielen rund eine Woche vor der Wirecard-Insolvenz etwa 590 Mio. Euro der Wirecard-Bank-Einlagen unter die BdB-Einlagensicherung, rund 78 Mio. Euro unter das gesetzliche Schutzsystem (BÖZ/Paywall) +++ Die Deutsche Bank hat den Stresstest der US-Fed bestanden, muss im US-Geschäft aber wegen der Corona-Krise mit höheren Kapitalauflagen rechnen (FAZ) +++ Der frühere Interhyp-Chef und ING-Diba-Vorstand Michiel Goris wird neuer AR-Chef des Hamburger Baugeld-Vermittler Baufi24 und beaufsichtigt dort den CEO Tomas Peeters, in dessen Lebenslauf ebenfalls „Interhyp“ und „ING Diba“ stehen (per Mail) +++ Michael Kemmer (Ex-BayernLB, Ex-BdB) ist neuer AR-Chef der Umweltbank (Mitteilung)

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