Exklusiv

Aldi Süd düpiert Wirecard. Blitz-Deal mit Sparkassen-Acquirer

1. Juli 2020

Von Heinz-Roger Dohms

Bereits einen Tag nach Eröffnung des vorläufigen Insolvenzverfahrens bei Wirecard dockt einer der wichtigsten Kunden seinen Zahlungsverkehr offenbar bei einem unmittelbaren Wettbewerber an. Wie mehrere Branchen-Insider gegenüber Finanz-Szene.de berichteten, werden Kreditkarten-Zahlungen bei Aldi Süd in Zukunft über Payone abgewickelt – einem Joint-Venture von deutschen Sparkassen und französischem Ingenico-Konzern. Unklar blieb gestern, was mit Aldi Nord ist. In Finanzkreisen wird allerdings für wahrscheinlich erachtet, dass sich auch die Nord-Hälfte des größten deutschen Discounters nach einem alternativen Acquirer umsehen könnte.

Eine offizielle Bestätigung für den Blitz-Deal zwischen Aldi Süd und Payone war gestern nicht zu bekommen. Keines der beiden Unternehmen wollte auf Anfrage von Finanz-Szene.de Stellung nehmen. Der Sprecher des vorläufigen Insolvenzverwalters Michael Jaffé war trotz mehrmaliger Anrufversuche nicht zu erreichen. Auch zwei Wirecards-Sprecherinnen gingen nicht ans Telefon.

[Zusatz Donnerstag, 2. Juli, 11.05 Uhr: Soeben ist die Stellungnahme von Aldi Süd bei uns eingegangen. Hier, was das Unternehmen mittteilt: „Die Abwicklung von Kreditkartenzahlungen bei ALDI SÜD erfolgt seit 1. Juli über die Payone GmbH. Die Zusammenarbeit mit der Wirecard Bank AG beschränkt sich seitdem auf das Geschäft mit der ALDI Geschenkkarte.“]

Für Insolvenzverwalter Jaffé bedeutet die Entscheidung von Aldi Süd eine schwere Hypothek. Der renommierte Jurist hatte am Dienstagabend im Anschluss an eine Gläubigerversammlung gesagt, es habe sich bereits „eine Vielzahl von Investoren aus aller Welt gemeldet“, die Interesse am Kerngeschäft oder an Teilbereichen von Wirecard gezeigt hätten. Dazu passend geistern seit Anfang der Woche prominente Namen wie Nets (großer skandinavischer Payment-Konzern) oder Wordline (sehr großer französischer Payment-Konzern) durch die Medien. Tatsächlich gehen Branchenkenner davon aus, dass die Konkurrenz die Wirecard-Insolvenz nutzen wird, um sich einzelne Geschäftsbereiche einfach mal anzuschauen. Dass jedoch ein regelrechter Bieterwettstreit ausbricht – das wird eher bezweifelt. Zumal wenn weitere große Kunden auf Distanz gehen sollten.

Die Partnerschaft zwischen Wirecard und den beiden Aldis war vor einem Jahr verkündet worden. In der Branche sorgte die Liaison damals für Erstaunen. Denn: Zum einen passte das Aschheimer Payment-„Enfant terrible“ kulturell nicht wirklich zum – auch in Fragen der Zahlungsabwicklung – eher konservativen Aldi-Konzern. Vor allem aber: Wirecard hatte sich in den letzten Jahren eher im E-Commerce einen Namen gemacht. Als Acquirer am physischen Point of Sale trat der Dax-Konzern kaum in Erscheinung. Der Deal mit Aldi bedeutete für Wirecard daher einen ungeheuren Reputationsgewinn mit sich. Die Aktie stieg an dem Tag, an dem die Kooperation publik wurde, um 6%.

Wann genau sich bei Aldi Süd die Stimmung gegen Wirecard wendete, ist nicht ganz klar. Branchenkenner gehen jedoch davon aus, dass der Deal mit Payone relativ kurzfristig erfolgt sein könnte. „Auch Sicht von Aldi war die Situation der vergangenen Tage schwer akzeptabel“, sagt einer, der den deutschen Lebensmittelhandel aus dem Zahlungsverkehrs-Kontext heraus bestens kennt. „Es muss sichergestellt sein, dass die Kunden jederzeit so zahlen können, wie sie das wollen. Daran darf es nicht den geringsten Zweifel geben.“ Hinzu kommt: Bei Kreditkarten-Zahlungen geht das Geld von Visa oder Mastercard zunächst zum Acquirer – und erst von dort zum Händler. Auch in dieser Hinsicht könnte es vonseiten Aldis Bedenken gegeben haben.

Was natürlich festzuhalten ist: In den vergangenen Tagen funktionierten die Zahlungen bei Aldi einwandfrei. Was auch daran liegt, dass nicht die insolvente Wirecard AG der Vertragspartner ist, sondern die darunter aufgehängte Wirecard Bank. Und die ist nicht pleite. Indes: Bei etlichen europäischen Kreditkarten-Fintech, die mit der ebenfalls nicht insolventen britischen „Wirecard Card Solutions“ kooperieren, hatte es übers letzte Wochenende massive Probleme gegeben. Insofern wäre nachvollziehbar, wenn die Situation rund um Wirecard bei Aldi Unwohlsein ausgelöst hätte.

Für Payone ist die Blitz-Partnerschaft mit Aldi (eine Quelle sagte uns, das Andocken habe nur wenige Tage gedauert; es handle sich „um ein regelrechtes Husarenstück“) ein großer Erfolg. Der in Frankfurt ansässige Zahlungsverkehrs-Spezialist war erst letztes Jahr aus dem Zusammenschluss der Sparkassen-Tochter BS Payone mit einer deutschen Ingenico-Gesellschaft (die früher als „Easycash“ firmierte) entstanden. Finanz-Szene.de hatte kürzlich exklusiv berichtet, dass Payone seine Standorte in Bochum und Hamburg schließen will; der Aldi-Coup könnte dazu beitragen, dass sich die Stimmung wieder zum Besseren dreht.

Im Markt ist bekannt, dass Aldi bei anderen Bezahlformen als der Kreditkarte schon länger mit Payone kooperiert. Nach Informationen von Finanz-Szene.de sollen die beiden Unternehmen momentan zudem an einem digitalen (=E-Commerce-) Projekt arbeiten.

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