Exklusiv

Bafin führte bei Wirecard Bank große Sonderprüfung durch

14. Juli 2020

Von Christian Kirchner

Die Bafin hat die Banktochter der insolventen Wirecard AG sehr viel intensiver durchleuchtet als bislang bekannt. So führte die Finanzaufsicht laut exklusiven Finanz-Szene.de-Informationen im Juni und Juli 2017 eine fast zweimonatige Sonderprüfung bei der Wirecard Bank durch. Mitte 2019 ließen die Aufseher eine weitere Sonderprüfung folgen. Wie aus einer uns vorliegenden Antwort des Finanzministeriums auf ein Anfrage des Grünen-Abgeordneten Danyal Bayaz hervorgeht, soll bei der ersten Prüfung das Kreditgeschäft im Fokus gestanden haben. Bei der zweiten sei es dann ums Thema Geldwäsche gegangen.

Die Sonderprüfungen werfen neue Fragen nach der Rolle der Bafin in dem milliardenschweren Skandal auf. Nachdem Wirecard infolge eines verweigerten Bilanz-Testats zusammengebrochen war, hatte sich die Bonner Behörde auf den Standpunkt gestellt, sie sei für den Aschheimer Zahlungsdienstleister überhaupt nicht zuständig gewesen – sondern lediglich für die Wirecard Bank. Dass die Bafin indes bei ebendieser Bank zuletzt im Abstand von nur 24 Monaten gleich zwei Sonderprüfungen durchführen ließ, hatte Bafin-Chef Felix Hufeld bislang nicht erwähnt. Und zwar nicht nur bei öffentlichen Stellungnahmen – sondern Teilnehmern zufolge auch bei seinem Auftritt vor dem Finanzausschuss des Bundestags am vorvergangenen Mittwoch.

Dass die Bafin binnen relativ kurzer Zeit gleich zwei Sonderprüfungen bei einer Bank anordnet, ist laut Kennern der Prüfungspraxis ungewöhnlich. Zumal: Gemessen an ihrer Bilanzsumme von zuletzt 1,6 Mrd. Euro handelt es sich bei der Wirecard Bank um ein relativ kleines Institut, das überdies über starke Liquiditäts- und Kapitalwerte verfügte. Die Sonderprüfungen nach §44 KWG, wie sie bei der Wirecard Bank durchgeführt wurden, sind eines der schärfsten Schwerter der Aufsicht überhaupt. Im gesamten Kalenderjahr 2018 kam es deutschlandweit zu gerade einmal 153 dieser Prüfungen, die turnusmäßigen bereits eingerechnet. Das heißt: Rein rechnerisch müsste jede der rund 1700 Banken und Sparkassen hierzulande nur alle 10-12 Jahren mit einer „44er-Prüfung“ rechnen. Hinzu kommt: Die Prüfungen konzentrieren sich in der Regel auf große Banken mit entsprechend hohen Kreditvolumina.

Wie aus der Auskunft des BMF auf Anfrage des Abgeordneten Bayaz hervorgeht, zog sich die Sonderprüfung im Jahr 2017 exakt vom 3. Juni bis zum 21. Juli – und damit über sieben Wochen. Sie umfasste laut BMF-Antwort das „Kreditgeschäft“. Finanz-Szene.de liegen dazu die glaubwürdigen Aussagen eines spezialisierten Branchen-Beraters vor, der diese beim Berliner Rechtsanwalt Dr. Marc Liebscher hinterlegt hat. Demnach umfasste die Sonderprüfung 2017 zwar nur das „Kreditgeschäft“. Damit war aber auch notwendigerweise das Risikomanagement und das Meldewesen der Wirecard Bank AG an sich Prüfungsbestandteil. Und bei Einblick in die Geschäftsdaten hätte nahe gelegen, dass eine genauere Untersuchung des Rechnungswesens der Wirecard Bank AG hätte stattfinden müssen. „Spätestens da hätte aber auch der Bafin unabhängig vom Anlass der 2017er Prüfung bemerken müssen, dass sich die wesentlichen auch kreditrechtlichen Vorgänge auf Ebene der Wirecard AG und nicht der Wirecard Bank AG abspielen – und hätte sie die Konsequenzen ziehen müssen, auch die Wirecard AG zu prüfen“. Auch auf dieser Grundlage will Rechtsanwalt Liebscher Staatshaftungsansprüche gegen BaFin und DPR geltend machen.

Das gleiche gelte für die Paragraf-44-Sonderprüfung wegen Geldwäschebekämpfung, die im Juli 2019 statt fand und die nur drei Tage dauerte. „Wenn es überhaupt Geldwäschevergehen hätte geben können, dann hätten diese naheliegenderweise auf Ebene der Wirecard AG stattgefunden und nicht der streng regulierten Bank AG“, so der Branchen-Experte.

War es letztlich Zufall, dass sich die Bafin ausgerechnet die Wirecard Bank derart intensiv anschaute? Oder folgte sie konkreten Verdachtsmomenten? Und wenn ja: Wonach hat sie möglicherweise gesucht – und was hat sie gefunden? Oder anders gefragt: Hat sie an den richtigen Stellen gesucht?

Tatsächlich erscheint plausibel, dass durch die Wirecard Bank – eben weil sie dem Zugriff der Finanzaufsicht ausgesetzt war –  tendenziell eher saubere Geschäfte liefen. Ein großer Teil der zweifelhaften Forderungen innerhalb des Wirecard-Konzerns (namentlich aus dem Drittpartnergeschäft und wohl auch aus dem sogenannten „Merchant Cash Advance“-Bereich) soll sich jedenfalls außerhalb der Bankbilanz abgespielt haben. Laut dem 2016er-Offenlegungsbericht (der deswegen relevant ist, weil die mehrwöchige, auf das Kreditgeschäft konzentrierte Sonderprüfung ja Mitte 2017 stattfand …) lag das gesamte Kreditvolumen der Bank damals bei knapp 1 Mrd. Euro. Die Außenstände gegenüber Unternehmen machten hiervon gut 200 Mio. Euro aus. Größere Auffälligkeiten im Kreditportfolio ergeben sich auf den ersten Blick nicht.

Deutlich ungewöhnlicher muten die Umsatz- und Transaktionszahlen der Wirecard Bank an. So lässt sich für 2018 im Payment-Geschäft eine Marge von 1,77% errechnen; ein Jahr zuvor waren es sogar 2,13% gewesen. Zum Vergleich: Der vielleicht wichtigste einheimische Wettbewerber, nämlich Concardis, kam 2018 auf gerade einmal 1,22% (zu den seit jeher extrem hohen Wirecard-Margen siehe auch dieser Archiv-Artikel hier). Sollten die Bafin-Prüfer sich ernsthaft für das Thema Geldwäsche interessiert haben, hätten sie womöglich an dieser Stelle ansetzen können. Denn: Mit „normalen“ Händlern lassen sich bei der Zahlungsabwicklung nur bescheidene Margen verdienen. Indes – dass die Sonderprüfung mit dem Schwerpunkt Geldwäsche Mitte 2019 nur drei Tage dauerte, das könnte darauf hindeuten, dass die Bafin in diesem Fall nur einem konkreten Einzelhinweis nachgegangen ist und auch hier offenbar kein Anlass gesehen wurde, den Mutterkonzern ins Visier zu nehmen.

Jedenfalls: Finanz-Szene.de hat der Bafin gestern Früh einen Fragenkatalog zu den Vorgängen zukommen lassen mit der Bitte, die Fragen bis zum Abend zu beantworten; am späten Abend antwortete die Bafin, man werde morgen (also am heutigen Mittwoch) antworten. Finanz-Szene wird die Antworten ergänzen, sobald sie vorliegen.

Fragen kommen auf die Aufsicht allerdings auch von anderer Stelle zu. So fordert der Abgeordnete Bayaz die Bafin auf, die Ergebnisse der Untersuchungen offenzulegen: „Die Wirecard Bank wurde in den letzten Jahren mehrfach von der Bafin geprüft – offenbar ohne relevantes Ergebnis. Nach der Insolvenz der AG und dem Schaden vieler Anleger muss die Bafin ihre Prüfergebnisse gegenüber dem Bundestag offenlegen. Erst dadurch sehen wir, ob an der falschen Stelle oder zu oberflächlich geprüft wurde. Das sind für uns wichtige Erkenntnisse bei der Aufklärung, aber auch mit Blick auf die von Olaf Scholz angekündigte Reform der Finanzaufsicht.“

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing