„Mythos Wirecard“-Serie (I)

„Beträchtliche Manipulationen“: Die Mail an die DPR im Jahr 2016

29. Juni 2020

Von Christian Kirchner

Am 26. September 2016, kurz nach halb sechs abends, erreichte die „Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung“ eine E-Mail, die aus heutiger Sicht vieles von dem enthielt, was man damals hätte wissen müssen, um bei Wirecard an den richtigen Stellen zu bohren. Von einem „eklatanten Überhang an Forderungen“ war die Rede, von „wildesten Cashflow-Schwankungen“, von „womöglich beträchtlichen Bilanzmanipulationen“ und von zwei auffälligen Tochtergesellschaften in Dubai und Irland …

Schon klar: Im Nachhinein ist man immer schlauer. Das gilt im Leben ganz allgemein, und bei Wirecard (und bei uns Journalisten) gilt es dieser Tage sowieso. Jedenfalls: Bei der DPR hieß es damals, also im Herbst 2016, man werde sich des Themas annehmen. Ist das passiert? Und warum stehen wir dann heute, wo wir stehen? Bilden Sie sich bitte Ihr eigenes Urteil

(unser Urteil ist insofern unbrauchbar, als die Mail an die DPR damals vom heutigen Finanz-Szene.de-Redakteur Heinz-Roger Dohms geschrieben wurde – wir also nicht objektiv sind. Der Kollege recherchierte damals als freier Journalist zu Wirecard).

 


Von: Heinz-Roger Dohms
Date: Do., 29. Sept. 2016 um 17:35 Uhr
Subject: Mail an **********
To:

Sehr geehrte Frau xxx,

vielleicht erinnern Sie sich, wir hatten vor 2-3 Jahren mal in Sachen Unister/Travel24 miteinander zu tun. Bei dem Thema hatte ich – wenn ich das so sagen darf – ja ein ganz gutes journalistisches Gespür. Ich hoffe, das verleiht mir ein wenig Glaubwürdigkeit für mein neues Anliegen, auch wenn der Fall nicht wirklich glaubhaft klingt.

Also, es geht um Wirecard, einen Münchner Payment-Dienstleister, der das Kunststück fertig gebracht hat, in wenigen Jahren auf eine Marktkapitalisierung von 6 Mrd. Euro heranzuwachsen. Das Kerngeschäft von Wirecard ist das Acquiring, also das Kredikartenakzeptanzgeschäft im Auftrag von (Online)-Shops. Wenn ich in einem Online-Shop mit meiner Kreditkarte einkaufe, dann geht das Geld von Visa zunächst zu Wirecard und erst von dort mit Verzug und abzüglich einer kleinen Gebühr zu dem Online-Shop. Wirecard garantiert als Acquirer, dass ich (bzw. meine Bank bzw. Visa) bei Nichtlieferung des Guts mein Geld zurückerhalte. Falls der Shop zB zwischenzeitlich pleitegeht, haftet Wirecard für den Ausfall. Für das Tragen dieses Risikos fließt die Gebühr.

Jedenfalls: In diesem ganzen Zahlungsverkehrsablauf entstehen bei Wirecard laufend Forderungen (ggü. Visa/Mastercard) und Verbindlichkeiten (ggü. den Online-Shops). Das macht die Bilanz von Wirecard im Grunde unlesbar. Ich habe mit diversen Analysten gesprochen, die die Aktie covern. Keiner sagt, er blicke da wirklich durch.

Im vergangenen Jahr erschien in der „Financial Times“ nun eine zwölfteilige Artikelserie, in der es im Kern darum ging, dass der Autor bezweifelte, dass Wirecard die Forderungen und Verbindlichkeiten aus dem Acquiring sauber bilanziert.

Hier der Link (Sie müssen das weißgott nicht lesen, nehmen Sie es als Beleg, dass sich selbst die noble FT bereits in die Niederungen dieses Themas begeben hat):

http://ftalphaville.ft.com/tag/house-of-wirecard/*

Wirecard hat auf die Kritik insofern reagiert, als dass man schlicht behauptete, der Autor habe sich in dem komplexen Geschäftsmodell verheddert und die Dinge missinterpretiert (was nicht völlig auszuschließen ist). In der Tat war es so, dass der FT-Autor zwar in seinen zwölf Beiträgen viele Fragen aufgeworfen hat, klare Belege für ein Fehlvergehen aber schuldig blieb.

Darum haben sich (und hier wird das Ganze nun wild) zwei Hobbybilanzleser (die im richtigen Leben lange Zeit im Controlling großer deutscher Unternehmen gearbeitet haben) daran gemacht, die Beweiskette zu schließen. Und: Sie behaupten nun, die Kette sei geschlossen.

Vor einigen Wochen haben sich die beiden mit Ihren Ausarbeitungen an mich gewandt. Hintergrund: Ich habe schon häufiger und durchaus kritisch über Wirecard berichtet. Darum war ich der Journalist ihrer Wahl … Natürlich war ich zunächst einmal skeptisch. Mir schienen die beiden Herrn aber hochseriös und ungemein kenntnisreich, zudem schienen mir die Vorwürfe plausibel. Ich habe die Ausarbeitungen darum an einen mir bekannten Topmanager aus der Paymentbranche weitergeleitet, von dem ich weiß, dass er Wirecard sehr gut kennt, weil […]

Dieser Payment-Manager also hat sich die Ausführungen angeschaut, zudem haben wir eine anderthalbstündige Telefonkonferenz veranstaltet, in der er die beiden Hobbybilanzleser sozusagen gechallenged hat in dem Sinne, ob die beiden nicht doch irgendwas übersehen haben. Das Ergebnis war: Der Paymentmanager sagt, die Erkenntnisse seien „absolut plausibel und glaubhaft“. Er riet mir darum dringend, den Dingen weiter auf den Grund zu gehen,

So, nun endlich zum Inhalt: Nach der Arikelserie in der FT hat Wirecard im Jahresabschluss 2015 das Acquiring erstmals separat dargestellt wird, nämlich auf Seite 154, „Forderungen aus dem Acquiringbereich: 334 Mio. Euro“. Diese Zahl „matched“ mehr oder weniger mit den Verbindlichkeiten aus dem Acquiringbereich, das sind 333 Mio. Euro. Auf den ersten Blick passt das also alles.

Die beiden Bilanzexperten sagen nun aber, unterhalb der Konzernebene dürften sich die Acquiring-Forderungen eigentlich ausschließlich bei der Wirecard Bank (eine 100-prozentige Tochter) finden, denn nur sie hat die entsprechende Lizenz, um Geschäfte mit Visa und Mastercard zu machen. Tatsächlich hat die Wirecard Bank aber nur 37 Mio. Euro Forderungen gegenüber Kreditkartenorganisationen. Ganz anders allerdings ist das bei den Aqcuiring-Verbindlichkeiten. Von denen stehen nämlich 319 Mio. Euro in der Bilanz der Wirecard-Bank. Ein entsprechender Hinweis findet sich auf S. 101 des Konzernabschlusses.

Was ist also mit den fehlenden 297 Mio Euro Forderungen? Logischerweise müssen sich diese in anderen Wirecard-Gesellschaften finden. Das allerdings wirft die Frage auf, ob andere Gesellschaften (qua Bilanzgröße kommen dafür nur zwei Wirecard-Töchter in Dubai und Irland infrage; über beide finden sich bei den Registergerichten keine Einzelabschlüsse) das Geschäft womöglich ohne Lizenz betreiben?

Doch selbst wenn die beiden Gesellschaften auch ohne explizite Lizenz Acquiring betreiben dürften, stellen sich Fragen. Denn: Der eklatante Überhang an Forderungen gegenüber Verbindlichkeiten in diesen Gesellschaften würden ja bedeuten, dass diese Töchter ihre Verbindlichkeiten gegenüber den Online-Shops schon bezahlen, bevor sie selbst das Geld von der Kreditkartenorganisationen erhalten. Das allerdings widersprich dem ganzen Prinzip des Acquiring (das ja ähnlich wie Factoring funktioniert …). Theoretisch wäre noch denkbar, dass die Beträge durch interne Verrechnungen zustande kommen. Doch die müssten sich in der Wirecard Bank finden – diese hat aber keinerlei Forderungen gegenüber verbundenen Unternehmen.

Kurzum: Die Experten und der Paymentmanager vermuten, dass mit den Forderungen irgendetwas faul ist. Bzw. mehr noch: Sie sehen hier den Ursprung womöglich beträchtlicher Bilanzmanipulationen, zumal das Zahlenwerk von Wirecard auch an vielen anderen Stellen etliche Auffälligkeiten aufweist (zB wildeste Cashflow-Schwankungen), die womöglich mit den angeblich künstlichen Forderungen zusammenhängen. Mit diesen Auffälligkeiten will ich Sie aber jetzt nicht auch noch behelligen.

Anbei zum besseren Verständnis noch zwei kleinere Aufsätze, die einer der Experten verfasst hat, dazu ein T-Konten-Modell zur besseren Veranschaulichung und die Konzernbilanz 2015. Zudem haben ich Ihnen weiter unten noch die DPR-Kritik an Wirecard aus 2008 rangehängt.

Bitte lesen Sie zumindest den [angehängten] Beitrag „[…]“. Kostet Sie höchstens 10 Minuten, versprochen!

Selbstverständlich stehen Ihnen die beiden „Hobbybilanzleser“ jederzeit für vertiefende Fragen zur Verfügung. Ich selber natürlich auch, allerdings merke ich bei dem Thema, dass mir doch das bilanztechnische Grundgerüst fehlt, um die Dinge ganz zu durchdringen.

Danke, dass Sie sich mit dem Thema befassen
Herzliche Grüße, Heinz-Roger Dohms

Anhänge:

  • Kurzaufsatz: Xxxxxxxxxxxxxxxxx
  • Übersicht: T-Konten-Modell
  • Wirecard-Akquisitionen 2010-2015
  • Geschäftsbericht 2015

 

Nach Aussage des Kollegen Dohms hieß es vonseiten der auch als „Bilanzpolizei“ bekannten DPR damals, man werde sich des Falles annehmen, aber keine Auskünfte geben; die beiden „Hobby-Bilanzleser“ wurden in der Sache niemals kontaktiert.

Finanz-Szene.de bat die Prüfstelle am gestrigen Montag um eine Stellungnahme. Vonseiten der Pressestelle hieß es, der DPR-Präsident sei terminlich die ganze Woche über gebunden – er stehe darum zunächst für ein Gespräch nicht zur Verfügung.

Wie am vergangenen Wochenende bekannt wurde, will die Bundesregierung ihren Vertrag mit der DPR infolge des Wirecard-Skandals kündigen. Der sogenannten „Bilanzpolizei“ droht das Aus.


*Anmerkung: Der damalige Link zur „House of Wirecard“-Serie ist heute nicht mehr zielführend. Stattdessen finden Sie die Serie hier

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